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Zugunglück Bad Aibling Zweimaliges menschliches Versagen?

Diskussionen um neue Erkenntnisse über das Zugunglück von Bad Aibling: Innenminister Herrmann zufolge hat der Fahrdienstleiter nach der fälschlichen Freigabe der Strecke auch noch beim Notruf einen Fehler gemacht. Mit dieser Nachricht sorgte Herrmann für Irritationen.

Von: Jana Roller und Oliver Bendixen

Stand: 29.03.2016

Zwei verhängnisvolle Fehler führten zum Zugunglück, so Minister Herrmann.

Das Interview, das Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) der Bild-Zeitung zu neueren Erkenntnissen zum Zugunglück von Bad Aibling gegeben hat, sorgt bei Polizei und Staatsanwaltschaft für Verwirrung. Mit den Ermittlungen befasste Beamte weisen darauf hin, dass nach der letzten Pressekonferenz der Behörden eine konkrete Absprache zwischen dem Polizeipräsidium Oberbayern-Süd und der zuständigen Staatsanwaltschaft in Traunstein getroffen worden sei.

Minister durchbricht offenbar Absprache

Offenbar Absprache durchbrochen: Bayerns Innenminister Joachim Herrmann.

Dabei sei vereinbart worden, Einzelheiten - etwa zu einem möglichen Fehlverhalten des zuständigen Fahrdienstleiters - erst dann bekanntzugeben, wenn ein anklagereifes Ermittlungsergebnis vorliege und die Polizei ihren Schlussbericht an die Staatsanwaltschaft abgegeben habe. Warum der Minister selbst diese Regelung durchbrochen habe, sei etwas unklar, heißt es aus Ermittlerkreisen. Der Innenminister möchte sich auf Nachfrage nicht mehr äußern und verweist jetzt an die Staatsanwaltschaft Traunstein.

Diese bestätigt: Menschliches Versagen stehe im Mittelpunkt der Ermittlungen, aber eine abschließende Bewertung sei nach wie vor nicht möglich, da noch nicht alle Ermittlungsergebnisse vorlägen.

Eingleisige Strecke freigegeben

Und so schildert der Innenminister in der Bild-Zeitung den Sachverhalt: Der erste Fehler, den der Fahrdienstleiter am vergangenen Faschingsdienstag gemacht hat: Er gibt die eingleisige Strecke zwischen Bad Aibling Kurpark und Bahnhof Kolbermoor für zwei Züge gleichzeitig frei. Der Fahrdienstleiter bemerkt den Fehler zwar noch und will die beiden Lokführer per Funkspruch warnen.

Danach falsche Funk-Taste gedrückt?

 Fahrdienstleiter Andreas Denecke stellt am 19.09.2013 in Dortmund (Nordrhein-Westfalen) im Stellwerk in der Nähe des Hauptbahnhofs an der Stelltafel eine sogenannte Fahrstraße für eine Zugverbindung ein. | Bild: picture-alliance/dpa zu den Meldungen Fragen und Antworten Wie kompliziert ist die Arbeit eines Fahrdienstleiters?

Das Zugunglück von Bad Aibling wurde den Ermittlern zufolge durch einen Fehler des zuständigen Fahrdienstleiters ausgelöst. Das wirft Fragen auf: Wie sieht der Beruf des Stellwerkers eigentlich aus? [mehr]

Doch dabei passiert ihm - unter Stress - wohl ein zweiter verhängnisvoller Fehler: Er verwechselt offenbar die beiden nebeneinanderliegenden Ruftasten-Felder auf dem Touchscreen und informiert statt die beiden Lokführer die Fahrdienstleiter in der näheren Umgebung. Die melden sich in der Zentrale, woraufhin der Bad Aiblinger Fahrdienstleiter einen zweiten, diesmal richtig gesendeten Funkspruch an die Lokführer abschickt.

