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Zugunglück in Bad Aibling Zahl der Opfer könnte noch steigen

Besorgniserregende Nachrichten aus den Kliniken: Nach Angaben der Polizei könnte die Zahl der Opfer vom Zugunglück in Bad Aibling weiter steigen. Inzwischen haben Experten angefangen, die dritte Blackbox zu untersuchen. Die Polizei will sich nicht an Spekulationen über Funksprüche zwischen Lokführern und Fahrdienstleiter beteiligen.

Von: Dagmar Bohrer-Glas und Jochen Eichner

Stand: 12.02.2016

"Es ist leider so, dass einige in einem kritischen Zustand sind. Es ist zu befürchten, dass weitere Menschen den Kampf um ihr Leben verlieren."

Polizeisprecherin

Bei dem Unglück waren 20 Menschen schwer verletzt worden. 62 Menschen erlitten leichte Verletzungen. Am Donnerstag erlag ein 47-jährigen Mann aus dem Landkreis München seinen schweren Verletzung. Die Zahl der Todesopfer stieg auf elf Menschen.

Spurenanalyse anhand der dritten Blackbox

Am Freitag haben Experten bei den Aufräumarbeiten die dritte Blackbox gefunden. Die Ermittlungen gestalten sich schwierig, da diese Box beschädigt ist. Alle drei Fahrtenschreiber werden ausgewertet, davon erhoffen sich die Ermittler Klarheit über die Unfallursache. Bisher habe es nach der Auswertung von zwei der drei Fahrtenschreiber keine Hinweise auf die Missachtung von Signalen gegeben.

Abgesetzte Funksprüche

Die Polizei will Medienberichte, nach denen der Fahrdienstleiter vor dem Zugunglück noch Kontakt mit den Lokführern der aufeinanderrasenden Züge aufnehmen wollte, weder dementieren noch bestätigen. "Wir wissen es schlicht nicht", sagte eine Sprecherin dem Bayerischen Rundfunk. Das Nachrichtenmagazin der Spiegel hatte berichtet, dass der Fahrdienstleiter im Stellwerk von Bad Aibling versucht hatte, die Züge per Notruf zu stoppen. Demnach soll er kurz hintereinander über Sprechfunk zwei Notrufe an die Züge abgesetzt haben.

Warum eigentlich drei Blackboxen?

In Zügen sind, ähnlich wie ihn Flugzeugen, sogenannte Blackboxen jeweils im Triebfahrzeug der Lok verbaut. Bei Meridianzügen kommt auf drei Waggons eine Box. Einer der Bad Aiblinger Unfallzüge war einspännig (mit drei Waggons, also einer Blackbox) und der andere zweispännig (mit sechs Waggons, also zwei Blackboxen). Insgesamt waren die Ermittler folglich auf der Suche nach drei Fahrtenschreibern, in diesem Fall vom Typ DSK22, das steht für "Datenspeicherkassette". Sie speichern Daten wie die Geschwindigkeit des Zugs, wann er gebremst oder beschleunigt hat und welche technischen Kommandos der Lokführer oder das automatische Steuerungssystem gegeben haben. Die Auswertung der Blackboxen aus den Zügen von Bad Aibling übernimmt die Eisenbahn-Unfalluntersuchungsstelle.

Nach der Instandsetzung von Gleisen und Oberleitungen werde es dann noch eine Testfahrt geben, bevor die Strecke in einigen Tagen wieder freigegeben werden könne.

"Die zwei Triebwagen sind jetzt voneinander getrennt, die rollfähigen Zugteile werden langsam abtransportiert. Heute wird es bis in den Abend hinein gehen, Kleinteile werden voraussichtlich morgen noch geborgen."

Eine Polizeisprecherin

Die Aufräumarbeiten werden dadurch erschwert, dass die Unglücksstelle in einem Waldstück an einer Hangkante liegt, die steil zu einem Kanal abbricht. Deshalb ist sie nur schwer zu erreichen.

