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Wenn die Seele überläuft Nach der Flut in Simbach ist Aufräumen nur der Anfang

Vor sechs Monaten rauschte eine tödliche Schlammwelle durch Simbach. Der Aufbau der Häuser kommt voran, doch manche Menschen leiden weiter unter dem Gefühl, ihnen steige kaltes Wasser die Beine hoch. Die Seele heilt nur langsam.

Stand: 01.12.2016

Schild Vorsicht Lebensgefahr an einem Haus | Bild: pa/dpa

Mit gebeugtem Rücken schiebt Georg Mitterer sein Rad im Regen zu seinem ehemaligen Plattenladen in Simbach am Inn. Die Hüfte des 66-Jährigen schmerzt vom fortlaufenden Aufräumen nach der Flutkatastrophe. Ein halbes Jahr ist es jetzt her. Am 1. Juni war die Schlammwelle durch den niederbayerischen Ort gerauscht. Inzwischen sind die Eingänge seines nostalgischen Ladens, in dem Mitterer Vinylplatten verkauft hatte, mit Spanholzplatten versperrt - Einsturzgefahr. Nur wenige schwarze LPs stehen vor dem ehemaligen Schaufenster. Mitterer nimmt sie widerwillig in die Hand. Auflegen und genießen kann man sie eh nicht mehr, sagt sein Blick.

Wassermassen schossen durch die Stadt

Georg Mitterer vor seinem ehemaligen Plattenladen

Nur durch Zufall hat der 66-Jährige die Flutwelle überlebt. Er war im Urlaub, als nach stundenlangem Gewitterregen der nur wenige Meter entfernte Simbach zu einem tödlichen Strom anschwoll. Der Bach hatte sich erst aufgestaut. Als ein Damm brach, rissen die Wassermassen in einer Sturzwelle auch das Holzlager eines Sägewerkes mit durch den rund 10.000 Einwohner zählenden Ort.

Fünf Menschen ertranken dort. 500 Häuser wurden zerstört. Der Schaden durch die Fluten im Landkreis Rottal-Inn beträgt mehr als eine Milliarde Euro.

"Ein Nachbar hat mir berichtet, dass der Laden innerhalb weniger Sekunden geflutet wurde. Jeder, der im Geschäft gestanden hätte, wäre tot gewesen."

Georg Mitterer, Opfer der Flutkatastrophe

Glück im Unglück

Seine Urlaubsvertretung kam zum Glück zu spät zur Arbeit. Sie stand nicht wie sonst hinter der Verkaufstheke. "Das hätte ich mir niemals verziehen, wenn ein Mensch in meinem Laden ertrunken wäre", sagt er. Tagelang hatte halb Deutschland mit den Menschen in Simbach gelitten. Die Idee, dass Wasser so unerwartet und gewaltsam alles überrollen kann, erschütterte viele. Ein halbes Jahr später sind die Flutopfer zumeist allein mit ihren Erinnerungen. Sie reden nur mit Nachbarn oder ihrem Psychiater über die schlimmste Katastrophe ihres Lebens.

Georg Mitterer beobachtet neben seinem zerstörten Geschäft die Bauarbeiten. Er scherzt ab und zu mit dem Arbeiter, der einen Türrahmen zumauert. Wie eine Schallplatte mit einem Sprung betont der 66-Jährige in Dauerschleife: Der Verlust habe ja nur materiellen Wert. "Jetzt gilt es aufzuräumen und aufzubauen."

"Erst das Materielle reparieren, dann die Seele"

Zerstörte Platten vor dem Plattenladen

Dieses Verhalten und solche Sätze seien typisch für die vergangenen Monate in Simbach, sagt der Psychologe Roland Moser. Das Motto der Menschen laute: "Erst das Materielle reparieren, dann die Seele." Der 57-Jährige steht an dem verregneten Morgen vor zwei Baucontainern auf dem Kirchplatz, die den Helfern vom Roten Kreuz als Büro dienen. Moser ist nicht nur als zupackende Hand gefragt, sondern auch als Zuhörer und Ratgeber. Die Menschen reden sich bei ihm die schlimmsten Sorgen von der Seele. Drei Jahre hat er für diese Aufgabe Zeit bekommen. Moser ist aber skeptisch, dass das ausreicht. "Ein viertes Jahr wird bestimmt nötig sein", sagt er besorgt.

Das ganze Leben steht in Frage

Psychologe Roland Moser

Denn unser Seelenleben ist eine heikle Sache: Das Gleichgewicht kann in wenigen Minuten beschädigt sein. Das Heilen jedoch geht - auch in schnelllebigen Zeiten - oft nur im Kriechtempo. "Momentan wird die emotionale Situation überdeckt durch das viele Arbeiten", erläutert Moser. Er hat selbst in Simbach sein Antiquariat in den Fluten verloren. "Dann kommt es zur Ruhe, und in dieser Ruhe werden dann die seelischen Störungen viel deutlicher wahrgenommen." Manche Menschen berichten ihm von Belastungsstörungen, von Schlaflosigkeit, Angstzuständen und Panikattacken.

"Die Menschen haben plötzlich einfach das Gefühl, mit dem Leben so nicht mehr fertig zu werden."

Psychologe Roland Moser

Hilfe für die Psyche läuft erst an

Psychiaterin Margarete Liebmann

In Simbach läuft das Hilfsprogramm für die überschwemmten Seelen jetzt erst richtig an. Die Psychiaterin Margarete Liebmann hat seit dem Sommer etwa 40 Betroffene behandelt. "Das ist aber erst der Anfang. In jeder Sitzung schildern meine Patienten, dass es ihren Nachbarn ähnlich geht", sagt die Leitende Oberärztin im Ameos Klinikum im Ort. "Manche haben mir berichtet, dass sie sogar das Gefühl haben, dass ihnen das kalte Wasser an den Beinen hochläuft." Dabei streicht die Psychiaterin mit beiden Händen an ihren Beinen hoch.

Pläne für die Zukunft

Der Simbach ein halbes Jahr nach der Flut

Liebmann hat ein Ziel: "Ich will in fünf bis zehn Jahren wieder durch Simbach gehen und in lächelnde Gesichter blicken." Helfen könnten dabei auch die Pläne der Stadt, den Ort in Teilen völlig neu zu planen und wiederaufzubauen. Bei einer Bürgerversammlung hatten der Bürgermeister und ein Städteplaner ihre Vorstellungen erläutert.

Auch Georg Mitterer verfolgt die Pläne gespannt, ist aber skeptisch. Er muss sich jetzt nach einem neuen Laden umsehen. Dabei wollte er eigentlich in Rente gehen, hatte Käufer für sein altes Geschäft gesucht. "Die staatliche Hilfe von 80 Prozent wird aber nur für den Wiederaufbau gegeben. Jetzt muss ich weitermachen. Ich bin verpflichtet, neu anzufangen. Sonst gibt es kein Geld." Spätestens im Februar will er im neuen Geschäft am neuen Ort starten. "Ich hätte viel zu viel Angst, neben dem Simbach wieder einen Laden zu eröffnen. Es ist mein drittes Hochwasser gewesen. Das reicht."


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