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Ministerium prüft Bald HIV-Schnelltest aus der Apotheke?

Aids ist noch immer unheilbar. Tausende Menschen in Deutschland leben mit HIV, ohne es zu wissen. Selbst bei Verdacht meiden viele aus Scham den Gang zum Arzt. Neue HIV-Tests für zu Hause könnten hier Abhilfe schaffen.

Stand: 31.05.2017

Asylbewerber in Bayern müssen sich wieder einem HIV und Hepatitis B Test unterziehen | Bild: picture-alliance/dpa

Michael Tappe, Test-Experte von der Deutschen Aids-Hilfe demonstriert, wie der neue HIV-Schnelltest für zu Hause funktioniert: Ein kleiner Pieks in den Finger, dann wird ein Blutstropfen auf ein Teströhrchen aufgetragen. Nach etwa 15 Minuten wird das Ergebnis auf dem Röhrchen sichtbar.

"Je nachdem, was das Ergebnis ist, zeigen sich entweder ein oder zwei Striche. Wenn nur einer erscheint, heißt das, der Test hat funktioniert. Und wenn der zweite auch noch erscheint, ist das Ergebnis reaktiv, das heißt, man ist sehr wahrscheinlich HIV-positiv."

Michael Tappe, Deutsche Aids-Hilfe

Neue HIV-Schnelltests zuverlässiger

HI-Viren unter dem Elektronen-Mikroskop

Das Bundesgesundheitsministerium prüft derzeit, ob diese Tests bald in Apotheken verkauft werden dürfen. Die Aids-Hilfe stand solchen Selbsttests anfangs skeptisch gegenüber, weil die älteren Modelle für Laien schwer anzuwenden waren, und die Ergebnisse wenig zuverlässig. Anders bei den neueren Modellen, die in Großbritannien und Frankreich bereits in Apotheken für rund 25 Euro verkauft werden. Die Tests weisen HIV-Antikörper im Blut nach. Die Antikörper brauchen etwa drei Monate, um sich in nachweisbaren Mengen zu entwickeln. Eine HIV-Infektion mit Sicherheit ausschließen können die Tests also erst nach zwölf Wochen. Dann ist das Ergebnis sehr zuverlässig.

"Das ist die sogenannte Sensitivität. Also ob ein negatives Ergebnis sicher ist. Die lag früher bei 60 bis 80 Prozent und die liegt jetzt bei fast ein 100 Prozent."

Michael Tappe, Deutsche Aids-Hilfe

Noch immer Angst vor Stigmatisierung

Auch Dr. Christoph D. Spinner von der Deutschen Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Ärzte in der Versorgung HIV-Infizierter e. V. (dagnae) spricht sich für die neuen HIV-Heimtests aus. Neben der bereits bestehenden Möglichkeit eines Labortests mit ärztlicher Beratung könnten die neuen HIV-Schnelltests für zu Hause aus Sicht des Mediziners einen Beitrag zur Erhöhung der HIV-Testrate und Testfrequenz, insbesondere bei Risikogruppen, bieten. Noch immer sieht der Facharzt für Innere Medizin vom Interdisziplinären HIV-Zentrum (IZAR) am Klinikum rechts der Isar in München Patienten, die sich erst spät vorstellen, wenn AIDS bereits ausgebrochen ist.

"Der HIV-Test kann aufgrund der assoziierten Stigmata mit einem riskanten Sexualverhalten von einem Schamgefühl begleitet werden, was durch die Möglichkeit eines Heimtests überwunden werden kann. Daher können die neuen HIV-Schnelltests einen potentiell wertvollen Beitrag zur Verbesserung der HIV-Testungen in Deutschland in Ergänzung zu den bestehenden Teststrukturen bieten."

Dr. Christoph D. Spinner, Klinikum rechts der Isar

Ist das Testergebnis positiv, deutet das auf eine HIV-Infektion hin. Die muss dann aber noch durch einen Arzt mit einem weiteren Testverfahren im Labor bestätigt werden. Denn die Schnelltests können - wenn auch zu einem sehr kleinen Anteil - falsch positive Ergebnisse liefern. Michael Tappe von der Deutschen Aids-Hilfe nennt mögliche Ursachen: „Zum Beispiel eine Autoimmunerkrankung, oder eine Impfung, oder andere Unregelmäßigkeiten, die den Immunhaushalt sozusagen ein bisschen in Unordnung geraten lassen.“

Bundesgesundheitsministerium prüft Anwendung von HIV-Selbsttests

Mit Medikamenten kann man den Ausbruch der Krankheit verhindern oder hinauszögern

In Deutschland dürfen HIV-Schnelltests bisher nur an Ärzte, medizinische Laboratorien und Behörden ausgegeben und nur unter ärztlicher Aufsicht durchgeführt werden. Angesichts der neuen Schnelltests prüft das Bundesgesundheitsministerium derzeit, inwiefern es sinnvoll wäre, diese Regelung zu ändern. Eine gute Idee, findet die Aids-Hilfe. Denn nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts leben in Deutschland immer noch knapp 13.000 Menschen, die nicht wissen, dass sie HIV-positiv sind.

"Wenn man mehr Menschen dadurch motivieren kann, den Test zu machen, weil es noch einfacher ist, erwischt man dann vielleicht mehr Leute, die man dann auch früher behandeln kann. Um eben Spätdiagnosen - also dass Patienten erst von ihrer HIV-Diagnose erfahren, wenn sie schon krank sind – um das zu vermeiden. Das ist das große Ziel."

Michael Tappe, Deutsche Aids-Hilfe

Vorteile frühzeitiger Behandlung

Bisher ist eine HIV-Infektion nicht heilbar. Aber eine frühzeitige Behandlung kann die Vermehrung der HI-Viren im Körper hemmen und verhindern, dass Aids ausbricht:

"Eine frühzeitige Diagnosestellung und Therapie ist für den Betroffen entscheidend: Bei frühzeitiger Therapie ist eine potentiell normale Lebenserwartung ohne HIV-assoziierte Komplikationen möglich. Ebenso wird das Risiko von Übertragungen bei frühzeitiger Diagnosestellung minimiert."

Dr. Christoph D. Spinner, Klinikum rechts der Isar

Die Deutsche Aids-Hilfe hofft deshalb, dass die HIV-Schnelltests noch in diesem Jahr legal in Apotheken und Beratungsstellen verkauft werden können. Einen Zeitrahmen, bis wann das Bundesgesundheitsministerium die Prüfung abgeschlossen haben wird, konnte das Ministerium bisher noch nicht mitteilen. Anfang Juli findet hierzu eine Anhörung im Bundesgesundheitsministerium statt. Auch Dr. Christoph Spinner vom Interdisziplinären HIV-Zentrum (IZAR) am Klinikum rechts der Isar aus München wird dabei sein.


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