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Jobabbau bei Siemens Angst, Proteste, Kritik – und Verteidigung

Siemens kündigt an, in Bayern 1.900 Stellen zu streichen. Von Seiten der Gewerkschaft und des Betriebsrates hagelt es Kritik. Unter der Belegschaft herrscht Angst; in Bad Neustadt gibt es spontanen Protest. Siemens verteidigt seine Pläne.

Stand: 10.03.2016

Demo Siemens-Mitarbeiter Bad Neustadt | Bild: BR, Norbert Steiche

In Bad Neustadt haben am Vormittag rund 1.500 Mitarbeiter gegen den Stellenabbau protestiert. 350 Arbeitsplätze aus Bad Neustadt sollen in Länder verlagert werden, in denen in der Produktion niedrigere Löhne gezahlt werden, vermutlich nach Osteuropa. Auch die IG Metall will dagegen vorgehen. Für die Stadt Bad Neustadt mit rund 15.000 Einwohnern ist der geplante Stellenabbau ein harter Schlag. An dem Standort hat Siemens derzeit rund 2.300 Beschäftigte, die unter anderem Elektromotoren fertigen.

1.900 Jobs in Bayern bedroht

Von dem Stellenabbau sind viele Niederlassungen in Bayern betroffen – 1.900 Stellen sollen wegfallen, sagte ein Konzernsprecher dem Bayerischen Rundfunk. Der Standort in Nürnberg ist besonders betroffen. In der Vogelweiherstraße sollen 750 Jobs wegfallen. In Ruhstorf im Landkreis Passau seien es 700, in Bad Neustadt 350 und in Erlangen etwa 150, so der Sprecher. Wann die Stellen abgebaut werden, ist noch unklar. Das Unternehmen versuche aber, "betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden", hieß es.

"Herber Schlag für Nürnberg"

Seitens der Stadt Nürnberg zeigte man sich betroffen angesichts der von Siemens angekündigten Einschnitte. Oberbürgermeister Ulrich Maly (SPD) sprach von einem herben Schlag für den Industriestandort Nürnberg. Man gehe davon aus, dass der Konzern sozialverträgliche Lösungen für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anbiete. Die betroffenen Beschäftigten wirkten entsetzt und ratlos. Viele finden es ärgerlich, dass sie von dem geplanten Stellenabbau erst aus den Medien erfahren haben, sagten Vertreter der Gewerkschaft IG Metall am Donnerstag (10.03.16) vor den Nürnberger Werkstoren.

Erlangen: Streichungen an mehreren Standorten

In Erlangen verteilt sich der Stellenabbau auf mehrere Standorte. Das sagte ein Unternehmenssprecher dem Bayerischen Rundfunk. An welchen Erlanger Standorten die Stellen wegfallen sollen, wollte der Sprecher nicht mitteilen. Eine Infoveranstaltung für die Mitarbeiter, wie es sie am Donnerstag in Nürnberg gab, ist in Erlangen nicht geplant. Stattdessen gebe es hier eine Information durch die zuständigen Abteilungsleiter oder Teamchefs, hieß es weiter.

IG Metall kritisiert ideenloses Vorgehen

Die IG Metall kritisierte indes, dass ein Technologieführer wie Siemens auf Marktveränderungen erneut ideenlos mit Stellenstreichungen reagiere. Dieses Vorgehen habe bereits in der Vergangenheit nicht die erwünschte Wirkung erzielt, teilte Bezirkschef Jürgen Wechsler mit. Die Gewerkschaft kündigte an, sich gegen den Stellenabbau bei Siemens wehren zu wollen.

"Die von Herrn Kaeser seit seinem Amtsantritt immer wieder versprochene und beschworene Ruhe im Unternehmen bleibt weiter aus. Wenn sich ein Markt aufgrund technologischer Entwicklungen verändert, kann und muss man von einem Unternehmen wie Siemens erwarten, dass es das frühzeitig erkennt und sich angemessen auf künftige Erfordernisse einstellt."

Jürgen Wechsler, IG Metall-Bezirkschef

Die Gewerkschaft wirft dem Elektrokonzern eine "De-Industrialisierung des Standortes Deutschland" vor. Dass Siemens in anderen Bereichen neue Leute einstellen wolle, sei wenig stichhaltig, so Wechsler.

"Natürlich ist es begrüßenswert, wenn beispielsweise Stellen in den Bereichen digitale Fabrik oder Windenergie geschaffen werden. Aber es ändert absolut nichts an der Tatsache, dass aus teilweise obendrein strukturschwachen Regionen Bayerns 1.000 hochqualifizierte Arbeitsplätze auf Nimmerwiedersehen verschwinden sollen."

