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Hochwasser-Katastrophe Vier Tote in Niederbayern

Die schweren Überflutungen in Niederbayern haben vier Menschenleben gefordert. Taucher entdeckten drei Leichen in einem überschwemmten Haus in Simbach am Inn, eine vierte wurde in Julbach im Landkreis Rottal-Inn gefunden.

Von: Guido Fromm und Lars Martens

Stand: 02.06.2016

Nach den schweren Niederschlägen mit dem extrem schnellen Ansteigen der Pegel rissen die Wassermassen zahlreiche Gegenstände, Autos, LKW mit sich und zerstörten Vorgärten, Häuser und ganze Ladenpassagen. Am Abend dann die Meldung von vier entdeckten Leichen im Landkreis Rottal-Inn. Rettungskräfte sind laut Polizeiangaben nach wie vor auf der Suche nach Vermissten. Ein Sprecher des Landratsamts Rottal-Inn sagte am späten Mittwochabend, es gebe derzeit keine konkreten Hinweise auf weitere Vermisste.

In Simbach (Lkr. Rottal-Inn) wälzte sich eine reißende, schlammig-braune Flutwelle durch den Ort. Autos, Bäume, Möbel - alles wurde mitgerissen. Während weiter oben schon die Aufräumarbeiten begannen, war weiter unten am Abend immer noch alles von den Wassermassen eingeschlossen. Eine Asylbewerberunterkunft in einer ehemaligen Turnhalle wurde geräumt. Rettungskräfte berichteten, dass Lastwagenfahrer auf der B12 auf die Dächer ihrer Fahrzeuge geklettert waren, weil sie Angst hatten, von den Fluten des Simbachs davongeschwemmt zu werden.

Glück im Unglück - keine Überflutung in Ruhstorf

Ruhstorf an der Rott, im Landkreis Passau, ist knapp einer teilweisen Überflutung entkommen. Die Einsatzkräfte haben am frühen Morgen Entwarnung gegeben, da der Pegel der Rott zunächst konstant blieb und später wieder gefallen ist. Feuerwehrleute aus dem Umkreis und aus Ruhstorf selbst hatten in der Nacht noch Sandsäcke aufgeschichtet, um eine Überflutung einzelner Ortsteile zu verhindern. Insgesamt waren im Raum Ruhstorf in den Nachtstunden rund 300 Einsatzkräfte vor Ort. Bis in die frühen Morgenstunden war befürchtet worden, dass der Pegel der Rott weiter steigen würde und die niederbayerische Hochwasserkatastrophe so auch über Ruhstorf hineinbrechen würde.

Schüler saßen bis in den Abend im Schulgebäude fest

Hunderte Kinder mussten am Mittwoch bis zum Abend in zwei Schulen ausharren, weil die Zufahrtsstraßen nicht passierbar waren. Etwa 50 Schüler konnten allerdings nicht mehr nach Hause gebracht werden und mussten, betreut von etwa zwei Dutzend Erwachsenen, in der Mittelschule von Triftern übernachten. Die vom Wasser eingeschlossenen Schüler wurden mit Hubschraubern versorgt. Derzeit sind rund 650 Einsatzkräfte von Polizei, Feuerwehr, BRK und THW im Überschwemmungsgebiet im Einsatz. Landrat Michael Fahmüller (CSU) appellierte noch einmal an alle Einwohner, Ruhe zu bewahren und - wenn möglich - ihre Häuser nicht zu verlassen. Nach ersten Erkenntnissen entstanden Schäden in mindestens zweistelliger Millionenhöhe.

9.000 Haushalte ohne Strom

Durch das Hochwasser sind rund 9.000 Haushalte von der Stromversorgung abgeschnitten. Die Fluten verhinderten vielerorts den Zugang zu Trafostationen oder Umspannwerken. Tausende Haushalte dürften daher auch über Nacht ohne Stromversorgung sein. Da es keinen detaillierten Überblick über die Hochwassersituation gebe, müsse der Strom vielfach abgeschaltet bleiben.

Ortskern von Triftern überspült

"Mit dieser Wucht hat wohl niemand gerechnet."

Ein Sprecher des Landratsamts Rottal-Inn.

Auch wenn es zuvor eine Unwetterwarnung gegeben hatte, überraschte das Ausmaß des Hochwassers. In Triftern wurde der Ortskern vom Altbach überspült, so Bürgermeister Walter Czech (CSU). Nach stundenlangem Dauerregen hatte sich der kleine Bach in einen fast 100 Meter breiten reißenden Strom entwickelt und zahlreiche Menschen in ihren Häusern überrascht. Zufahrtsstraßen und Brücken waren überschwemmt. Insgesamt hat sich die Lage in Triftern am Abend entspannt.

