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Prozess um Zugunglück Bad Aibling Handyspiel lenkte Angeklagten massiv ab

Am fünften Prozesstag gegen den Fahrdienstleiter von Bad Aibling hat nun auch ein Neuropsychologe ausgesagt. Er bescheinigt, dass der Angeklagte durch das Computerspiel massiv abgelenkt war.

Von: Christine Haberlander

Stand: 01.12.2016

Am Landgericht Traunstein wurde am Donnerstagmittag der letzte Sachverständige, ein Neuropsychologe, gehört. Der 50jährige Experte hatte den Angeklagten im November untersucht. Der Angeklagte leide an Schlafstörungen und habe Zukunftssorgen. Es gebe keine Anhaltspunkte für neuropsychologische Auffälligkeiten. Der Experte bestätigte, dass der Angeklagte die Tage vor dem Unglück immer länger auf seinem Handy gespielt hat. Signifikant mehr wurde es vom ersten bis achten Februar.

Gehirn weniger leistungsfähig durch Handyspiel

Gerade Männer würden derartige Spiele häufig spielen, so der Neuropsychologe. Nach Studien stehe fest, dass die Informationverarbeitungskapazität des Gehirns begrenzt sei, so der Experte. Das vermehrte Spielen führe dazu, mehr Fehler zu machen. Das würde durch Experimente belegt: Ablenkung führt zu Fehlern. Unter Spielbedingungen gebe es einen größeren Gedächtnisabfall als ohne. Bei dem Angeklagten zeige sich problematisches Spielverhalten, aber keine Spielsucht. Er sei durch das Computerspielen in den betrieblichen Abläufen eingeschränkt gewesen. Der Neuropsychologe ist der Ansicht, dass am Unfalltag beim Angeklagten Steuerungs- und Aufmerksamkeitsprozesse durch das Computerspiel beeinträchtigt waren. Und außerdem setze die Verkleinerung des Spielfeldes auf dem Handy eine höhere Konzentration voraus.

Sehr komplexes Handyspiel

Zuvor hatte am Landgericht der 32jährige IT-Experte ausgesagt, der die Daten des Rollenspiels "Dungeon Hunter 5" aus dem Handy des Angeklagten ausgelesen und diese untersucht hat. Der Diplomingenieur zeigte zunächst auf, wie das Spiel funktioniert und welche Aktionen der Angeklagte am Unglückstag durchgeführt hat. Es wird deutlich, dass das virtuelle Spiel sehr komplex ist und es vieler Handlungsschritte bedarf, um es überhaupt zu spielen.

Grafik des Handyspiels "Dungeon Hunter 5"

Bei "Dungeon Hunter" kämpft ein Krieger in einer virtuellen Welt mit einem Schwert, das er sich aussuchen kann, gegen Monster, die ihn vernichten wollen. Es geht auch darum, eine Festung aufzubauen, die ein anderer wieder einreißen kann. Das Spiel kann alleine, aber weltweit auch mit Anderen gespielt werden, mit denen man während des Spielens chatten kann. Der Sachverständige hat auf dem Handy des Angeklagten am Unglücksmorgen drei Spielaktionen festgestellt. Das erste Spiel dauerte etwa sieben Minuten, das zweite Spiel dauerte 56 Sekunden. Das dritte Spiel dauerte eineinhalb Stunden, von 5.11 Uhr bis 6.46 Uhr. Dabei hat er auch mit einem oder mehreren Personen gechattet. Den Grund für die Beendigung konnte er nicht feststellen, also ob er das Spiel verloren hat oder es absichtlich abgebrochen hat.

Der Angeklagte hat auch nicht versucht, das Spiel zu löschen, bis sein Handy gegen 12 Uhr mittags sichergestellt wurde. Um 6 Uhr 46, 21 Sekunden setzte der Angeklagte den ersten fehlgeleiteten Notruf ab. Um 6 Uhr 47 ereignete sich die Kollision der beiden Nahverkehrszüge, bei der 12 Männer ums Leben kamen und 89 zum Teil schwer verletzt wurden.


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