Jürgen Wechsler, IG Metall-Bezirkschef

Aigner stellt Hilfe in Aussicht

Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) stellte den betroffenen Regionen Hilfe in Aussicht. Sie verhandele mit Siemens bereits darüber, wie betriebsbedingte Kündigungen vermieden werden können.

"Ich bin mit Siemens im Gespräch, auch um für die betroffenen Regionen Zukunftsperspektiven zu entwickeln."

Ilse Aigner (CSU), Bayerns Wirtschaftsministerin

Zweitschwächste Sparte

Hintergrund des Abbaus sind massive Probleme im Bereich der Großmotorenfertigung des Konzerns. Die weltweit 28 Werke der Sparte "Prozessindustrie und Antriebe" sind nach BR-Informationen im Moment nur etwa zur Hälfte ausgelastet. Der Geschäftsbereich leidet demnach sowohl unter strukturellen Problemen als auch unter der Krise auf dem Ölmarkt, wo sich die Firmen mit Bestellungen neuer Anlagen derzeit zurückhalten.

Die Siemens-Sparte "Prozessindustrie und Antriebe" war zuletzt die zweitschwächste des Konzerns und mit einer Marge von knapp sechs Prozent weit entfernt von den vorgegebenen zwölf Prozent. Wegen der Probleme wurde im vergangenen Jahr auch der Chef der Sparte ausgetauscht, mittlerweile wird sie von Jürgen Brandes geführt. In Deutschland beschäftigt Siemens in dem Geschäftsfeld rund 16.000 Mitarbeiter, weltweit sind es rund 46.000 Beschäftigte.

Kritik am Management

Selbst Siemens-Gesamtbetriebsratsvorsitzende Birgit Steinborn räumt ein, dass das Geschäftsfeld in einer "sehr schwierigen Situation" sei. Ursache dafür seien aber einmal mehr auch Managementfehler aus der Vergangenheit, die nun die Beschäftigten vor allem in Deutschland ausbaden müssten.

Siemens verteidigt sein Vorgehen

Spartenchef Jürgen Brandes hält dagegen. Die Einschnitte seien in der Tat schmerzhaft. Allerdings habe der Wachstumseinbruch auf den Rohstoffmärkten zu einer erheblichen Verschärfung des Wettbewerbs besonders aus dem asiatischen Raum geführt.

"Wir sind gezwungen, uns auf diese Verhältnisse einzustellen, um unsere Wettbewerbsfähigkeit zu sichern."

Jürgen Brandes, Chef der Sparte Prozessindustrie und Antriebe

Außerdem liege die Zahl der Siemens-Beschäftigten in Deutschland seit Jahren stabil bei etwa 114.000 – trotz aller Stellenstreichungen durch Konzernumbau und Einsparungen in mehreren Geschäftsfeldern. An Standorten wie Cuxhaven entstünden auch neue Jobs. Außerdem werde gerade in Forschung und Entwicklung investiert, was ebenfalls für neue Jobs sorge.

"Für die direkt Betroffenen ist das natürlich kein Trost. Aber mit Abwarten wäre keinem geholfen. Der Markt wartet nicht auf uns. Wir haben als Management die Pflicht zu handeln, wenn sich die Rahmenbedingungen in einzelnen Geschäften so nachhaltig ändern, dass die Wettbewerbsfähigkeit in Frage gestellt ist."

Janina Kugel, Siemens-Personalchefin

Ganzer Standort in Gefahr?

Im Fall des Standorts in der Nürnberger Vogelweiherstraße gibt es sogar Befürchtungen, dass der gesamte Standort künftig in Gefahr sein könnte. Erst im Mai 2015 hatte Siemens den Abbau von bis zu 1.300 Arbeitsplätzen in Erlangen und Nürnberg angekündigt. In anderen Geschäftsbereichen will Siemens dagegen wohl investieren. Der Konzern teilte mit, weltweit 25.000 Menschen neu einstellen zu wollen, davon rund 3.000 in Deutschland.

Drei der betroffenen Siemens-Standorte

Nürnberg-Vogelweiherstraße

Am Standort in der Nürnberger Vogelweiherstraße sind rund 3.500 Mitarbeiter beschäftigt. Knapp die Hälfte sind in der Fertigung tätig, die vom geplanten Stellenabbau vorrangig betroffen sein wird. Hergestellt werden unter anderem Motoren für Ölförderpumpen oder Schiffsantriebe.

Bad Neustadt

Am Standort Bad Neustadt hat Siemens derzeit rund 2.300 Beschäftigte, die unter anderem Elektromotoren fertigen. Schon im vergangenen Jahr war die Stimmung angespannt und die IG Metall rechnete damit, dass eine der nächsten Personalabbauwellen auch Bad Neustadt treffen könnte.

