Kritik an Nobelpreisträgern Rolle der Banken vor Krise nicht beachtet

Bei der Tagung der Wirtschaftsnobelpreisträger in Lindau hat der Chef der Europäischen Zentralbank die Wissenschaftler dafür kritisiert, dass sie sich für die Rolle der Banken vor der Krise kaum interessiert haben. Tun sie es heute?

Von: Christine Bergmann

Stand: 25.08.2017

Ein Euro-Zeichen von Flammen umhüllt. | Bild: pa/dpa/C. Ohde

"There is a change", sagt Oliver Hart, der im vergangenen Jahr den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften bekommen hat. Er gibt offen zu, dass er zwar nie für völlig freie Märkte war, aber das Thema Regulierung unterschätzt hat. Das habe die Finanzkrise geändert. Der Grund ist natürlich wieder sehr ökonomisch.

"Wenn der Staat Banken retten muss, dann brauchen wir eine Regulierung, weil der Staat dann in Gefahr ist und Geld verlieren kann. Eine Finanzkrise ist ganz schön teuer. Deshalb glaube ich, es ist sinnvoll, eine Krise durch Regulierung zu vemeiden."

Oliver Hart

Banken stärker an die Kandare nehmen

Allerdings ist Europa da noch nicht wirklich weit, meinte bei einem sehr angeregten Flurgespräch zwischendurch ein anderer Nobelpreisträger. Er sagte, Europa müsste die Banken noch viel stärker an die Kandare nehmen. So sollten sie zum Beispiel höhere Risikovorsorge für die Staatsanleihen betreiben müssen. Doch das sei natürlich wieder eine politische Entscheidung.

Überhaupt ziehen sich viele Ökonomen auf dieses Argument zurück: Freie Märkte bräuchten natürlich Regeln, aber für die sei der Staat zuständig. Der Volskwirtschaftsprofessor Klaus Schmidt aber denkt, dass die Hochzeit des Liberalismus schon länger vorbei sei:

"In der wissenschaftlichen Diskussion ist jetzt viel stärker das Interesse darauf gerichtet: Wie müssen wir Märkte gestalten, so dass tatsächlich wünschenswerte Ergebnisse herauskommen? Wie müssen wir Finanzmärkte regulieren? Wie müssen wir das Patentwesen gestalten? Wie müssen wir den Außenhandel steuern, um gewünschte Ergebnisse zu bekommen? Und da ist die Einsicht, dass Marktwirtschaft nur funktioniert, wenn es auch einen starken Staat gibt, der klare Regeln vorgibt, glaube ich, sehr weit verbreitet."

Klaus Schmidt, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Ludwig-Maximilians-Universität in München

Immer noch Marktgläubigkeit

Der junge Wissenschaftler Marcus Giamattei schätzt die Stimmung dagegen etwas anders ein - vor allem bei den doch etwas älteren Nobelpreisträgern:

"Die angesprochene Marktgläubigkeit ist teilweise schon noch verankert, also eher bei den Laureaten, also das hört man schon noch so durch."

Marcus Giamattei, akademischer Rat an der Universität Passau

Er vermisst in seiner Zunft ein wenig ein Umdenken bei den Methoden: Die Ökonomen denken seiner Meinung nach immer noch sehr in ihren Modellen. Die brauche es zwar, aber…

"Parallel könnte man sich schon fragen: Welche anderen Ansätze könnte man noch verfolgen außer der Modellierung? Es ist stellenweise schon sehr modelllastig."

Marcus Giamattei

Doch auch er gibt zu, dass die Finanzkrise ein Schock für alle war und ein Umdenken ausgelöst hat. Ob es sich durchsetzen kann, weiß er aber auch nicht.