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Plädoyers im Bad-Aibling-Prozess Verteidigung zweifelt an Handyspiel-Theorie

Geht es nach dem Willen der Staatsanwaltschaft, soll der Fahrtdienstleiter beim Zugunglück von Bad Aibling vier Jahre hinter Gitter. Die Anwälte des Angeklagten plädierten auf knapp drei Jahre. Die Worte eines Opferanwalts rührten den Angeklagten zu Tränen.

Von: Christine Haberlander

Stand: 02.12.2016

Die beiden Verteidiger führten aus, dass sich der Angeklagte bei den Hinterbliebenen der Opfer und bei den Verletzten entschuldigt und eingestanden habe, "große Schuld auf sich geladen zu haben". Er habe sich der fahrlässigen Tötung und fahrlässigen Körperverletzung schuldig gemacht. Was menschliches Leben wert sei, könne nicht die Frage sein. Berücksichtigt werden müsse aber auch das künftige Leben des Angeklagten. Fraglos habe der Angeklagte seine Sorgfaltspflicht verletzt, so die Verteidigung, er habe nicht vorsätzlich, sondern fahrlässig gehandelt.

Verteidiger Thilo Pfordte stellte in seinem Plädoyer die Frage, ob wirklich sicher sei, dass die Handynutzung allein ursächlich für den Zusammenstoß der beiden Regionalzüge war. Das Aufmerksamkeitsdefizit könne auch eine andere Ursache als das Handyspiel haben. Beim Mandanten sei Panik und Angst vorherrschend gewesen. Der Verteidiger sagte aber auch, es wäre wünschenswert, wenn Systeme auf eingleisigen Strecken sicherer gemacht würden. Die beiden Anwälte zogen andere Bahnunglücke wie Eschede oder Rüsselsheim heran. In allen Fällen gab es für die Angeklagten eine Bewährungsstrafe. Sie plädierten deshalb auf eine Bewährungsstrafe oder maximal auf zwei Jahre und sechs Monate Haft.

Technik war völlig in Ordnung

Oberstaatsanwalt Jürgen Branz (r.) spricht am sechsten Verhandlungstag mit dem Anwalt des Angeklagten.

Für Oberstaatsanwalt Jürgen Branz hat sich der Vorwurf der Staatsanwaltschaft in vollem Umfang bestätigt. Der Angeklagte sei ein erfahrener Fahrdienstleiter, der um die Dinge wisse, die er jeden Tag zu tun habe, so Branz - "und dann kommt er auf die unsinnige Idee, auf dem Smartphone ein Spiel zu spielen, unglaublich."

Die Technik sei in Ordnung gewesen, genauso der Stelltisch, es habe nichts gegeben, was nicht funktioniert habe, führte Branz am sechsten Prozesstag im Traunsteiner Landgericht aus. Auch die Züge seien neuester Bauart gewesen. Die Triebfahrzeugführer der Meridian-Züge hatten nach Branz' Worten die notwendige Ausbildung, sie hätten sich normgerecht verhalten.

Der Oberstaatsanwalt sagte bei seinem Plädoyer über die Hauptaufgabe eines Fahrdienstleiters: "Er hat dafür zu sorgen, dass Züge nicht auffahren oder zwei Züge auf einer eingleisigen Strecke aufeinander zufahren". Viele Fehler des 40-Jährigen hätten zu der Kollision geführt - von einer falschen Signalstellung bis zum falschen Notruf. Branz, der selbst wenige Stunden nach dem Zusammenstoß am Unglücksort war, sagte:

"Der Unfall hat sich in meiner Seele festgesetzt, das habe ich nicht vergessen. Die Folgen dieses Unfalls waren verheerend."

Oberstaatsanwalt Branz

Der Angeklagte habe den Zugverkehr geregelt, "aber gedankenlos", sagte Branz. Den Grund für die Fehlhandlungen sieht er in der Konzentration auf das Handyspiel. "Seine Aufmerksamkeit war davon gefangen". Seiner Ansicht nach ist eine andere Ursache ausgeschlossen.

Staatsanwalt spricht von fahrlässiger Handlungsweise

Das Gericht unter Vorsitz von Richter Erich Fuchs (3.v.l.)

Der Angeklagte habe durch seine fahrlässige Handlungsweise und die Verletzung seiner Sorgfaltspflicht den Tod von zwölf Menschen verursacht. Branz äußerte auch Empathie mit dem Angeklagten: "Sein Leben hat sich am 9. Februar schlagartig verändert. Die finanziellen Forderungen, die auf ihn zukommen können, seien immens." Der Oberstaatsanwalt forderte für den Angeklagten vier Jahre Haft.

Ein Nebenklagevertreter sprach ebenfalls von leichtfertigem und grob fahrlässigem Verhalten des Fahrdienstleiters. Ausschlaggebend für das Fehlverhalten sei das Computerspiel. Opferanwalt Peter Dürr aus Rosenheim führte aus, man müsse sich auch in den Angeklagten hineinversetzen. Er sei mit Sicherheit nicht der einzige Fahrdienstleiter in Deutschland, der sein Handy während der Dienstzeit zur Hand nimmt, obwohl dies verboten sei. "Vor allem der falsch geleitete Notruf sei ein Drama", so Dürr.

Entschuldigung angenommen - da weinte der Angeklagte

"In der virtuellen Welt können wir manches wiederholen, in der realen Welt nicht", so ein weiterer Anwalt in seinem kurzen Plädoyer. Ausdrücklich betonte dieser, dass seine Mandanten die Entschuldigung des Angeklagten annehmen. Dabei begann der Fahrdienstleiter zu weinen. Opferanwalt Friedrich Schweikert rügte aber auch die Bahn und verwies noch einmal auf ein kompliziertes Notfalltelefon und die langen Dienstzeiten der Bahnbeschäftigten. Dennoch: Ohne den Angeklagten wäre das Unglück nicht passiert, so Schweikert. Die meisten Opferanwälte enthielten sich einer Strafzumessung.


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