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Polizistenmord in Heilbronn Gibt es einen dritten NSU-Täter?

Im Fall des Mordes an der Polizistin Michèle Kiesewetter im Jahr 2007 in Heilbronn hat die Polizei offenbar gepfuscht. Darauf deuten neue Zeugenaussagen, Polizeifotos und ein unveröffentlichtes Video vom Tatort hin. Mehr dazu in der ARD-Doku "Die Akte Zschäpe" am Montag.

Von: Ulrich Neumann

Stand: 01.11.2015

Beamte der Spurensicherung der Polizei arbeiten am 25.04.2007 auf der Heilbronner Theresienwiese (Baden-Württemberg) an einem Tatort, an dem die Polizeibeamtin Michele Kiesewetter getötet und der Polizist Martin A. schwer verletzt worden waren.  | Bild: pa/dpa/Bernd Weißbrod

Für massive Kritik an der polizeilichen Tatortarbeit haben bislang unbekannte Beweismittel gesorgt: Ein Video und unveröffentlichte Polizeifotos vom Tatort des Mordes an der Polizistin Michèle Kiesewetter und dem Mordversuch an ihrem Kollegen Martin A. am 25. April 2007 in Heilbronn.

"Ich will nicht sagen, dass jetzt alles falsch gemacht worden ist, was man falsch machen konnte, aber ziemlich viel. Also wenn ich mir die Bilder ansehe, auch wie dort am Tatort unmittelbar nach der Tat, wie man sich dort bewegt, wie auch die Spurensicherung stattgefunden hat, dann macht das auf mich den Eindruck, dass man wohl total überwältigt war von diesem Ereignis. Und alles das, was man irgendwann mal gelernt hat in der polizeilichen Ausbildung, vergessen hat."

Prof. Thomas Feltes, Kriminologe an der Ruhr-Universität Bochum in der ARD-Dokumentation 'Die Akte Zschäpe'

Video und Fotos zeigen zum Beispiel, dass der Tatort viel zu eng abgesperrt war. Augenzeugen konnten sich dem Tatort auf 20 bis 30 Meter nähern, das haben sie den Reportern der drei ARD-Politikmagazine report München, Fakt und REPORT MAINZ berichtet. Auch Fachleute sind davon irritiert: Sowohl der Kriminologe Feltes hält eine Absperrung von 100 mal 100 Meter für nötig, als auch der ehemalige Obmann der CDU im Bundestagsuntersuchungs-Ausschuss zum NSU, Clemens Binninger - er hat 20 Jahre Erfahrung im Polizeidienst. Er kritisiert außerdem, dass der Tatort zum Meldepunkt für die Polizeikräfte gemacht woden ist, ...

"...weil da natürlich auch Spuren, Fluchtspuren verloren gehen, weil andere darüber laufen. Deshalb wäre hier eine weitere Absperrung, am besten sogar auf 100 Meter, eigentlich das Richtige gewesen."

Clemens Binninger, ehemaliger Obmann der CDU im Bundestagsuntersuchungsausschuss zum NSU

Außerdem zeigt das Video, dass der Tatort schon ca. vier Stunden nach dem Mord geräumt und abgespritzt wurde. Kinder spielten direkt neben den blutigen Pfützen. Der Tatort ist damit viel zu früh freigegeben wurden, kritisiert Prof. Feltes. Mehrmals noch mussten Kriminaltechniker hier nachsuchen.

Hinweise auf einen dritten Täter

Auch an der alleinigen Täterschaft von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gibt es neue Zweifel. Laut Clemens Binninger sind Mord und Mordversuch von Heilbronn alles andere als aufgeklärt.

"Ich bin nicht der gleichen Meinung wie der Generalbundesanwalt, der ja immer sagt, alle Verbrechen, auch das in Heilbronn, wurden nur von Mundlos und Böhhnhardt begangen, die zwei alleine, sonst niemand dabei. Da habe ich meine Zweifel."