Doch da ist es schon zu spät. Die beiden Meridian-Züge stoßen frontal zusammen. Elf Menschen sterben, 85 werden zum Teil schwer verletzt. Ein technischer Defekt sei ausgeschlossen, so Herrmann. Vorherige Untersuchungen hatten bereits ergeben: Die Züge waren in Ordnung, die Bremsen haben funktioniert genauso wie das Funknetz.

Staatsanwaltschaft Traunstein: Erst Gutachten abwarten

Ob aber das Unglück hätte verhindert werden können, wenn bereits der erste Funkspruch die Lokführer erreicht hätte, ist offen. Im Rahmen einer gutachterlichen Untersuchung "wird auch die Frage zu klären sein, ob bei richtiger Abwicklung des Notrufs die Züge noch hätten zum Stehen gebracht werden können", teilte die Staatsanwaltschaft Traunstein mit.

Juristische Aufarbeitung

Der 39 Jahre alte Fahrdienstleiter habe ausgesagt und seine Fehler eingeräumt. Auf ihn komme nun wohl eine Anklage wegen fahrlässiger Tötung zu, so der Innenminister. Ihm drohen dafür maximal fünf Jahre Haft wegen fahrlässiger Tötung. Innenminister Herrmann spricht von einer tragischen Verkettung von Fehlleistungen.

GDL: Notrufsystem überprüfen

Rescue workers stand by the wreaths placed in front of two crashed trains near Bad Aibling in southwestern Germany | Bild: Reuters (RNSP) zu den Meldungen Kosten von Bad Aibling Wer zahlt nach dem Bahnunglück für die Schäden?

Nach der Zugkollision von Bad Aibling mit elf Toten werden auch Fragen nach der Höhe der Schäden und Kosten laut. Eine große Erleichterung für die Verletzten und die Familien der Opfer: Sie sind zumindest finanziell abgesichert. [mehr]

Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) fordert nach dem Zugunglück von Bad Aibling mehr Schulungen für Fahrdienstleiter und eine Überprüfung der Bedienelemente in Stellwerken auf Zweckmäßigkeit. "Es muss alles getan werden, damit sich ein solches Zugunglück wie in Bad Aibling nicht wiederholt", so der stellvertretende GDL-Bundesvorsitzende Lutz Schreiber in einer Mitteilung. Er fordert, dass die Fahrdienstleiter ebenso wie die Lokomotivführer in regelmäßigen Abständen umfassend an Simulatoren trainiert werden, damit Krisensituationen professionell bewältigt werden können.

Im Übrigen fordert die GDL zu überprüfen, ob die Bedienelemente für Bahnfunk-Notrufe in den Stellwerken zweckmäßig sind. Das Abschicken eines Notrufs vom Fahrdienstleiter zum Lokführer und umgekehrt müsse einfacher und sicherer werden, eine Verwechslung von Notruftasten ausgeschlossen sein.

Bad Aibling plant Gedenkstätte

Unterdessen wurde bekannt, dass die Stadt Bad Aibling eine Gedenkstätte für die Opfer des Unglücks plant. Sie solle wahrscheinlich am sogenannten Theresienmonument in Sichtweite der Unglücksstelle errichtet werden, sagte der erste Bürgermeister Felix Schwaller (CSU). Die Frage sei bereits mit Vertretern der beiden christlichen Kirchen besprochen. Wie die Gedenkstätte aussehen soll, sei aber noch offen. Sie werde wahrscheinlich im Herbst nach den großen Ferien errichtet und solle auch Raum bieten, um an den Jahrestagen Gedenkfeiern zu halten.


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Skeptiker, Donnerstag, 31.März, 17:40 Uhr

49. Zugvogel

Hallo Zugvogel,

im Kommentar Nr. 1 habe ich noch eine Nachfrage. Wenn sie noch da sind, schauen sie doch mal rein.

Danke

Moritz Kaiser, Mittwoch, 30.März, 10:01 Uhr

48. Autofahren ist 24mal so tödlich wie Zugfahren.

Erfasste Unfälle im Jahr 2013, „Statistical pocketbook 2015 transport“ der EU.

