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In der mobilen Arzpraxis "Ärzte der Welt" helfen Obdachlosen in München

Wer krank ist, geht zum Arzt - für die meisten Menschen eine Selbstverständlichkeit. Allerdings leben in Deutschland Zehntausende, für die das nicht gilt. Sie sind nicht krankenversichert. Wenn ihnen etwas fehlt, sind sie zum Beispiel auf die Hilfe von "Ärzte der Welt" angewiesen. Seit einem Jahr fahren sie mit einer mobilen Arztpraxis durch München.

Von: Verena Schälter

Stand: 14.01.2018

"Haben wir alles, Rafael?"

Cevat Kara

"Jo, alles dabei."

Rafael

Projektleiter Cevat Kara kontrolliert ein letztes Mal, ob alles bereit ist: Patientenliege, Medizinschränke, medizinische Geräte - alles wie in einer richtigen Arztpraxis - nur, dass sich diese Praxis in einem Bus befindet. Dann geht es los.

"Wir können akut basismedizinisch helfen, aber wenn weitere stationäre Therapie nötig sein sollte oder weitere Diagnostik, da stoßen wir an unsere Grenzen."

Cevat Kara

Drei Mal pro Woche ist das Team von Cevat Kara im Einsatz. Laut statistischem Bundesamt leben etwa 80.000 Menschen in Deutschland ohne Krankenversicherung. Experten glauben sogar, dass die Dunkelziffer weitaus höher liegt. Denn Obdachlose zum Beispiel werden von dieser Statistik gar nicht erfasst.

Hilfe für Obachlose in der Münchner Bayernkaserne

18.00 Uhr: Ankunft an der Bayernkaserne in München. Hier dürfen Obdachlose im Winter übernachten. Einige von ihnen warten bereits auf die mobile Arztpraxis. Einfache Erkältung, Erfrierungen, Infektionskrankheiten? Was genau die Helfer heute erwartet, wissen sie noch nicht. In einem Container führt Cevat Kara ein Vorgespräch mit den Patienten - so wie im Fall von Michael, 70 Jahre alt, aus Bulgarien.

"Er hatte vor fünf bis sechs Jahren einen vierfachen Bypass und die Medikamente fehlen ihm, weil er obdachlos ist und seine Medikamente mit seinen anderen Habseligkeiten wurden ihm gestohlen."

Cevat Kara

Manchmal nur kurzfristige Hilfe möglich

Michael ist vor einigen Monaten nach Deutschland gekommen. Von seiner Rente kann er in Bulgarien kaum überleben, deshalb wollte er sich in Deutschland einen Job suchen. Doch mit seiner Krankheit war das nicht möglich. Jetzt, ohne Medikamente, sind Michaels Beschwerden immer schlimmer geworden. Cevat Kara schickt ihn deshalb hinüber zum Bus. Dort untersucht ihn Ärztin Marianne Stix mit Hilfe eines Dolmetschers. Doch es zeigt sich: Sie kann ihm nur begrenzt helfen und versucht, ihrem Patienten zu erklären, warum:

"Eine intensive Untersuchung ist halt hier nicht möglich. Das klingt so, dass da wieder was nicht in Ordnung ist. Da müsste man eventuell den Bypass aufdehnen oder wieder operieren, aber das ist hier nicht möglich und in Bulgarien haben Sie Ihre Versicherung."

Marianne Stix

Michael muss also zurück nach Bulgarien. Immerhin konnten sie ihm hier kurzfristig mit Medikamenten helfen. Während er aus dem Bus steigt, wartet schon der nächste Patient: Auch er lebt auf der Straße und leidet unter einer schweren Infektionskrankheit. Mittlerweile ist es 20.00 Uhr, aber die Patientenliste für diesen Abend ist noch lang. 


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Kommentare

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Wolfgang, Montag, 15.Januar, 13:00 Uhr

3. Warum obdachlos? Warum ohne Krankenversicheurngsschutz.

In vielen Städen gibt es Wohnheime, in Hannover z.B. das Kolpinghaus mit 100 Betten in Doppelzimmern. Mit Wohnzeiten von 14 Tagen bis lebenslänglich. Im Prinzip ist das flächendckend in Deutschland so.

