5

Nährwertkennzeichnung Die Probleme der kleinen Direktvermarkter

Verbrauchern, die sich weniger fett oder süß ernähren wollen, sollen neuerdings Nährwertangaben helfen. Eigentlich eine gute Sache. Doch die seit dieser Woche gültige EU-Verordnung macht gerade denen zu schaffen, die naturbelassene Lebensmittel in kleinen Betrieben herstellen und verkaufen - zum Beispiel bäuerlichen Direktvermarktern.

Von: Jutta Schilcher

Stand: 16.12.2016

Eines dieser Beispiele ist der Hofladen vom Anderlbauer in Frasdorf nahe dem Chiemsee. Ein Stammkunde holt Schafjoghurt und -milch, die Flasche und das Glas sind völlig unbeschriftet.

"Ich brauche kein Etikett, ich weiß, dass ich es da sicher kriege. Warum sollte ich da ein Etikett verlangen?"

Kunde

Neue Etiketten für 150 Produkte

Etikettierung beim Anderlbauer in Frasdorf

Überall sonst gibt es auf Lebensmitteln lange Zutatenlisten und meist auch Nährwertangaben - etwa wie viel Prozent Kohlenhydrate, Fett, Eiweiß oder Salz enthalten sind. Ab sofort müssen das auch Betriebe wie die Käserei Anderlbauer aufdrucken. Hans Huber und seine Frau Margarita haben deshalb für gut 150 Produkte neue Etiketten machen lassen - zusätzlich zum EU- und Verbands-Biosiegel sowie der schon länger vorgeschriebenen Zutatenliste. Die neuen Aufkleber haben auf mancher Käseecke kaum Platz und sind oft nur schwer zu entziffern - aber vorschriftsmäßig.

"Draufdrucken tun wir es mit einem Thermotransfer-Drucker, wir haben uns auf solche - ich sage einmal - Mode-Erscheinungen schon vor drei, vier Jahren eingestellt. Vegan ist nur ein Stichwort. Oder ohne Zucker, ohne Laktose, laktosefrei. Also, ich versuche immer mein Größtmögliches, ohne dass ich wirtschaftliche Schäden in der Käserei habe, dass ich alles mache, was gefordert wird."

Hans Huber, Käserei Anderlbauer

Teure Analysen

Die Umstellung auf neue Etiketten hat Huber 4.000 bis 5000 Euro gekostet, aber das ist nicht alles:

"Es ist nicht das Ausdrucken, wie man es jetzt sieht, dass das Etikett rauskommt, das kommt in 0,3 Sekunden raus. Wir lassen jedes einzelne Produkt untersuchen und hinterlegen dann diese Untersuchungsergebnisse."

Hans Huber

Doch diese Analysen sind teuer.

"Wir werden praktisch mit der gleichen Messlatte gemessen wie Nestlé zum Beispiel, der wo einen Schokoriegel auf den Markt bringt. Und das ist nicht richtig, sage ich mal."

Hans Huber

Auch wenn der Käser inzwischen viele Tausend Liter Milch verarbeitet, versteht er sich als handwerklicher, bäuerlicher Betrieb. Der Fettgehalt der Schaf- und Ziegen-Milchprodukte ist nicht immer gleich, sondern schwankt je nach Jahreszeit und Fütterung der Tiere. Auf eine Ausnahmeregelung von der gesetzlichen Nährwertkennzeichnung hofft Hans Huber aber nicht: Großhändler und Bio-Supermärkte, die seinen Käse abnehmen, fordern die Angaben.

Bauernverband: "Aufwand unverhältnismäßig hoch"

Josef Wiedemann ist beim Bayerischen Bauernverband zuständig für Direktvermarkter. Vor allem kleine Betriebe seien derzeit verunsichert.

"Das wird hier von Brüssel nicht diktiert, sondern es ist ganz klar so, dass die Verbraucherschützer unbedingt wollten, dass Nährwertangaben drin sind. Gerade bei den versteckten Inhalten, die ja oft in diese hoch hergestellten Lebensmittel eingebaut sind, die industriell produziert sind, da ist es schon nicht verkehrt, wenn man weiß, was drin ist, und diese Firmen können so etwas auch ganz locker machen, die haben ihre eigenen Labore. Aber hier bei uns in der Direktvermarktung, da müssen wir mit Tabellen und allem Möglichen arbeiten. Und da ist der Aufwand unverhältnismäßig hoch und deshalb sieht Brüssel da eine Möglichkeit vor, dass einfacher zu machen."

Josef Wiedemann, Bayerischer Bauernverband

Einfacher heißt, dass handwerklich hergestellte Lebensmittel, die direkt in kleinen Mengen an den Endverbraucher abgegeben werden, von der Regelung befreit sind. Das Problem: Brüssel hat nicht geregelt, was genau eine kleine Menge ist - ebenso wenig das bayerische Verbraucherschutzministerium.

Menge? Definitionssache

Im Hofladen bei Mariele Simon in Bernau

Direktvermarkter wie Mariele Simon in Bernau sind deshalb nervös: Für die Kontrollen sind die Landratsämter zuständig - und die haben nun viel Ermessensspielraum. Vermutlich sind das hier alles kleine Mengen, aber Mariele Simon ist trotzdem unsicher.

"Das ist natürlich ein Fass ohne Boden für uns Kleine, weil wir auf die Willkür oder Auslegungssache unserer Landratsämter und unserer Kontrolleure angewiesen sind. Offiziell gibt es vom Ministerium für Ernährung nur die Stellungnahme, Kleinmengen braucht man nicht machen. Aber aber was ist eine Kleinst-Menge? Das kann keiner sagen."

Mariele Simon, Bäuerin

Bei Mariele Simon stehen 15 Sorten Fruchtaufstrich Regal - mit Zutatenliste. Das war bisher schon viel Arbeit. Sollten jetzt noch Nährwertangaben gefordert werden ...

"... dann räume ich den Schrank aus. Das ist ganz sicher. Das kann und will ich mir gar nicht antun, weil das gar nicht der Sinn von der Direktvermarktung oder von uns kleinen Betrieben sein sollte."

Mariele Simon

Wie soll man Geräuchertes beschriften?

Der Seppnbauer-Hof ist tatsächlich klein. Es gibt Geflügel, ein paar Rinder und Schweine. Wenn geschlachtet wird, wird selbst Wurst gemacht. Auch Leber-, Speck- und Kaspressknödel sind im Angebot. Hier gibt es das nächste Problem mit der Kennzeichnung: Weil die Zutaten nicht immer aufs Gramm gleich sind, schwankt der Nährwert. Und wie soll man Schwarzgeräuchertes beschriften? Mal ist der Fettrand dünn, mal dick. Mariele Simon hofft, dass sowohl Kontrolleure als auch Verbraucher da ein Einsehen haben.


5

Keine Kommentare mehr möglich. Hinweise zum Kommentieren finden Sie in den Kommentar-Spielregeln.)

websaurier, Freitag, 16.Dezember, 08:24 Uhr

1. Lausiger Verbraucherschutz....


Ich denke, so mancher "Verbraucherschützer" sollte einfach ab und zu mal sein Gehirn einschalten !
Anstatt nur laut rum zu poltern und zu fordern...

Guter Verbraucherschutz sieht anders aus!
Eben nicht als Handlanger großer Lebensmittelkonzerne zu agieren...