Könnten also alle, die hier die „schlechte“ Sicherheitstechnik der Bahn in schrillen Tönen kritisieren, sich mal dem eigenen Automobil zuwenden? Welche Sicherheitseinrichtung schützt ein Automobil vor Geschwindigkeitsübertretung und Rotlichtverstoß?

Mal ganz nüchtern:
Wenn man Sicherheitssysteme einführt, die jeden noch so seltenen Unglücksfall verhindern sollen, müssen diese Systeme eine Heerschar an Ereignissen erfassen. Diese müssen verarbeitet werden, heute werden hierzu Computer / SPSen etc. eingesetzt, die programmiert werden müssen. Die Programmierung solcher Systeme kann aber wiederum fehlerhaft sein, bzw. irgendwelche Sonderfälle nicht erfassen. Und selbst in kerntechnischen Anlagen, bei denen i.d.R. vierfache Redundanz der Sicherheitseinrichtungen vorgesehen wird, ist nicht jeder Unfall zu verhindern, wie wir heute leider wissen. Absolute Sicherheit gibt es nur, wenn der Zug steht.

  • Antwort von Zustimmerer, Mittwoch, 30.März, 11:41 Uhr

    Grundsätzlich stimme ich ihnen zu, dass Autofahren erheblich gefährlicher ist als Bahnfahren. Aber wie kommen sie auf die Zahl 24?
    Welche Berechnungsgrundlage haben sie genommen? Haben sie das selbst berechnet oder woher stammt diese Aussage?

    Und richtig istbauch, wenn sie noch so viel absichern und mehrfache Redundanz haben, ist es immer noch nicht 100% sicher. Ein Schadenseintritt wird unwahrscheinlicher, aber nie völlig auszuschließen sein. Beispiele Architektur, Erdbebensicherheit, Brückenbau, Brandschutz, Luftsicherheit und alle anderen technischen Lebensbereiche.
    Nicht zuletzt die Atomkraft wie sie schon sagten.

  • Antwort von Moritz Kaiser, Mittwoch, 30.März, 13:46 Uhr

    Selber gerechnet mit den Zahlen aus dem Transport Pocketbook. Die Zahl kommt raus, wenn man folgendes rechnet: Man teilt die Zahl der Straßenverkehrsopfer in der EU (25938) durch die der Zugopfer (97!). Diese sehr hohe Zahl dividert man dann durch den Quotienten aus dem Anteil des Straßenverkehrs an den in der EU zurückgelegten Personenkilometern (72,3%) und dem an den mit Bahn zurückgelegten (6,6%).
    Ich sehe gerade, ich habe den Anteil für den Nahverkehr vergessen, aber das macht das Kraut nicht fett.

    Die angewandte 30-Tage-Regel schönt übrigens die Statistik noch ordentlich. Eigentlich müsste man mal darstellen, wieviel Lebensjahre ein Verkehrsmittel ggü. der statistischen Lebenserwartung kostet. Da würde uns Hören und Sehen vergehen. Da fallen nämlich überfahrene Kinder mal ganz anders ins Gewicht.

  • Antwort von Zustimmerer, Mittwoch, 30.März, 17:32 Uhr

    @Kaiser

    Ja danke, alles klar. Die Diskrepanz zu Angaben der pro-schiene-allianz hat mich gestört. Die kamen auf ein 69 fach höheres Todesrisiko des Pkw, ebenfalls auf Grundlage von Personenkilometern berechnet (Datengrundlage aus 2010).

    Ich hätte das Risiko für Pkw noch höher geschätzt als 24 oder 69. Die 3400 Strassenverkehrstoten in 2015 stehen wieviel Toten im Bahnverkehr gegenüber? 2015 kenne ich keinen grösseren Bahnunfall. Höchstens kleinere Unfälle an Bahnübergängen.
    Das Risiko müsste als beträchtlich grösser sein?

