NSU-Prozess


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NSU-Prozess, 272. Verhandlungstag Wer drückte auf "Record"?

Zeichnete Beate Zschäpe im Juni 2004 Fernsehberichte über den Nagelbombenanschlag in Köln auf? Das erscheint nach diesem Verhandlungstag zwar gut möglich, ist aber keinesfalls zweifelsfrei belegt.

Von: Tim Aßmann

Stand: 05.04.2016

Der Tatort in der Keupstraße in Köln nach dem Nagelbombenanschlag der NSU-Terrorzelle | Bild: picture-alliance/dpa

Die Kriminalbeamtin Jeanette P. wollte es ganz genau wissen. Die Ermittlerin des Bundeskriminalamts wertete in den vergangenen Monaten akribisch und mit vielen Nachforschungen eine DVD aus, die im November 2011 im Brandschutt in der Zwickauer Frühlingsstraße gefunden wurde - dort wo das untergetauchte Neonazi-Trio zuletzt lebte. Auf der DVD sind mitgeschnittene Fernsehberichte, über den Nagelbombenanschlag in der Kölner Keupstrasse am 9. Juni 2004. Aufgezeichnet wurden unter Anderem Berichte des WDR und von n-tv, die am Tag des Anschlags ausgestrahlt wurden. Sie habe sich die DVD auch vor dem Hintergrund der Aussage von Beate Zschäpe im Prozess jetzt noch einmal angeschaut, erklärte Ermittlerin Jeanette P. nun als Zeugin. Zschäpe hatte erklären lassen, von dem Kölner Anschlag im Vorfeld nichts gewusst zu haben.

Zschäpe-Aussage auf dem Prüfstand

Die ersten Fernsehberichte auf der DVD wurden den Ermittlungen der Zeugin zufolge bereits zwei Stunden nach dem Anschlag aufgezeichnet. Da konnten die mutmaßlichen Bombenleger Mundlos und Böhnhardt noch nicht wieder in Zwickau sein, wo das Trio auch damals lebte. War es also Zschäpe, die die Aufzeichnungen gemacht hat? Das erscheint zwar gut möglich, lässt sich aber nicht zweifelsfrei belegen.

Die Voraussetzungen für einen Mitschnitt waren in der damaligen Wohnung des Trios gegeben, so Ermittlerin Jeanette P. Der Videorekorder mit dem aufgezeichnet wurde, fehlt aber. Ob die Mitschnitte also überhaupt in der Zwickauer Wohnung des Trios gemacht wurden, ist nicht klar. Die Einlassungen seiner Mandantin vom Nagelbombenanschlag nicht im Vorfeld gewusst zu haben, seien durch die Aussagen der BKA-Beamtin nicht widerlegt, erklärte Zschäpe-Verteidiger Mathias Grasel im Prozess. Dass Zschäpe die Fernsehberichte mitgeschnitten hat, ist für Grasel "nur eine von vielen theoretischen Möglichkeiten."

Wohlleben fordert Prozessaussetzung

Die geplante Vernehmung einer weiteren Polizistin als Zeugin führte wenig später zu einem Eklat. Die Beamtin sollte zu einem T-Shirt aussagen, das in der Wohnung des Angeklagten Wohlleben gefunden wurde und dessen Aufdruck möglicherweise Rückschlüsse auf die politische Einstellung Wohllebens erlaubt. Auf dem T-Shirt ist offenbar ein Bild des Konzentrationslagers Ausschwitz unter dem Aufdruck "Eisenbahnromantik" zu sehen. Die Verteidiger Wohllebens widersprachen allerdings der Befragung der Polizisten und stellten Anträge auf Aussetzung des Prozesses sowie eine Abtrennung des Verfahrens gegen ihren Mandanten.

Die Wohlleben-Anwälte begründeten die Anträge damit, dass die Bundesanwaltschaft relevante Informationen zurückgehalten habe und mit der Einführung des T-Shirts in den Prozess versuche Stimmung gegen den Ex-NPD-Funktionär Wohlleben zu machen. Die Bundesanwaltschaft wies das zurück. Das Gericht muss nun über die Anträge entscheiden. Sie gelten als aussichtslos. Der NSU-Prozess soll nach der Osterpause am 5. April fortgesetzt werden.

  • Tim Aßmann | Bild: BR/Tim Aßmann Tim Aßmann

    Berichtet vom NSU-Prozess von Anfang an. Schreibt auch die br.de/NSU-Protokolle. Reporter und Redakteur "Politik und Hintergrund"


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