Clemens Binninger

Michèle Kiesewetter | Bild: picture-alliance/dpa zum Video NSU-Prozess Aussage zu Polizistenmord in Heilbronn

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Im laufenden Verfahren zum NSU vor dem Oberlandesgericht in München vertritt die Bundesanwaltschaft die Zwei-Täter-Theorie: Zentrales Beweismittel dafür ist unter anderem ein Gutachten über eine Trainingshose, an der winzige Blutspritzer von Michèle Kiesewetter gefunden wurden. In den Hosentaschen steckten zwei Tempotaschentücher mit DNA von Mundlos. Laut Bundesanwalt Herbert Diemer ein eindeutiger Beweis, dass es sich um die Hose von Mundlos handelt. Der Kriminologe Prof. Feltes und der Rechtsmediziner Prof. Michael Bohnert von der Uni Würzburg halten diese Schlussfolgerung für zu kurz gegriffen, denn Taschentücher könne man von A nach B bewegen:

"Wenn man wissen will, ob diese Hose von einer Person zu einem bestimmten Zeitpunkt getragen wurde, dann kann man sich schlecht auf Tempo-Taschentücher verlassen, die in diesen Hosentaschen gefunden wurden."

Prof. Michael Bohnert, Rechtsmediziner an der Universität Würzburg

Außerdem musste die Bundesanwaltschaft im Interview mit der ARD einräumen, dass innen in der Trainingshose keine DNA von Mundlos gefunden wurde. Für Clemens Binninger und Prof. Feltes sind die winzigen Blutspuren von Michèle Kiesewetter eher deutliche Hinweise darauf, dass der Träger dieser Hose beim Mord dabei war, aber nicht der Schütze war.

"Also muss der Träger dieser Hose zwar nebendran gestanden sein und vielleicht geholfen haben, aber geschossen hat er eher nicht. So lese ich das Gutachten."

Clemens Binninger, ehemaliger Obmann der CDU im Bundestagsuntersuchungsausschuss zum NSU

"Das ist vielleicht jemand gewesen, der in der zweiten Reihe gestanden hat oder möglicherweise dazu gekommen ist."

Prof. Thomas Feltes, Kriminologe an der Ruhr-Universität Bochum

Deshalb sind beide Fachleute davon überzeugt, dass diese Trainingshose ein starker Hinweis  auf einen dritten Täter liefert.

Das deckt sich auch mit Erkenntnissen des Landeskriminalamts Baden-Württemberg vom Sommer 2011, also kurz vor Auffliegen des NSU. Die Ermittler waren schon damals davon ausgegangen, dass mindestens drei oder sogar noch mehr Täter am Mord und Mordversuch beteiligt waren. Das belegen die Ermittlungskakten von damals.

"Zwei-Täter-These nicht gerechtfertigt"

Laut dem Kriminologen Thomas Feltes dürfen Ermittler bei einem so gravierenden Fall mit politischer Bedeutung die Ermittlungen nicht auf zwei Täter eingrenzen.

"Das kann ich machen bei einem Einbruchsdiebstahl, wo ich weiß, es sind sechs Täter gewesen, ich habe aber nur zwei, die anderen vier kann ich schwer ermitteln. Dann kann ich sagen, ich beschränke es auf die beiden. Aber nicht bei einem solchen Delikt, was sowohl von den Opfern her eine besondere Bedeutung hat als auch vom politischen Hintergrund her, ist das nicht akzeptabel."

Prof. Thomas Feltes


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HinterTürkisch, Dienstag, 03.November, 02:17 Uhr

1. Hintergrund

Niemand ist frei von Fehlern, nicht frei von Sorglosigkeit scheint man hier aber gewesen zu sein. Wenn die damals erschossene Polizistin Kiesewetter nicht von einem Zufall ums Leben gebracht wurde, so scheint das Verbrechen an ihr und ihrem schwer getroffenen Kollegen im Nachhinein noch durch allerlei Merkwürdiges quasi-sanktioniert worden zu sein; sonst sagt man ja der Polizei bei (extremer) Gewalt gegen Polizisten ja eher Zielstrebigkeit nach.