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Studenten meiden Bosporus Türkei-Krise in ostbayerischen Hörsälen angekommen

Mit Beginn des Wintersemesters sollten eigentlich einige Studierende von den Unis Passau und Regensburg im Auslandssemester in der Türkei sein. Doch spätestens seit dem Putschversuch gegen Präsident Erdogan und dem von ihm darauf verhängten Ausnahmezustand haben die meisten Studenten einen Rückzieher gemacht.

Von: Kilian Neuwert

Stand: 19.10.2016

Türkei. Istanbul. An der Universität. | Bild: pa/dpa/jtimage

Die Türkei steht als Zielland für ein Auslandssemester zwar nicht an erster Stelle bei bayerischen Studenten - beliebt war das Land aber trotzdem. Spätestens mit dem Putschversuch im Sommer hat sich das geändert: Etwa sind aus Regensburg statt insgesamt sechs nur zwei Studenten für ein Auslandssemester an den Bosporus gereist. Einer davon ist Michael Kienastl, der jetzt in Istanbul studiert.

"Ich habe sehr lange gezögert, denn es gab ja schon seit längerer Zeit tendenziell eher negative Entwicklungen: Anschläge zum Beispiel, auch in Istanbul. Nochmal schlimmer geworden ist es dann mit dem Putschversuch des Militärs im Juli. Letzten Endes war mein Interesse dann aber größer als meine Bedenken."

Michael Kienastl, Politikwissenschaftsstudent Uni Regensburg

Für Michael Kienastl ist es eine spannende Zeit: Seine Entscheidung hat er nie bereut, berichtet er. In letzter Minute doch auf ein anderes Zielland umzuschwenken, wie es seine Kommilitonen angesichts der Sicherheitslage in der Türkei getan haben, sei für ihn nie in Frage gekommen. Gerade als Politikwissenschaftsstudent sei es interessant, den gesellschaftlichen Umbruch im Land mitzuerleben.

Unis spüren, dass anderer Wind weht

Recep Tayyip Erdogan

An den Universitäten wird dieser Umbruch mitunter besonders spürbar: Nach dem Putschversuch verhängte Präsident Erdogan den Ausnahmezustand. Damit verbunden: Ein hartes Vorgehen gegen Kritiker - insbesondere an den Universitäten, berichtet der Passauer Türkei-Kenner Ernst Struck:

"Kritiker hat man dem Dienst entnommen. Man hat sie nach Hause geschickt. Erst wenn der Ausnahmezustand beendet ist oder Einsprüche bearbeitet wurden, wird sich herausstellen, wie viele Hochschullehrer dann tatsächlich als Unterstützer dieses Putsches gelten."

Ernst Struck, Professor für Humangeografie Uni Passau

Struck leitet den Masterstudiengang "Interkulturelles Management" an der Türkisch-Deutschen Universität in Istanbul, TDU, und der Uni Passau. An der Gründung der TDU war die niederbayerische Uni beteiligt. Aufgrund der Lage im Land reiste kürzlich auch Passaus Uni-Präsidentin Carola Jungwirth in die Türkei.

"Ich wollte auf die aktuelle Situation Bezug nehmen und bin aus mehreren Gründen in die Türkei gereist: Da wir Studierende und Mitarbeiter dorthin schicken, kann ich mich als Präsidentin nicht ausnehmen. Ich kann nicht sagen, dass es mir zu gefährlich sei und ich damit nichts zu tun haben möchte. Außerdem wollte ich darüber informieren, wie wir die Lage sehen: Wir machen uns schließlich große Sorgen - gerade wegen des Ausnahmezustands, der jetzt um 90 Tage verlängert wurde."

Carola Jungwirth, Präsidentin Uni Passau

In einer Rede an der TDU wählte Jungwirth dann kritische Worte. Unter anderem betonte sie die Freiheit der Wissenschaft und ging der Frage nach, welche Aufgabe einer Universität bei der Aufrechterhaltung einer kritischen Diskussionskultur in der Gesellschaft zukommt.

Jungwirth plädiert für Freiheit von Forschung und Lehre

"Ich habe vielen Gesichtern der Führungsriege angesehen, dass es schwierig ist, hinzunehmen, was ich sage. Ich habe meine Worte aber so diplomatisch gewählt, dass niemand direkt etwas dagegen sagen konnte. Bei vielen Dozierenden habe ich auch Erleichterung gespürt, dass ich angesprochen habe, dass die Freiheit von Forschung und Lehre eigentlich der zentrale Punkt einer Universität ist."

Carola Jungwirth, Präsidentin Uni Passau

Aus Sicht von Passaus Uni-Präsidentin steht die Partnerschaft mit der TDU angesichts der Lage im Land vor großen Herausforderungen: Einerseits seien Wissenschaftler an der TDU aufgrund des besonderen Status' der Eirichtung verhältnismäßig wenig vom harten Vorgehen der Regierung betroffen - andererseits müsse man nun aufpassen, dass die TDU nicht zum Deckmantel werde, um der Welt zu erklären, dass freie Forschung und Wissenschaft in der Türkei weiter möglich seien.

  • BR-Studio Ostbayern: Kilian Neuwert | Bild: BR Kilian Neuwert

    Kilian Neuwert berichtet für den BR aus Niederbayern und der Oberpfalz.


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