Und wer arbeitslos weil nicht findend oder dauernd erwerbsunfähig krank bekommt über die Sozialleistungsträger auch Krankenversicheurng wie jemand mit 6000€ Monatsbrutto.

Schlußfolgerung, Obdachlose WOLLEN es sein!

Endsechziger, Montag, 15.Januar, 11:40 Uhr

2. Nichts gegen gute Werke an den Armen, aber...

man geht auch als braver Beitragszahler nicht wegen jedem Wehwehchen zum Onkel Doktor. Und warum lese ich da irgendwie einen Vorwurf heraus, wenn ich zum Arzt gehen muss, weil ich eben doch mal richtig krank bin? Wo ich jahrzehntelang jeden Monat Krankenversicherung eingezahlt habe, sogar jetzt immer noch als Rentner. Dies, Tacheles geschrieben, von einem ehemaligen Nettoentgelt, da sich der Staat bereits von den angezahlten Geldern bedient hatte... Man sollte also, so nett es auch gemeint ist, sich mit weniger Euphorie denen widmen, die nie zahlten und doch profitieren. Ich gebe gern, aber ich möchte nicht, dass man unsereins nur noch als Zahlschaf wahr nimmt und sonst außen vor lässt.

Oliver M., Montag, 15.Januar, 09:31 Uhr

1. So was im reichen Deutschland...

Dass uns das nicht zu peinlich ist? Diesem Land, das sehr schnell mit erhobenem Zeigefinger mahnend, kritisierend und anprangernd durch die Welt pflügt und andere Länder maßregelt! Das steht uns nicht zu angesichts solcher und diverser anderer Probleme, die regelmäßig thematisiert werden! Bei uns stinkt es genauso, nur auf höherem Niveau!
Und mit Zuwanderung sollte sich Deutschland angesichts diverser, ungelöster Probleme auch zurück halten! Erst die vorhandenen Probleme als Voraussetzung lösen! Und wenn wir damit fertig sind, machen wir in der EU weiter! Auch dort gibt es diverse ungelöste Probleme (Armut, Arbeitslosigkeit, etc.). Und wenn wir auch damit fertig sind - und nur dann - denken wir über Zuwanderung, Massenasyl, etc. nach!

  • Antwort von Leonia, Montag, 15.Januar, 11:09 Uhr

    Solange in der EU ein relativ großes wirtschaftliches Gefälle zwischen den Staaten herrscht, werden Menschen versuchen, auf unserem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Davon profitiert zum Beispiel in nicht unerheblichem Maß die Baubranche: ganze Baustellenmannschaften bestehen zum Beispiel aus rumänischen oder bulgarischen Arbeitern. Wie immer findet nicht jeder eine Aufgabe, die er erfüllen kann, aber die Menschen geben halt nicht so schnell auf, sondern versuchen es weiter. Wer will es ihnen verdenken, wenn zu Hause bezahlte Arbeit nicht zu finden ist. Um diese Gestrandeten kümmert sich der Bus mit sehr pragmatischem Ansatz.
    Den wiederum vermisse ich in Ihrem Kommentar. Wenn Sie Armut auf der Straße für peinlich halten, dann wird es höchste Zeit, dass Sie selbst mitwirken, etwas dagegen zu tun, was nicht nur den schönen Schein wiederherstellt. Immerhin schreiben Sie ja ständige davon, was "wir" machen sollten: zu dem "wir" gehören Sie auch dazu.

  • Antwort von Oliver M., Montag, 15.Januar, 11:39 Uhr

    @Leonia
    Nein, mir ist Armut auf der Straße nicht peinlich. Ich habe sogar Hochachtung vor den Ärzten, die sich darum ehrenamtlich kümmern.
    Peinlich finde ich für Deutschland, dass es sowas in unserem reichen Land überhaupt gibt! Und peinlich, dass - wie Sie schreiben - dieses reiche Land Menschen auf seinen Baustellen aus Osteuropa schuften lässt - zu mickrigen Löhnen, während die Immobilien zu Wucherpreisen verscherbelt werden. Das ist Sklavenhaltung auf hohem Niveau!
    Es gibt viel zu tun in D und der EU - Zuwanderung brauchen wir unter diesem Gesichtspunkt nicht!