Hier stießen die Meridian-Züge zusammen

Telefonnummern für Betroffene und Angehörige

Die Notfallseelsorge hat eine Hotline für Betroffene des Zugunglücks von Bad Aibling eingerichtet. Noch bis heute (12. Februar) stehen Seelsorger unter der Nummer 0174/8434727 täglich von 9 bis 18 Uhr für Gespräche zur Verfügung. Die Hotline richtet sich vor allem an Menschen, die nach dem Zugunglück leicht- oder unverletzt nach Hause gegangen sind, aber das Erlebte gern besprechen möchten. Bei Bedarf bietet das Team auch Hausbesuche an.

Für besorgte Angehörige ist das Polizeipräsidium Oberbayern Süd unter der Nummer des Bürgertelefons 08031-2003180 erreichbar.

Die Frage nach dem Warum

Polizei und Staatsanwaltschaft sprechen davon, dass es noch Wochen dauern könne, bis Klarheit über die Unfallursache herrsche. Eine 50-köpfige Sonderkommission arbeitet an dem Fall. Das Unglück soll in der kommenden Woche auch Thema im Verkehrsausschuss des Bayerischen Landtags sein.

Bisher gebe es keine Hinweise auf einen technischen Fehler oder auf Fehler bei der Signalbedienung durch einen der Lokführer, sagte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU). Ein Polizeisprecher vor Ort sagte, ein Fehler oder Vergehen - etwa des diensthabenden Fahrdienstleiters - könne zwar nicht ausgeschlossen werden. Doch sei der Fahrdienstleiter bereits unmittelbar nach dem Zusammenstoß befragt worden. Daraus ergebe sich noch "kein dringender Tatverdacht", so Polizeisprecher Jürgen Thalmeier.

"Wir brauchen noch mehr Puzzleteile, um das gesamte Bild sehen zu können."

Eine Polizeisprecherin

Ökumenischer Gedenkgottesdienst am 14. Februar ab 16 Uhr

Mit einem Gedenkgottesdienst in der Pfarrkirche St. Georg in Bad Aibling erinnern die katholische und die evangelische Kirche an die Opfer des Zugunglücks vom Dienstag. Kardinal Reinhard Marx und Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler, die Ständige Vertreterin des Landesbischofs, halten den ökumenischen Gottesdienst gemeinsam mit Angehörigen der Opfer, Unfallbeteiligten, Rettungs- und Hilfskräften. Das Bayerische Fernsehen überträgt live aus Bad Aibling.

Bilder vom Unglücksort


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Kontakter, Sonntag, 14.Februar, 09:51 Uhr

28. FDL Notruf an Tfz Führer

Das sollte sich schnell klären lassen. GSM-R Notruf für Zuggruppen und Triebfahrzeugführer an 299 werden aufgezeichnet. Gab es den Notruf oder nicht?
Das müsste doch bestätigt werden können?

  • Antwort von Zugvogel, Sonntag, 14.Februar, 16:58 Uhr

    Ja selbstverständlich lässt sich das bestätigen, wenn es so war. Übrigens wird jedes Zugfunkgespräch aufgezeichnet, nicht nur die über die Notrufverbindung. Und diese Aufzeichnung befindet sich auch zentral auf irgendeinem Server, nicht im verunglückten Fahrzeug. Die Aufzeichnungen hat man also sicherlich bereits am Unglückstag gesichert. Das sollte also alles längst geklärt sein für die Ermittler. Aber nicht jedes Ermittlungsergebnis wird sofort offiziell veröffentlicht.

Ludger, Samstag, 13.Februar, 10:30 Uhr

27. Stellwerk

Es wird viel von de Blackboxen der Züge geschrieben, und ich weiss nicht was die dritte Box anderers aufgezeichnet haben soll als die die in dem gleichen Zug war. Soweit ich informiert bin, gibt es eine solche Aufzeichnung auch im Stellwerk. Dort werden zumindest "aussergewöhnliche Ereignisse" wie das übersteuern der Automatik per Hand (Ersatzsignal) aufgezeichnet. Ich denke hier sollte sich auch das - hoffendlich korrekte - Handeln des Fahrdienstleiters nachweisen lassen. Leider hört und liest man hiervon nichts.

