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Bayerischer Wald Wolfs-Diskussion: "Pro Nationalpark" zeigt Verständnis für Abschüsse

Von sechs entlaufenen Wölfen sind noch vier im Bayerischen Wald unterwegs. Eins der Tiere wurde am Wochenende abgeschossen. Das sorgt für heftige Diskussionen - auch unter den ehrenamtlichen Waldführern in der Region.

Von: Renate Roßberger, Veronika Meier

Stand: 09.10.2017

Der Verein "Pro Nationalpark" , in dem viele ehrenamtliche Waldführer Mitglied sind, äußert Verständnis dafür, dass die ausgebrochenenen Gehegewölfe notfalls abgeschossen werden müssen. Damit distanziert sich der Verein von einem halböffentlichen Brief des Waldführers Jan F. Turner, der sein Ehrenamt als Waldführer wegen der Wolfsabschüsse niedergelegt hat.

"Mit diesem Entschluss drückte ich mein Entsetzen, meine Enttäuschung und Trauer aus über den Umgang mit einer Krisensituation, wie sie seit dem 5. Oktober 2017 durch die Nationalparkverwaltung praktiziert wird."

Auszug aus dem Brief des Waldführers Jan F. Turner

"Märchen vom bösen Wolf"

Turner kritisierte in seinem Brief, dass die Wölfe erschossen werden. Er warf der Nationalparkverwaltung vor, sie beruhige nur "irrationale Ängste" und halte durch ihr Tun das "Märchen vom bösen Wolf" aufrecht, "entgegen besseren Wissens." Ein Nationalpark müsse Leben bewahren und es nicht nehmen. Zudem habe man beim Wiedereinfangen der Wölfe in den ersten Stunden wertvolle Zeit vertsreichen lassen, weil man keine externen Kräfte dazugeholt habe. Der Nationalpark habe in dem riesigen Gelände mit nur 30 Treibern gearbeitet. Waldführer wurden zum Beispiel nicht dazugezogen.

"Der Nationalpark handelt besonnen"

Der Verein "Pro Nationalpark" sieht Turners Ansichten als "absolute Einzelmeinung". Die Wolfsabschüsse würden zwar unter den Waldführern diskutiert. Die allermeisten hätten aber Verständnis für die Entscheidung der Nationalparkverwaltung, die Wölfe notfalls zu töten. "Der Nationalpark handelt besonnen," sagte der Vereinsvorsitzende von Pro Nationalpark Volker Freimuth heute dem BR. Er vertraue dem Nationalparkleiter Franz Leibl, sagte Freimuth, "weil ich weiß, dass ihm der Schutz der Wölfe am Herzen liegt." Ein Gehegewolf sei nun einmal an Menschen gewohnt. Deshalb könne man sein Verhalten nicht vorhersehen. Wenn im schlimmsten Fall tatsächlich etwas passieren sollte, also ein Mensch durch einen Wolf zu Schaden kommt, sei das viel schlimmer für die gesamte Wolfsdiskussion als die Abschüsse.

"Es tut mir im Herzen weh, aber ich sehe, dass am Ende vielleicht keine andere Möglichkeit bleibt, als die Tiere notfalls zu töten."

Volker Freimuth, Vereinsvorsitzender von Pro Nationalpark

Kritik auch aus der Bevölkerung

Auch manche Menschen in der Region finden es übertrieben, dass die Suchtrupps des Nationalparks den Wölfen jetzt schon mit scharfer Munition nachjagen.

"Es ist nicht fair. Man hat eine Verantwortung für die Tiere, wenn man die hält. Man kann sie nicht erst aufziehen und wenn etwas nicht passt, erschieß ich sie. Ich würde sie betäuben und wieder in das Gehege tun."

Anwohner

Genau das ist das Problem, sagt Nationalparkleiter Franz Leibl. Die Wölfe sind seit Jahren daran gewöhnt, dass Fotografen und Besucher traubenweise am Gehege-Zaun stehen. Deshalb halten sie zu wenig Abstand zu Häusern und Menschen. Im Weiler Pochermühle hat ein Wolf zwei Spaziergänger angeknurrt und bis zum Auto verfolgt.