    Ich bin gerne bereit, meinen Teil dazu beizutragen, dass es anders wird. Aber nur, wenn alle mitmachen und sich Randbedingungen ändern! Ansonsten ist die Initiative einzelner wie Tropfen auf einen heißen Stein!
    Zum Thema wirtschaftliches Gefälle: glauben Sie wirklich, dass Deutschland ein Interesse daran hat, dass unsere Nachbarn (und andere Regionen auf der Welt) wirtschaftlich erstarken? Scheinheilig ein wir!!!

  • Antwort von Renate E., Montag, 15.Januar, 11:50 Uhr

    Es handelt sich sicherlich auch in diesen Fällen um 70 Prozent "fremde Armut". Natürlich ist es schrecklich, dass in dem Land, das ständig im Fernsehen und von allen Politikern als regelrechtes Paradies geschildert wird, so eine Unmenge Obdachloser ihr Dasein fristen. Man hört leider von ganz erschütternden Fällen, wo sehr alte Menschen aufgrund von Wucherpreisen nicht mehr in der Lage sind, ihre Mieten zu zahlen. Und da durch den Euro die Rente halbiert wurde, aber sich die Mieten dem gleichen bis höheren(!) Monatsbetrag näherten, werden diese Senioren zu Armutsrentnern gemacht, denen die Wohnungskündigung droht. Ansonsten sehe ich es bei jungen Obdachlosen eher als eigenes Versagen. Man muss Verantwortung übernehmen als Erwachsener. Und dazu gehört, seinen Lebensunterhalt abzusichern, egal, in welcher Höhe. Sich die Welt schön zu trinken oder zu kiffen, hat noch nie funktioniert.

  • Antwort von Oliver M., Montag, 15.Januar, 12:30 Uhr

    @Leonia
    Und seien wir ehrlich, diverse Probleme haben wir u.A., weil sich bestimmte Schichten und Berufsgruppen für was Besseres halten und demzufolge das existierende Vermögen recht ungleich verteilt ist. Von der Denkweise her gesehen genau genommen finsteres Mittelalter!
    Dummerweise bestimmen diese Gruppen direkt oder indirekt die Preise. Bestes Beispiel Immobilien. Der Wucher ist auch nur deswegen möglich, weil es immer noch Menschen gibt, die diesen Irrsinn zahlen können. Völlig Wurscht, dass daran längst andere zerbrechen. Künstlich geschaffenenes Problem!!!

  • Antwort von Leonia, Montag, 15.Januar, 15:16 Uhr

    @Renate: als der Euro die Renten "halbierte", hat auch auch die Preise "halbiert". Die Einführung des Euro war kein Primärgrund für die seitherige Entwicklung mit der Folge, dass Renten (und Löhne/Gehälter) wesentlich geringer gestiegen sind, als Lebenshaltungskosten, speziell Mieten in Boomregionen wie im Großraum München. Was hier Senioren zu Armutsrentnern werden lässt, ist selbst wenn die Rente eigentlich nicht niedrig ist, sind die enorm gestiegenen Mieten. Diejenigen mit kleinen Renten trifft diese Entwicklung doppelt hart, aber auch mit einer Rente aus überdurchschnittlichem Einkommen frisst eine freie Miete in München leicht 3/4 davon auf.
    Und Obdachlosigkeit ist oft die Folge gleich mehrerer Schicksalsschläge, weshalb man ihre Opfer nicht als selbst dafür verantwortlich abstrafen sollte, sondern die Einzelschicksale betrachten muss.
    @Oliver M., ich sehe Zuwanderung als notwendig an, denn wie Sie feststellten, machen die die Jobs, die hier keiner mehr machen will (Pflege zB).