NSU-Prozess


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NSU-Prozess: Tageszusammenfassung 364. Tag Pralinen und Probleme

Vor zwei Wochen hatte der Freiburger Psychiater Prof. Joachim Bauer sein Gutachten über Beate Zschäpe im NSU-Prozess vorgelegt, heute musste er sich den Fragen der Prozessbeteiligten dazu stellen – und die nahmen ihn regelrecht ins Kreuzverhör.

Von: Thies Marsen

Stand: 18.05.2017

Der Freiburger Psychiater Joachim Bauer  | Bild: picture-alliance/dpa

Wenn es nach Professor Bauer geht, dann war die Hauptangeklagte im Prozess um die Terrorgruppe NSU vor allem Opfer. Beate Zschäpe sei quasi eine Gefangene von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gewesen, wurde vermutlich von beiden sexuell missbraucht, von Böhnhardt regelmäßig geschlagen, war finanziell abhängig, nicht in der Lage auf eigenen Füßen zu stehen – kurz: Zschäpe habe eine dependente Persönlichkeitsstörung, habe sich komplett untergeordnet, aus Angst von ihrem Liebhaber Böhnhardt verlassen zu werden. Deshalb sei sie nur vermindert schuldfähig.

Problematische Quellen

Bauer kommt damit zum gegenteiligen Ergebnis wie der offizielle Gerichtsgutachter Prof. Henning Saß. Der hält Zschäpe für voll schuldfähig und einen Rückfall für möglich. Während Saß zu den renommiertesten Gerichtspsychiatern in Deutschland gehört, hat Bauer, der bis zu seiner Emeritierung vor einem Monat Oberarzt an der Uni Freiburg war, seit seiner Zeit als Assistenzarzt keine forensischen Gutachten mehr verfasst. Dass er in seinem 57 Seiten umfassenden Gutachten nun zu völlig anderen Schlussfolgerungen kommt wie Saß, erklärt Bauer vor allem damit, dass er im Gegensatz zu Saß, dem Zschäpe jedes Gespräch verweigerte, exklusiven Zugang zur Hauptangeklagten erhielt. 16 Stunden lang untersuchte er sie in Untersuchungshaft in der JVA München-Stadelheim.

Allerdings nutzte er auch andere Quellen – und da wird es problematisch. Denn Zschäpes Wunsch-Verteidiger Mathias Grasel legte Bauer zunächst offenbar nur eine höchst eingeschränkte Auswahl an Vernehmungsprotokollen diverser Zeugen vor, die bei der Polizei oder vor dem Oberlandesgericht über Zschäpe ausgesagt hatten – darunter auch das Protokoll einer BKA-Vernehmung von Zschäpes Mutter. Die aber hätte der Psychiater gar nicht verwenden dürfen, denn Annerose Zschäpe hatte von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht gebraucht gemacht.

Inzwischen hat Verteidiger Grasel nachträglich ein Einverständnis von Mutter Zschäpe eingeholt und das Gericht hat sie sowie die Vernehmungsbeamten des BKA für nächste Woche als Zeugen geladen.

Umstrittene Pralinen

Allerdings bleibt auch die Auswahl der anderen Zeugenaussagen fragwürdig. Bei der heutigen Befragung Prof. Bauers drängte sich der Eindruck geradezu auf, dass der Sachverständige nur solche Aussagen berücksichtigte, die seine Diagnose von der Persönlichkeitsstörung Zschäpes stützten und andere unter den Tisch fallen ließ. Für Aufsehen sorgte zudem die Mitteilung, Bauer habe Zschäpe Parlinen ins Gefängnis mitbringen wollen, was von den Justizbediensteten jedoch unterbunden worden sei. Nebenklage-Anwalt Mehmet Daimagüler kommentierte: „Wie objektiv kann ein Gutachter sein, der dem Explorationsobjekt Pralinen mitbringen will? Da habe ich ganz große Zweifel mit Blick auf die kritische Distanz des Gutachters.“

Doch nicht nur die Pralinen brachten den Sachverständigen in die Bredouille. Bauer musste sich auch fragen lassen, ob er denn überhaupt die Mindestanforderungen kenne für Schuldfähigkeits- oder Glaubwürdigkeitsgutachten. Und Bundesanwältin Anette Greger wies Bauer mit dem Satz zurecht: „Ich fürchte so läuft eine Gutachtertätigkeit nicht ab in einer Hauptverhandlung.“

Beate Zschäpe verfolgte die Ausführung übrigens wie immer ohne sichtbare Reaktionen zu zeigen. Sie verbarg ihr Gesicht wie so oft hinter ihren Haaren.


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