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Durchwachsene Bilanz E-Mobilität im Bayerischen Wald noch ausbaufähig

Mehr als 37 Millionen Euro hat die Staatsregierung in drei Modellregionen für Elektromobilität gepumpt. Fast 20 Millionen flossen in E-Wald, einen Landkreis-Verbund im Bayerischen Wald. Nach fünf Jahren läuft das Projekt jetzt aus, Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) hat die Forschungsergebnisse in Garmisch-Partenkirchen vorgestellt. Kritische Stimmen kommen aus der Modellregion selbst.

Von: Uli Scherr

Stand: 22.01.2016

Unter einer 40-Zentimeter-hohen Schneeschicht schimmert die blaue Farbe des Elektroautos durch. Das E-Auto ist gleich hinter dem Rathaus von Sankt Englmar (Lkr. Straubing-Bogen) geparkt - und zwar schon ziemlich lange, "zwei Wochen ungefähr", sagt Karin Wurm, Leiterin der Tourismus-Information. "Dementsprechend haben wir jetzt ein leichtes Batterieproblem wie bei anderen Autos auch, die zwei Wochen in der Kälte stehen", erzählt Wurm.

E-Auto wird zum Ladenhüter bei Touristen

Eigentlich sollte das E-Mobil nicht stehen, sondern von Feriengästen durch die Gegend gefahren werden - so die Idee. Die Nachfrage jedoch - grade im Winter - liegt bei null, sagt Karin Wurm: "Leider, weil es ja eine schöne Geschichte ist." Die Tourismus-Chefin von Sankt Englmar fragt sich, ob das Bergdorf im Landkreis Straubing-Bogen wirklich das geeignete Terrain für ein Elektro-Auto ist.

"Die letzten sieben Kilometer geht es nur bergauf. Und wenn man dann im Winter noch Heizung braucht, Lüftung, Scheibenwischer, Licht - dann merkt man ganz schnell, wie die Akku-Leistung nach unten geht."

Karin Wurm, Leiterin der Tourismus-Information Sankt Englmar

Positiv: mehr als 130 Stromtankstellen in Ostbayern

Mit großen Erwartungen ist der Bayerische Wald vor fünf Jahren als Modellregion für Elektromobilität  ausgewiesen worden. Die Macher wollten beweisen, dass Elektroautos nicht nur in Großstädten, sondern auch auf dem Land Mobilität garantieren können. Und heute? Ein positives Fazit zieht - trotz mancher Rückschläge - Professor Peter Sperber, Präsident der Technischen Hochschule Deggendorf. Er war Initiator der Modellregion. Die Hochschule betreut das mit 7.000 Quadratkilometern größte Forschungsprojekt in Deutschland als dritte Modellregion neben Garmisch-Partenkirchen in Oberbayern und Bad Neustadt an der Saale in Unterfranken.

"Das E-Wald-Gebiet ist anerkanntermaßen das führende Flächenprojekt in Deutschland. Ich glaube, dass Bayern sich damit einen Leuchtturm geschaffen hat, den man nach Außen exportieren kann."

Peter Sperber, Präsident der Technischen Hochschule Deggendorf

In der Tat: Nach fünf Jahren Aufbauarbeit gibt es in Ostbayern ein Netz von mehr als 130 öffentlich zugänglichen Stromtankstellen. Die eigens gegründete Firma E-Wald mit Sitz in Teisnach (Lkr. Regen) hält eine Flotte von 200 Elektro-Autos vor. Die Hälfte der Autos ist dauerhaft vermietet. Die anderen Fahrzeuge können tageweise von Einheimischen und Touristen gebucht werden.

Negativ: Adaption an Tourismus klappt nicht

Längst nicht alle Zielvorgaben des E-Wald-Projekts aber sind erfüllt: Eigentlich wollte man auch dem Öko-Tourismus im Bayerischen Wald zu einem Boom verhelfen. Zum Beispiel sollten möglichst viele Hotels ganzjährig ein Elektro-Auto für Gäste bereitstellen. Heute beteiligt sich aber nur noch ein einziger Beherbergungsbetrieb in ganz Niederbayern an dem Angebot. Und dieses Haus - der "Antoniushof" - liegt nicht mal im Bayerischen Wald, sondern in Ruhstorf an der Rott im Landkreis Passau. Peter Sperber kann seine Enttäuschung nicht verhehlen:

"Mit dem Tourismus ist es relativ ernüchternd. Das ist richtig. Die Touristen haben die Autos nicht so sehr angenommen, das würde ich aber nicht E-Wald anlasten, sondern den Tourismus-Organisationen, die es nicht beworben haben."