  • Antwort von Zugvogel, Samstag, 13.Februar, 12:57 Uhr

    Was der dritte Fahrtenschreiber anderes aufgezeichnet haben soll als der der im gleichen Zug war? Na alles zum Fahrtverlauf und zu den Handlungen des Lokführers. Der längst gefundene zweite Fahrtenschreiber des Zuges am hinteren Ende war überhaupt nicht aktiv, da hier jeder Führerstand ein eigenes Gerät besitzt. Der dürfte also so gut wie keine Informationen enthalten. Der vordere dagegen enthält die entscheidenden Daten.

  • Antwort von Nachfrager, Sonntag, 14.Februar, 06:20 Uhr

    Was soll das "übersteuern der Automatik von Hand" sein?
    Der Nachweis wird am ehesten dadurch erbracht werden können, wenn einer der EFR zur fraglichen Zeit einen Eintrag der Betätigung der Befehlstaste ergibt. Denn einer dr beiden Züge war legal auf dem Gleis und löst dadurch eine Gleisbesetztmeldung aus. Dazu werden die Blocksignale auf Hp0 gesperrt. Das Überfahren würde den 2000Hz Magneten zur Zwangsbremsung auslösen.
    Allein, es hilft nicht zu rätseln. Unruhig macht mich eher, dass nun eine nachgestellte Fahrt notwendig ist. Es lässt nichts Gutes vermuten.

  • Antwort von Zugvogel, Sonntag, 14.Februar, 17:08 Uhr

    Mit dem "übersteuern der Automatik von Hand" ist das Ersatzsignal gemeint. So steht es ja auch dabei. Und das Bedienen des Ersatzsignals wird im Stellwerk mittels Zählwerk nachgewiesen. Die PZB Aufzeichnung im Zug kann nur das Überfahren eines Halt zeigenden Signals registrieren, und ob dabei die Befehlstaste betätigt wurde oder nicht. Aber ob die Vorbeifahrt erlaubt war oder unerlaubt stattgefunden hat, das kann man rein anhand der Aufzeichnung im Fahrzeug nicht erkennen. Ob man mit oder ohne Ersatzsignal am Halt zeigenden Signal vorbei fährt macht für die PZB keinen Unterschied.

I.M, Samstag, 13.Februar, 09:58 Uhr

26. Gute Berichterstattung!

Danke BR für die wie immer gute Berichterstattung. Es ist eigentlich völlig egal welcher Zug was genau hatte. Wenn man lesen kann ist man sowieso im Vorteil. Man weiß das die Polizei nicht alles veröffentlicht was sie weiß weil die hälfte der Bürger sowieso keine Bahn-Fachsprache versteht. Es ist völlig egal wer wie heißt, für mich heißt es Lokführer ,Schaffner ,Weichensteller,und jeder weiß was gemeint ist .Was soll die Zählerei um genaue Begriffe ? Haupt Sache die Ursache wird aufgeklärt.
Den Gedenkgottesdienst halte ich auch wichtig für alle Menschen in der Umgebung und für alle freiwilligen und professionellen Einsatzkräfte; Das ist eine Art Reflektion in einer Gemeinschaft um das Vergangene besser bewältigen zu können ;um auch zu spüren ich bin nicht alleine. Ich habe keine Konfession ,fühle mich aber als Christ und habe den direkten Draht nach oben. So seh ich das.

  • Antwort von Vollzustimmer, Samstag, 13.Februar, 13:35 Uhr

    Sehr, sehr gut, was Sie da geschrieben haben. Endlich ein Kommentator der ebenso denkt.
    Super, danke und natürlich auch an den BR, dem vermutlich bei manchem Hobbygeschreibsel die Haare zu Berge stehen.