Ruhstorf im Landkreis Passau

In Ruhstorf sind etwa 1.300 Mitarbeiter beschäftigt. Der Fertigungs- und Entwicklungsstandort beheimatet die Abteilungen "Digital Factory" und "Process Industries and Drives". Im Werk in Ruhstorf werden hauptsächlich Drehstrommotoren sowie Spezialmaschinen für Sonderanwendungen hergestellt.


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Kommentare

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Mangold Stefan, Mittwoch, 13.April, 22:19 Uhr

10. Ihr Bericht in "Kontrovers", von heute

Sehr geehrte Damen und Herren,

hab gerade versucht, einen sachlichen Bericht zu schreiben, hat mir viel Zeit gekostet, bis ich festgestellt habe, daß die Anzahl der Zeichen offensichtlich begrenzt ist, bevor etwas falsch kommt, hab ich`s gelöscht, die Anzahl der Zeichen hat gefehlt.... Hoffe mal, daß es Euch, als freien, unabhängigen, Journalisten nicht auch so geht, würde mir wünschen, daß Ihr mehr Zeichen zur Verfügung habt! In der Berichterstattung über den Siemens-Stellenabbau waren aber trotzdem Lücken....., die Die nötige Zeichenanzahl benötigt hätte.. Mir fehlt da die nötige Sorgfalt in der Darstellung der Tatsachen, "Siemens" Ruhstorf hieß mal Fa. Loher! Die Mitarbeiter waren nicht lange Jahre Siemens treu, sondern ihrer Fa. Loher, die Siemens durch Dumpingpreise platt gemacht und dann übernommen hat! Ähnlich wird es wohl bald mit der angegliederten Firma in Tübingen passieren! Früher war das Fa. FLENDER, ca. 100 Jahre ein Begriff für Qualität, dann kam Siemens...., :-)

oblablama, Freitag, 11.März, 04:29 Uhr

9. Und nur in Bayern?

Wenn es so, dann sieht's aus als dies eine Antwort vom Bund durch Siemensinvestoren an H. Seehofer und seine Politik & Freundschaft mit Ungewollten. Solches Scenario ist doch auch nicht ausgeschloßen oder...?

  • Antwort von doris, Freitag, 11.März, 09:16 Uhr

    da muss ich dir vollkommen recht geben, in österreich /wien wird ja auch geschlossen. das ist der dank das Niederbayern seit über 2 Jahren sich mit den Flüchtlingen rumschlagen durftete,

Gretchen, Donnerstag, 10.März, 16:34 Uhr

8. Gerechtigkeit?

Ist das nicht auch etwas, das die Leute wütend macht?

Der Staat gibt 60.000 € pro Jahr für einen einzigen unbegleiteten Jugendlichen aus.
Ein Flüchtling kostet nach Berechnungen des IFO Instituts über die Jahre 450.000€.

Die Leute, die die Steuern zahlen, Jahrzehntelang in die Sozialversicherung einzahlen, sind nach wenigen Jahren Arbeitslosigkeit auch nicht besser gestellt als jeder Flüchtling, egal woher er kommt und egal, ob er jemals etwas zu diesem Geimeinwesen beiträgt.

Ich finde das nicht in Ordnung!

Bocksbeutel, Donnerstag, 10.März, 16:09 Uhr

7. Siemens-Konzern

Beruhigend ist ja, wenn Frau Aigner melden lässt, daß sie mit der Konzernleitung Gespräche aufnehmen werde. Nur was wird das bringen? Die Erfahrung zeigt doch eutlich, daß bei einer einmal getroffenen Entscheidung wer wo, wann und wie viele gehen müssen, kein Rückzieher mehr erfolgen wird. Wenn man dann Heute liest, was ein Herr Pofalla und ein Herr Grube bei der DB einsacken, dann muss man schon mal hellhörig werden.

Gonzalez, Donnerstag, 10.März, 16:05 Uhr

6. Super Nachricht

Endlich gute Nachrichten! So wird der entsetzliche Facharbeitermangel, den auch die Bundesregierung mit einer weltweit einzigartigen Willkommenskultur nicht mildern konnte, zumindest regional ein klein bisschen entschärft. So kann der wirtschaftliche Zusammenbruch Deutschlands, der ja schon für die 90er Jahre prognostiziert wurde, noch ein klein wenig hinausgeschoben werden.

  • Antwort von Staatsbürger, Donnerstag, 10.März, 16:27 Uhr

    @Gonzales:
    Ich nehme an dieser Kommentar ist ironisch gemeint.
    Wenn nicht, dann wünsche ich Ihnen, dass auch Sie von ihrem Chef die Papiere erhalten, damit Sie aktiv dem Facharbeitermangel entgegenwirken können. Und wenn Sie Familie haben sollten dann werden Sie sich mit Sicherheit noch besser in die Situation der Betroffenen versetzen können.