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Ermittlungen gegen Fahrdienstleiter Menschliches Versagen, aber kein Vorsatz

Gegen den Fahrdienstleiter, der für die Abwicklung der beiden verunglückten Meridian-Nahverkehrszüge in Bad Aibling (Lkr. Rosenheim) verantwortlich war, ist ein Ermittlungsverfahren eingeleitet worden - unter anderem wegen fahrlässiger Tötung. Der 39-Jährige habe sich nicht pflichtgemäß verhalten.

Stand: 17.02.2016

Das erklärte am Dienstag Wolfgang Giese, der Leitende Oberstaatsanwalt, in einer Pressekonferenz in Bad Aibling. Unmittelbar nach dem Unglück wurde bereits gegen den Mann ein Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Tötung, Körperverletzung und wegen eines gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr eingeleitet. Auf fahrlässige Tötung stehen bis zu fünf Jahre Haft.

Laut Giese habe der Verdächtige zunächst von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch gemacht. Am Montag habe der Fahrdienstleiter - unterstützt von zwei Verteidigern - ausführlich Rede und Antwort gestanden. Wie der Staatsanwalt feststellte, handelt es sich um ein Fehlverhalten mit katastrophalen Folgen, eine fahrlässige Tat, nicht um eine vorsätzliche.

"Hätte er sich regelgemäß, also pflichtgerecht, verhalten, wäre es nicht zum Zusammenstoß gekommen."

Wolfgang Giese, Leitender Oberstaatsanwalt

Die Züge kollidierten in einer Kurve neben dem Mangfallkanal.

Genaue Angaben zu den Ereignissen machte Giese nicht. Für ein technisches Versagen gibt es laut Staatsanwaltschaft keinerlei Anhaltspunkte. Der Fahrdienstleiter hatte knapp zwei Stunden vor dem Unglück seinen Dienst angetreten. Der Mann sei nicht betrunken gewesen und habe nach bisherigem Wissen unter keinem Einfluss von Drogen oder Medikamenten gestanden, sagte der Leiter des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd, Robert Kopp.

Oberstaatsanwalt spricht von "Einzelversagen"

Der verheiratete Fahrdienstleiter verfügt über fast 20 Jahre Berufserfahrung und befindet sich zur Zeit an einem sicheren Ort, um ihn vor der Öffentlichkeit zu schützen. "Ihm geht's nicht gut", sagte Oberstaatsanwalt Jürgen Branz. "Was wir momentan haben, ist ein furchtbares Einzelversagen", fügte er hinzu. Der Fahrdienstleiter habe, als er seinen Fehler bemerkt habe, noch einen Notruf abgesetzt, sagte Branz. "Aber der ging ins Leere."

"Nach dem bisherigen Stand der Ermittlungen wurde ein Sondersignal gegeben, das nicht hätte gegeben werden dürfen."

Jürgen Branz, Oberstaatsanwalt auf der PK am 16. Februar

Eines der schwersten Zugunglücke in Deutschland

Bundesverkehrsminister Dobrindt spricht am Tag des Unglücks mit Rettern und Helfern.

Die beiden Nahverkehrszüge des zwischen Holzkirchen und Rosenheim verkehrenden privat betriebenen Meridians waren am 9. Februar in der Nähe des Kurorts Bad Aibling frontal auf einem eingleisigen Streckenabschnitt zusammengestoßen. Dabei kamen elf Menschen ums Leben, 24 wurden schwer verletzt, 61 trugen leichte Verletzungen davon. Seit dem Unglück wurden 71 Fahrgäste als Zeugen vernommen, darunter 19 Schwerverletzte.

Mehr Ersatzbusse

Es ist noch unklar, wann die Unglücksstrecke freigegeben werden kann. Der Zugverkehr zwischen Rosenheim und Holzkirchen ist weiter unterbrochen. Da die Ersatzbusse am Montag nicht gereicht haben, fahren jetzt vier zusätzliche Busse - vor allem in der Früh, damit Schüler und Pendler pünktlich zur Arbeit und in die Schule kommen.

Instandsetzung - der Zeitplan

Die Wiederherstellung der stark beschädigten Bahnstrecke dauert noch immer an. Instandsetzungsteams sind Tag und Nacht damit beschäftigt, die Schienen und Schwellen auf 120 Metern zu erneuern. Am Mittwoch soll ein 160-Tonnen-Kran den letzten Waggon auf einen Güterwagen verladen. Dann können die Techniker anfangen, die Oberleitung zu reparieren. Sie wurde für die Bergungsarbeiten abgebaut. Am Samstag ist die Simulationsfahrt von zwei Zügen auf der Strecke geplant. Die Ermittler versprechen sich davon wertvolle Erkenntnisse. Der Crash selbst soll aber nicht nachgestellt werden.


