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Prozess um Zugunglück Bad Aibling Chat bis kurz vorm Zusammenprall

Im Prozess um das Zugunglück von Bad Aibling am Landgericht Traunstein hat der Entwickler des Handyspiels ausgesagt: Der angeklagte Fahrdienstleister soll mehrmals auf seinem Handy mit Mitspielern eines Online-Videospiels gechattet haben, zuletzt zwölf Minuten vor dem Zusammenstoß.

Von: Christine Haberlander

Stand: 28.11.2016

Aus Sicht der Staatsanwaltschaft war der Fahrdienstleiter durchs unerlaubte Spielen des Handyspiels "Dungeon Hunter 5" abgelenkt. Der IT-Experte hat die Handydaten des Angeklagten ausgelesen und untersucht. Weil der Computer-Fachmann am vierten Verhandlungstag krankheitsbedingt ausfiel, wurde auch der geladene Neuropsychologe nicht gehört: Er stützt sein Gutachten auf die Angaben des IT-Sachverständigen. Der Psychologe soll Auskunft geben, wie sich das Spielen auf dem Handy auf die Konzentrationsfähigkeit auswirkt. Er ist wie der IT-Experte für Donnerstag erneut geladen.

Details zum Handyspiel

Grafik des Handyspiels "Dungeon Hunter 5"

Der Fahrdienstleiter von Bad Aibling habe am Morgen des Zugunglücks mehrmals auf seinem Handy mit Mitspielern des Online-Videospiels gechattet. Dies sagte nun ein Manager jener rumänischen Firma aus, deren Spiel der 40-Jährige gespielt hatte.

Ein Chat erfolgte nach den Aufzeichnungen der Firma nur rund zwölf Minuten vor dem Zusammenstoß der beiden Nahverkehrszüge am 9. Februar. Die Befragung des Firmenmanagers ergab auch, dass der Fahrdienstleiter sein Handy aktiv bedienen musste, um online spielen können. Bei "Dungeon Hunter 5" muss der Spieler Waffen sammeln, sind Punktegewinne und ein weltweites Ranking der Spieler. Solche Spiele sind bei der Bahn im Dienst strikt verboten. 

Zugführer unter den Fahrgästen

Als erster Zeuge sagte am vierten Verhandlungstag ein Zugführer aus, der als Fahrgast im Unglückszug saß, weil er zu seiner Arbeitsstelle nach Rosenheim wollte. Er hatte beim Blick aus dem Fenster das Ersatzsignal ZS 1 gesehen, das der Fahrdienstleiter in Bad Aibling gesetzt hatte. Dieses Signal ZS 1 erlaubt in Ausnahmefällen, dass der Zug fahren darf.

Dieses Signal habe er in seiner 20-jährigen Berufstätigkeit noch nie beobachtet, erklärte der Zeuge. Gewundert habe er sich nicht. Denn: Es hätte eventuell mit einer Oberleitungsstörung zu tun haben können. Das Signal beobachtete der Zeuge auch an der Haltestelle Kurpark. Da sei es ihm dann aber komisch vorgekommen. Der Eisenbahner saß im hinteren Teil des Meridian-Zuges. Bei dem Unfall sei er fünf Meter weit in den Gang geschleudert worden. Außer Prellungen sei ihm jedoch nichts passiert.

Am Ende ging es um 36 Sekunden

Der angeklagte Fahrdienstleiter (l.) am ersten Prozesstag

Ein unabhängiger Gutachter für das Eisenbahnwesen zeigte noch einmal einen genaueren Zeitstrahl der beiden Nahverkehrszüge auf, von der jeweiligen Abfahrt bis zum Zusammenstoß der Züge - sowie die gestellten Signale durch das zuständige Stellwerk. Nach seinen Angaben hat die Technik einwandfrei funktioniert, Störungen in den Induktionsschleifen, die in den Gleisen verbaut sind, gab es demnach keine. Die Sicherung zur Notbremsung sei aber durch das Sondersignal ZS 1 vom Angeklagten außer Kraft gesetzt worden.

Der Fahrdienstleiter hätte seinen Fehler erkennen können, so der Sachverständige. Um 06:46:21 Uhr setzte der Fahrdienstleiter einen Notruf ab, der die Lokführer nicht erreichte, weil er sich verdrückt hatte. Beide Triebwagenführer konnten nicht damit rechnen, dass ihnen etwas entgegenkommt, sondern glaubten, dass sie freie Fahrt hätten.

Rund 36 Sekunden nach dem fehlerhaften Notruf ereignete sich der folgenschwere Zusammenprall. Schon am dritten Prozesstag hatte der Sachverständige ausgesagt, dass die Züge vor der Kollision rechtzeitig zum Stillstand gekommen wären, wenn sie der erste Notruf des Angeklagten in ihren Führerständen erreicht hätte und sie sofort reagiert hätten.

Sachverständiger: Verantwortung des Menschen bleibt

Auf die Frage des Richters, ob es ein zusätzliches Sicherungssystem in Zügen braucht, sagte der Experte, dass das Signalsystem, so wie es in Relaisstellwerken besteht, ein sicheres, bewährtes System sei. Es gäbe keinen Bedarf für zusätzliche Sicherungssysteme etwa mit GPS. Die Lösung müsse in die Richtung gehen, den Menschen bewusst zu machen, welche Verantwortung sie haben.

Aussagen bringen Versäumnisse der Bahn ans Tageslicht

Denkmal für die Unglücksopfer von Bad Aibling

Der wegen zwölffacher fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung angeklagte 40-jährige Fahrdienstleiter hatte seine Schuld zum Auftakt des Prozesses bereits eingeräumt und sich bei den Angehörigen entschuldigt. Im Verlauf der Zeugenanhörungen wurde aber auch deutlich, dass sich die Bahn Versäumnisse vorwerfen lassen muss. So hätte die eingleisige Strecke zwischen Kolbermoor und Bad Aibling signaltechnisch nachgerüstet werden müssen.

Auch die Ausführungen im Betriebsstellbuch seien nicht mehr auf dem neuesten Stand und die Notrufregelung, um einen Lokführer zu verständigen, zu kompliziert. Das monierten Gutachter und Zeugen.


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