Peter Sperber, Präsident der Technischen Hochschule Deggendorf

Praxistest im Nationalpark gescheitert

Auch beim Nationalpark Bayerischer Wald haben die Mitarbeiter eine Zeit lang Elektro-Autos getestet. Laut Abteilungsleiter Hubert Wachter waren die Erfahrungen durchwachsen. Obwohl Wachter selbst privat auf ein Elektro-Auto umgestiegen ist, und als Abteilungsleiter findet, dass einem Nationalpark ein umweltfreundlicher Fuhrpark mit E-Mobilen gut zu Gesicht stünde, hält er die Realisierung für schwierig.

"Wir würden gerne. Aber wir haben momentan die Schwierigkeit, dass die meisten Elektroautos kein Allrad haben und wir hier sehr viel im Gelände unterwegs sind. Das ist Punkt eins. Punkt zwei: Elektroautos sind noch recht teuer in der Anschaffung. Und das können wir uns schlichtweg nicht leisten."

Hubert Wachter, Abteilungsleiter Nationalpark Bayerischer Wald


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Peter, Sonntag, 24.Januar, 15:34 Uhr

2. Klassischer ÖPNV statt Experimente

Das der Tourismus sich nicht für E-Wald interessiert hat insbesondete mit dem Erfolg des Gästeservice Umweltticket zu tun. Wie E-Wald vor 5 Jahren gestartet, haben mittlerweile fast alle Übernachtungsgäste die Möglichkeit Bus und Bahn kostenlos nutzen zu können. Auch St. Engelmar, ausserhalb des Einzugs
bereichs interessiert sich mit der reaktivierten Bahnstrecke Gotteszell-Viechtach für einen Beitritt.

Das grundsätzliche Problem des Carsharings, das Erreichen der Vermietstation bzw. das wegkommen von der Station zum Ziel wurde nie angegangen. Man setzte auf eine Konkurrenz zum klassischen ÖPNV und wollte bereits am Fernbahnhof Plattling die Feriengäste in die E-Autos locken, ohne auf das gut ausgebaute touristische Bus und Bahnnetz (Waldbahn, Igelbus, Skibusse).

In meinen Augen hätte man die 30 Millionen Euro besser investiert können. Dafür hätte man z.B. 300 Jahre das Igelbussystem betreiben könne.

Christoph Würflein, Freitag, 22.Januar, 12:21 Uhr

1. E-Wald Ladenetzwerk - Touristische Aspekte oft nicht berücksichtigt!

Wir waren im vergangenen Sommer mit einem eigenen Elektroauto im Urlaub im Bayerischen Wald. Der Service von E-Wald bei der Bestellung der Ladekarte und einem Ladeproblem vor Ort war sehr freundlich und engagiert.
Dies konne aber nicht ausgleichen, dass das E-Wald Konzept im Tourismus nicht funktioniert, weil touristische Aspekte bei der Planung des Ladenetzwerkes bei vielen Standorten nicht berücksichtigt wurden. Ladesäulen sollten idealerweise dort stehen, wo Touristen ohnehin parken. Um mit Fördemitteln möglichst schnell viele Ladesäulen aufzustellen, wurden diese im E-Wald Projekt wohl oft in Hinterhöfen, in Gewerbegebieten oder an abgelegenen Parkplätzen aufgestellt. Andererseits fehlen an touristischen Hauptanziehungspunkten wie dem Hans-Eisenmann-Haus in Neuschönau oder am Waldwipfelweg in Maibrunn bis heute Ladesäulen. Auch wurde es verabsäumt, die Hotellerie und die Gastronomie mit in der Anschaffung günstigen Lademöglichkeiten (Wallboxen) für ihre Gäste zu versorgen.