Alternative Maßnahmen griffen nicht

Deswegen musste ein Wolfsweibchen, das sich um das Dorf Zwieslerwaldhaus herumgetrieben hatte, erschossen werden.

"Diese Entscheidung, den Wolf zu töten, haben wir uns nicht leicht gemacht. Wir haben auch intensiv versucht, die Tiere lebend einzufangen. Das heißt, wir haben Lebendfallen verwendet, haben es mit Narkosegewehren versucht, haben Treiberketten gebildet und so weiter."

Franz Leibl, Nationalparkleiter

Ein Problem bei der Betäubing ist allerdings, dass man mit den Narkosegewehren relativ nah an das Tier herankommen muss. Das ist bei den Wölfen, die in den Wäldern am Falkenstein und am tschechischen Spitzberg unterwegs sind, aussichtslos. Zudem fliegen die Betäubungspfeile so langsam, dass die Wölfe ausweichen können. An den Ködern und Fallen ließen sie sich bislang nicht blicken.

Waren es Tierschützer oder Wolfshasser?

Nach wie vor unklar ist, warum überhaupt jemand das Gehegetor geöffnet und die Wölfe so freigelassen hat.

"Aus meiner Sicht wird dadurch die Wolfsdiskussion in Bayern angeheizt. Wenn es eine Fremdperson war, war dessen Absicht vermutlich, dem Wolf ein schlechtes Image zu verleihen."

Franz Leibl, Nationalparkleiter

Denkbar wäre auch falschverstandene Tierliebe, also eine Art Wolfsbefreiungsaktion. Diese wäre bei Tieren, die lebenslang gefüttert wurden, aber unsinnig. Sicher ist nur: Es ist ausgeschlossen, dass die Tierpfleger vergessen haben, das Gehegetor zuzumachen. Das Tor ist zweifach gesichert, mit einem Schloss und zusätzlichen Sicherheitshaken.

Die Suchaktionen nach den Wölfen geht nun weiter. Und auch die Diskussionen werden wohl mit weiteren erschossenen Tieren nicht enden.


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Kommentare

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Andrea Häring-Pfauntsch, Freitag, 20.Oktober, 07:07 Uhr

59. Leben die Wölfe noch...

Leben die Wölfe noch, oder sind sie bereits, ohne die Öffentlichkeit zu informieren, "beseitigt" worden? Muss erst das DNA-Resultat (gerissenes Schaf) abgewartet werden, um das weitere TÖTEN der Wölfe zu rechtfertigen? Was wird weiterhin unternommen, um die Tiere zu retten?

Walter Lux, Mittwoch, 11.Oktober, 15:49 Uhr

58. Professionalisierung des Wolfsschutzes

Da sitzen in den Ministerien und "Naturschutzverbänden" eingesetzte sogenannte "Wolfsbeauftragte". Sie sitzen in ihren klimatisierten Büros in Deutschlands Großstädten. Die freuen sich über jeden eingewanderten Wolf, da er ihren Job für unabkömmlich erscheinen lässt. Das ganze hat doch nur mit dem extremen Wohlstand in Deutschland zu tun. Früher hätte man die Tiere als Nahrungskonkurrenten bejagt.

Sven Kühnel, Mittwoch, 11.Oktober, 14:20 Uhr

57. Kranke Welt

Liebe Leute, wie krank ist unsere Welt, unsere Gesellschaft und unsere Wahrnehmung inzwischen eigentlich geworden ??? Die vollkommen irrationale Emotionalität fern jeder Vernunft mit der diese Diskussion hier pro und contra geführt wird ist schlichtweg unfassbar !!! Unwissenheit und in manchen Fällen auch einfach nur reine Dummheit, Naivität, Realitätsverlust, ein eklatanter Mangel an gesundem Menschenverstand, Anmaßung, Ignoranz, Vorurteile und Besserwissertum sind wohl die Begriffe, die hier sicherlich 90% der Meinungsäusserungen abdecken und damit voll daneben liegen. Deshalb erst denken, dann schreiben und wem es überhaupt am elementaren naturwissenschaftlichen Grundwissen rund um dieses Thema mangelt, der sollte es sich am besten ganz verkneifen. Mich jedenfalls erschüttert und erschreckt der Gedanke täglich solchen Mitmenschen ausgesetzt zu sein wesentlich mehr als der, im Wald eines Tages gegf. mal einem Wolf zu begegnen, egal ob als Jäger, Spaziergänger, Tourist, etc. !