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MacMac, Mittwoch, 17.Februar, 09:44 Uhr

49. Verkettungen

... bei der Ursachen-Ermittlung muß auch die mit Sicherheit bestehende "Order" des Meridian-Betreibers hinsichtlich Vermeidung von Zugverspätungen hinterleuchtet werden !!! Hier liegt auch eine mitverantwortliche Ursache für das Unglück: In den Erfolgsstatistiken tauchen immer solche Rubriken auf, in denen die Fahrplaneinhaltungen dargestellt werden und um diese als Pünktlichkeits-Image hervorzuheben, darf es wenige oder gar keine Verspätungen geben. Da denke ich, daß die Firmenleitung nicht veröffentlichte Vorgaben an die Fahrdienstleiter und Zugführer sehr massiv machen u. auch in diesem Fall seit langem gemacht haben. In diesem Zwang steckte wohl der Fahrdienstleiter in Bad Aibling!!!! Und wenn es dann -wie im gestrigen Fernsehbericht- drei verschiedene Uhrzeitangaben gibt... braucht man gar nicht weiter zu denken. Ich hoffe für den Fahrdienstleiter nur, daß vor Gericht dieser Druck der Firmenleitung Meridian auch hinterfragt wird.

Johanna, Mittwoch, 17.Februar, 09:07 Uhr

48. Dienstjahre

Es stellt sich einem Außenstehenden schon die Frage, wenn ein Fahrdienstleiter 20 Jahre Berufserfahrung hat, wie kann es dann zu so einer falschen Handlung kommen.

wrzlpfrmpft, Mittwoch, 17.Februar, 07:39 Uhr

47. Verständliche Erklärungen

Anscheinend sind hier durchaus ein paar echte Fachleute unterwegs. An die habe ich eine Bitte: Könntet ihr die Zusammenhänge so erklären, dass sie auch Otto Normalbahnfahrer versteht? Also bitte keine Formulierungen wie "Richtungsbetrieb" oder "der Fahrweg bis zum nächsten Signal technisch gesichert" etc. Danke!

  • Antwort von Vereinfacher, Mittwoch, 17.Februar, 09:50 Uhr

    Vereinfacht ausgedrückt war einer der Züge legal und vorschriftskonform auf der Strecke. Automatisiert ist der davor liegende Gleisabschnitt besetzt und gesichert. Hätte der FDL nichts gemacht, wäre nichts passiert. Der Gegenzug wurde mittels eines Ersatzsignals (das im Falle von Störungen zum Einsatz kommt und nur mit besonderen Auflagen bedient werden darf) vom Fahrdienstleiter gedrückt. Das setzt in der Tat Sicherheitsmechanismen ausser Kraft. Zur Frage der Motivation, also des warums, habe ich noch nichts gelesen und gehört.
    Ich mutmaße, er muss abgelenkt, unkonzentriert oder geistesabwesend gewesen sein. Was er gedacht oder angenommen hat, ist nicht bekannt. Das wäre noch interessant. Bei der Gerichtsverhandlung wird es spätestens klar werden.
    Der Notruf erfolgte über GSM-R (railway) Netz. Das ist dem normalen GSM Netz ähnlich, hat aber eine Vielzahl von Sonderfunktionen. Unter anderem auch den direct-access-mode. Warum der Nothalt nicht ankam ist ebenso unbekannt.

fredlbaur, Mittwoch, 17.Februar, 06:50 Uhr

46. fahrlässige tötung

Was soll das eigentlich für ein Sicherheitssystem sein, wenn es durch den irrenden Menschen einfach ausgeschaltet werden kann? Die Sperre einer belegten Strecke muss unüberwindbar sein.

Alois Hingerl, Mittwoch, 17.Februar, 01:54 Uhr

45. FDL

Der FDL war wahrscheinlich nicht erst seit ein paar Tagen im Amt. Vermutlich könnte das Verhalten gängige Praxis gewesen sein. Aber Das hat die Staatsanwaltschaft aufzuklären.
Der FDL ist für mich gesehen genauso ein Opfer, wie alle anderen.
Glaubt irgendjemand, das man mit so einer Schuld leben kann?
Zu den vielen anderen Kommentatoren:
Was technische Systeme können ist die eine Sache, es muss aber immer eine Möglichkeit des menschlichen Eingreifens gegeben sein.
Ich will mein Leben nicht von einem Computer in Gefahr bringen lassen, das möchte ich schon selber bestimmen!
JA, auch im Flugzeug ist man von Computern abhängig. Aber, warum sitzt vorne noch ein Pilot?

  • Antwort von Ferinand, Mittwoch, 17.Februar, 10:25 Uhr

    Im Artikel steht 20 Jahre Berufserfahrung. Aber das spielt glaube ich keine Rolle. Auch erfahrene Kapitäne hatten schon sehr banale Fehler gemacht. Grösster Feind ist die Routine. Das trifft auch uns Autofahrer. Tragödien gab es genauso.
    Zur Frage der Schuld: Es gibt den objektiven und den subjektiven Tatbestand. Gerade der subjektive Tatbestand berücksichtigt die Täterpersönlichkeit. Ist er altersgemäß entwickelt, strafrechtliches Vorleben, der Grad der Sorgfaltspflichtverletzung, individueller Tatbeitrag und einiges mehr werden vom Gericht gewürdigt und in die Urteilsfindung einbezogen.
    Dem Mann wird nicht der "Kopf abgerissen". So schlimm das auch für die Angehörigen dann auch sein mag. Seine persönliche Schuld ist der eines fahrlässigen Tötungsdeliktes im Strassenverkehr ähnlich. Zivilrechtlich wird es dann schon happig. Möglich, dass nur das Existenzminimum bleibt. Muss aber nicht.
    Unerträglich ist für den Mann, mit dieser Last das Leben zu bewerkstelligen.