  • Antwort von Peter, Sonntag, 14.Februar, 06:12 Uhr

    Finde ich auch. Es ist doch völlig Wurst, ob es jetzt Lofführer, Waggons, Blackbox oder sonst was wie heisst. Der normale Leser und Nichtmärklinexperte muss den Text verstehen können. Alles andere zu debattieren ist so Unnütz wie ein Kropf. Zumindest sollte man nicht ewig darauf herumreiten. Die Artikel müssen von Nichtbahnern verstanden werden.
    Ich bin vollkommen zufrieden mit der Berichterstattung. Es gab in der Vergangenheit eine Reihe peinlicher "Live Berichte" speziell bei den Terrorattentaten aus Paris und übrwiegend der privaten sensationsheischenden TV Sender, die einen Informationswert gegen Null hatten. Verzichtbar in meinen Augen.
    Aber es wurde von vielen angegafft. Wie die an der Autobahn eben.

Artus, Samstag, 13.Februar, 07:42 Uhr

25. Einen 11ten Toten wird es nicht geben

Wer hat denn diese Meldung in die Welt gesetzt? Jetzt wird,gemeldet, dass noch mehrere schwerstverletzte Passagiere ums Überleben kämpfen. Wir alle hoffen, dass die Verletzten alle wieder genesen. sicher können wir uns aber nicht sein.

  • Antwort von Seher, Samstag, 13.Februar, 13:37 Uhr

    Sie müssen hellseherische Fähigkeiten haben. Halten wir uns mal lieber an die Fakten und lesen aufmerksam die Artikel.

Raimund A., Freitag, 12.Februar, 23:59 Uhr

24. Fahrplan

"Reiner Sauer, Freitag, 12.Februar, 12:13 Uhr
5. Schauerliche Berichterstattung!
Warum wurde der Fahrplan nicht eingehalten? Und wer hat den Fahrplan geändert?"

Die Frage nach dem Fahrplan geht mir schon länger durch den Kopf und ich bin auch verwundert, dass - bis auf diese Meldung von Reiner S. - noch niemand danach gefragt hat (obwohl die Pünktlichkeit der Züge ständig diskutiert wird und in diesem Fall auch mal Sinn hätte). Also muss es doch klar nachzuweisen sein, ob ein Zug außerplanmäßig unterwegs war? Nicht, dass ich damit Spekulationen nähren möchte, aber komisch finde ich schon, dass Fahrplanzeiten niemand erwähnt. Und es muss doch erlaubt sein, grundlegende Fragen zu stellen (ohne dabei gleich in eine Ecke der Indiskretion gestellt zu werden). Wir können zig-millionen Kilometer Fotos durch das All zur Erde schicken und sichtbar machen, schaffen es aber nicht zwei Züge - auch außerplanmäßig - so zu steuern, dass Zusammenstöße ausgeschlossen sind.

  • Antwort von Zugvogel, Samstag, 13.Februar, 13:05 Uhr

    Der Fahrplan ist kein Bestandteil der Sicherung von Zugfahrten. Das hat man schon vor über 150 Jahren abgeschafft. Es ist vollkommen egal welcher Zug welche Verspätung oder welche Fahrzeitreserven hat. Das spielt absolut keine Rolle für die Sicherungstechnik. Ein Zug muss mit Verspätung immer noch genau so sicher unterwegs sein wie pünktlich. Alles andere wäre inakzeptabel. Es gibt schließlich auch Züge (besonders im Güterverkehr), die zum Teil mehrere Stunden hinter oder sogar vor ihrem Plan fahren. Das kann und darf keine Auswirkung auf die Sicherheit haben. Und genau darauf sind alle Regelwerke und die Technik ausgelegt. Es ist für mich daher nicht verwunderlich, dass niemand nach dem Fahrplan fragt.
    Wäre der Fahrplan entscheidend für die Sicherheit, dann würde es wohl jeden Tag zu mehreren solchen Unfällen kommen.