Einige Schulen bleiben geschlossen

Nach dem Hochwasser-Alarm bleiben mehrere Schulen im Landkreis Rottal-Inn am Donnerstag geschlossen: die Grund- und Mittelschulen in Tann, Triftern, Simbach am Inn, Kirchdorf am Inn und Bad Birnbach, die Grundschulen in Reut, Walburgskirchen, Wittibreut, Zeilarn, Prienbach, Julbach, und Ering, das Förderzentrum Betty-Greif-Schule in Simbach am Inn, die Realschule Simbach am Inn sowie die Grund -und Mittelschule Ruhstorf. Am Gymnasium Simbach am Inn entfällt die mündliche Abiturprüfung an diesem Tag.

Die Abiturprüfungen an der Fachoberschule und an der Beruflichen Oberschule in Pfarrkirchen finden laut Landratsamt statt. Schüler, die wegen der Überschwemmungen nicht zur Prüfung kommen könnten, bekämen einen Nachholtermin.

Die betroffenen Orte: Triftern, Simbach und Tann

Triftern

Der Markt Triftern liegt im Landkreis Rottal-Inn. Rund 5.200 Menschen leben in der kleinen Gemeinde, durch die der Altbach fließt. Triftern befindet sich in unmittelbarer Nähe des niederbayerischen Bäderdreiecks Bad Birnbach, Bad Griesbach und Bad Füssing. Bis nach Passau sind es rund 50 Kilometer, bis nach Regensburg mehr als 100.

Simbach am Inn

Die Stadt Simbach am Inn liegt direkt an der österreichischen Grenze. Mitte 2015 zählte Simbach knapp 9.700 Einwohner. Die Bedeutung des Flusses Inn spiegelt sich auch im Wappen der Stadt: Dort spannt sich eine rote Brücke über die blauen Fluten des Stromes.

Tann

Der Markt Tann liegt im niederbayerischen Landkreis Rottal-Inn. Etwas mehr als 4.000 Menschen leben in der kleinen Gemeinde unweit des Zusammenflusses von Inn und Salzach.

Katastrophenfall auch im Landkreis Passau

Meldestufen bei Hochwasser

Es gibt vier offizielle Hochwasser-Meldestufen. Meldestufe 1: "Stellenweise kleinere Ausuferungen." Meldestufe 2: "Land- und forstwirtschaftliche Flächen überflutet oder leichte Verkehrsbehinderungen auf Hauptverkehrs- und Gemeindestraßen." Meldestufe 3: "Einzelne bebaute Grundstücke oder Keller überflutet oder Sperrung überörtlicher Verkehrsverbindungen oder vereinzelter Einsatz der Wasser- oder Dammwehr erforderlich." Meldestufe 4: "Bebaute Gebiete in größerem Umfang überflutet oder Einsatz der Wasser- oder Dammwehr in großem Umfang erforderlich."

Am Abend hat auch der Landkreis Passau den Katastrophenfall ausgelöst. Besonders hart getroffen hat es die Bereiche Bad Griesbach, Kößlarn, Ruhstorf, Harbach, Kirchham und Neuburg am Inn. Rund 40 Feuerwehren sind im Einsatz und werden vom Katastrophenstab koordiniert.

Die Stadt Passau hingegen wird bei der aktuellen Hochwasserlage vermutlich mit einem blauen Auge davon kommen. Nach Angaben des Wasserwirtschaftsamts wird in der Nacht an der Donau ein Höchstpegel von 7,70 Metern erwartet. Gegen Mitternacht wird so die Meldestufe 2 kurzzeitig überschritten. Morgen früh sollen die Pegel von Donau und Inn wieder abnehmen und sich langsam normalisieren.

Augsburger Schulklasse in Regen von Flussinsel gerettet

Eine Schülergruppe aus Augsburg ist nach einer Bootsfahrt auf dem Schwarzen Regen während eines Unwetters von einer Insel mitten im Fluss gerettet worden. Trotz heftigen Regens und starker Strömung konnte die Wasserwacht die rund 20 Siebtklässler ans Ufer bringen, teilte das Polizeipräsidium Niederbayern am Mittwoch mit. Unter den Schülern war Panik ausgebrochen. Zwei Mädchen erlitten einen Schock und eine Unterkühlung.

Die Realschüler wurden anschließend in einem nahegelegenen Gasthof untergebracht und betreut. Die Klasse war mit zwei Lehrern und einem Begleiter am Vormittag von einem Feriencamp aus mit zwölf Booten zu einem Ausflug aufgebrochen. Als das Unwetter aufzog, seien die Kähne ungeordnet auf dem Wasser getrieben und durch die starke Strömung auseinandergedriftet, berichtete die Polizei. Ein kleiner Teil der Gruppe konnte ans Ufer gelangen, die anderen strandeten auf der Insel und alarmierten von dort den Notruf. Rettungshubschrauber, Bergwacht, Wasserwacht, Feuerwehren, Rettungsdienste und Polizei waren im Einsatz.


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