  • Antwort von Moritz Kaiser, Mittwoch, 30.März, 20:35 Uhr

    Auf Grund der sehr geringen Zahl an Bahnunglücken schwankt natürlich der Quotient stark, wenn die kleinere Zahl im Nenner steht. Ich habe die Zahlen von 2013 genommen (im Report von 2015 gibt es nichts neueres) und zwar für die EU gesamt. Sicherlich wären für 2013 und Deutschland alleine ganz andere Ergebnisse rausgekommen. Da gab es nämlich gar keine Bahntoten. Deswegen habe ich mich für die Zahlen der gesamten EU entschieden, weil ich eine breitere stat. Basis für seriöser halte.
    Unfälle an BÜ sind wahrscheinlich nicht dabei, denn: „Rail: 97 passengers lost their lives in 2013; this figure does not include casualties
    among railway employees or other people run over by trains.“

Hoos, Andreas, Dienstag, 29.März, 23:23 Uhr

47. Zugunglueck Bad Aibling

Sehr geehrtes Tagesschauteam,

in Ihrer heutigen Sendung zum o.g. Thema sprachen Sie zwei Fehler des Fahrdienstleiters an, vorgeworfen durch Minister Herrmann. Zumindest beim zweiten, wonach er eine falsche Taste betaetigt haben soll, habe ich die groessten Zweifel gehegt, da es heutzutage leider keine Tasten mehr gibt. Es handelte sich um eine Touchscreen der in seiner Bedienung sehr feinfuelig gefuert werden will. Ist so etwas in einer Notsituation ueberhaupt moeglich ? Waere wie berichtet wirklich eine Taste vorhanden gewesen, das Unglueck waere nicht passiert. Die Industrie ( Technik wahrscheinlich von einem bayerischen Weltkonzern ! ) haelt man wahrschscheinlich wieder aussen vor. Der Fahrdienstleiter ist fuer mich mit dem Unglueck genug bestraft, Menschen machen Fehler aber der Kommerz gewinnt mal wieder. Ich bin Elektroingenieur und ueberzeugt, dass uns die ganze Elektronik in Zukunft verantwortungsvolle Arbeitsplaetze zerstoert. TRAURIGES DEUTSCHLAND !!!
Gruss
Andreas Hoos

  • Antwort von Ungläubiger, Mittwoch, 30.März, 05:43 Uhr

    @hoos

    Ihnen sollen wir jetzt glauben, dass sie Ahnung von Stellwerktechnik haben. Wissen sie das Baujahr des Aiblinger Stellwerkes und welche Technik dort im Einsatz ist?
    Dass es ein Touchscreen gewesen sein soll, steht ja im Text.

    Was soll bloß diese Wichtigtuerei?

    Die Angehörigen und die Öffentlichkeit verlangen Antworten. Was Herrmann gemacht hat ist die Feststellung, dass es bei menschlichem Versagen bleibt. Die Untersuchungen und das Gutachten des Sachverständigen sind noch nicht abgeschlossen. Es geht darin aber nur noch einzig um die Frage, ob bei richtige Reaktion das Unglück hätte verhindert werden können. Das muss der Richter für die Bewertung der persönlichen Schuld wissen. Entsprechend kann für die zivilen Schadensersatzansprüche der Grad der Fahrlässigkeit beurteilt werden. Das ist besonders bedeutsam, da sich die Ersatzpflicht dann unterschiedlich verteilen.
    Die Abläufe werden noch bei Gericht haarklein seziert.
    Alles andere ist unsinnig darüber zu debattieren

Oliver, Dienstag, 29.März, 22:27 Uhr

46. Wege zur Stellungnahme

Ein Minister, der zum einen solche Infos trotz gegenteiliger Absprache preisgibt und dies dann auch noch über die BILD, sollte direkt des Amtes enthoben werden. Kein Gedanke an den Betroffenen und dessen Familie verschwendet, sondern mediengeil Infos weitergegeben, um endlich mal wieder ne Schlagzeile zu haben.

Münchnerin, Dienstag, 29.März, 22:17 Uhr

45. Vorverurteilung

Bei genauer Betrachtung fragt man sich, welchem Versicherungskonzern die inakzeptable Veröffentlichung durch Minister Herrmann von Details eines laufenden Verfahrens und die mediale Verbreitung in allen Sendern von Nutzen ist.