  • Antwort von Claudia Sacher, Mittwoch, 11.Oktober, 21:15 Uhr

    Stell dich nicht so an. Das Internet ist halt mal das, was früher der Stammtisch war - nur ohne Bier!. Solange man anständig bleibt, kann doch jede(r) sagen was er /sie denkt. Ob´s sinnvoll ist oder nicht.

  • Antwort von Sven Kühnel, Donnerstag, 12.Oktober, 08:25 Uhr

    Hallo Claudia, nachdem ich noch nie ein Stammtischbruder war erschreckt es mich ganz einfach, dass man inzwischen offensichtlich mindestens 3/4 unserer "mündigen" Bevölkerung mehr oder weniger "in´s Hirn geschissen" hat ! Wo bitte soll das noch hinführen ?!? Ich bin an dieser Stelle echt fassungslos vor soviel geistigem Unvermögen.

  • Antwort von Andrea Häring-Pfauntsch, Donnerstag, 12.Oktober, 13:26 Uhr

    Lieber Herr Kühnel,
    die Leute, die hier ihre Kommentare schreiben, haben oft, so wie auch ich, die Wölfe aufwachsen sehen. Die emotionale Schiene pro oder contra, dies ist hier egal, kann man den Menschen nicht verdenken, auch wenn Sie das offenbar nicht verstehen. Dies finde ich sehr schade.
    Einen schönen Tag wünscht Ihnen
    Andrea Häring-Pfauntsch

  • Antwort von Andrea Häring-Pfauntsch, Donnerstag, 12.Oktober, 16:46 Uhr

    Lieber Herr Kühnel,
    "die Leute" haben die Wölfe, genauso wie ich, aufwachsen sehen. Wenn hier emotional, egal, ob pro oder contra, reagiert wird, ist dies m.E. nur allzu verständlich. Leider können Sie das nicht verstehen, dass muss man wohl akzeptieren.
    Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.

Peter Filscher, Mittwoch, 11.Oktober, 08:33 Uhr

56. Wölfe

Wenn ich als Tierschützer gefragt würde: "tun Ihnen denn die Schafe nicht leid, die die in Freiheit gelangten Wölfe reißen". dann würde ich mit "nein" antworten, denn ich würde sie auch reißen, wenn ich Wolf wäre und Hunger habe.

Jack Woolfmann, Dienstag, 10.Oktober, 16:21 Uhr

55. Das Pack will nur tote Wölfe

m Gegensatz zu Jägern haben Tierschützer ein Hirn und Gefühle....und würde deshalb nie vorsätzlich diese Tier freilassen. Das gibt es ganz andere Beweggründe diese Wölfe frei zu lassen und damit auf primitivste Art Stimmung gegen Wölfe zu machen. Und wenn ich dann hier sehe dass es genügend Schwachköpfe gibt , welche den Abschuss der Wölfe liken.... , dann hat das durchtrieben Spiel um das Leben dieser wunderbaren Tiere schon sein Zweck wohl erfüllt. EInfach zum Kotzen.

  • Antwort von Sandra, Mittwoch, 11.Oktober, 11:54 Uhr

    Genau, deswegen lassen diese hirnigen Tierschützer ja auch nie Tiere aus Pelzfarmen oder Ställen frei...
    Soweit kann es also mit Hirn nicht sein!
    Gerade PETA und auch der dt. Wolfsschutz haben mehrfach geäußert, dass Wölfe nicht ins Gehegen gehören. DAS jetzt ist die logische Konsequenz daraus.

  • Antwort von Sven Kühnel, Donnerstag, 12.Oktober, 12:14 Uhr

    ... oder die Eisbären im Nürnberger Zoo vor etlichen Jahren ... ! Das war ja wohl auch völlig klar, wie das für die Tiere enden würde, nachdem noch Besucher auf dem Gelände waren. Da fragt man sich echt, was solche Leute eigentlich im Kopf haben ... oder was nicht !