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Flüchtlingsbetreuerin Simone Tolle "Die Kinder- und Jugendpsychiatrie ist überlastet"

Was ist schiefgelaufen mit dem jugendlichen Flüchtling, der nahe Würzburg fünf Menschen schwer verletzt hat? Eine Frage, die viele Menschen bewegt. Wir haben darüber mit der Flüchtlingsbetreuerin Simone Tolle gesprochen.

Von: Simone Schülein

Stand: 20.07.2016

Simone Tolle | Bild: Ra Boe / Wikipedia

BR-Studio Franken: Frau Tolle, Sie haben ja viel mit genau solchen Flüchtlingen zu tun, wie der 17-jährige Attentäter von Würzburg auch einer war. Er kam alleine hier her, war gut integriert, heißt es. Wie haben Sie denn die Ereignisse aufgenommen?

Simone Tolle: Ich war fassungslos, weil ich mir gar nicht vorstellen konnte, dass in unserer Nähe so eine grausame Tat passiert.

Welche Konsequenzen hat das für Ihre Arbeit mit Flüchtlingen?

Zur Person

Simone Tolle saß zwei Legislaturperioden lang für die Grünen im Bayerischen Landtag und ist weiter politisch aktiv, unter anderem als Kreisrätin im Landkreis Main-Spassart. Daneben betreut sie minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge.

Meine Arbeit hat sich nicht verändert. Ich kenne meine Jugendlichen ja und ich würde nicht von einem Einzelfall auf alle schließen. Wir reden drüber; also mitbekommen haben das die Jugendlichen schon. Ich hatte kürzlich Kontakt mit einem afghanischen Jungen, der gesagt hat, er schämt sich, weil ein Afghane so eine Tat begangen hat.

Die meisten finden das sehr traurig und schlimm. Und dass das gerade jemand aus ihrem Land war, das finden sie eben auch sehr, sehr traurig.

Was tun Sie für die Jugendlichen?

Wenn sie hier ankommen, kümmere ich mich darum, dass wir danach eine Wohngruppe finden, die für sie passt. Wenn sie dann in der Wohngruppe sind, suchen wir zusammen nach einer Schule. Wir achten darauf, dass die Jugendlichen Kontakt zu Menschen haben, die hier geboren sind, damit sie sich gut integrieren können. Und bei Schwierigkeiten oder auch bei freudigen Anlässen – wie zum Beispiel einem Schulabschluss – sind wir natürlich immer vor Ort.

Wie viele Jugendliche betreuen Sie insgesamt?

Ich betreue zurzeit 35. Jeder bekommt die Zeit, die er aufgrund seiner persönlichen Situation benötigt. Ich hatte auch schon ein Straßenkind. Das braucht viel mehr Zeit als ein Jugendlicher, der in einer Wohngruppe lebt.

Wie erleben Sie die Jugendlichen? Sind die verzweifelt oder in sich gekehrt?

Im Kinder- und Jugendhilfezentrum der Heimstiftung Karlsruhe (Baden-Württemberg) gehen am 10.11.2015 unbegleitete minderjährige Ausländer, kurz UMA, einen Flur entlang.  | Bild: picture-alliance/dpa zum Artikel Axt-Attacke von Würzburg Trauma-Experte fordert bessere Prävention

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Die sind genauso unterschiedlich wie alle Jugendlichen. Manche gleiten hier problemlos in die Gesellschaft hinein. Ich würde aber schon sagen, der überwiegende Teil ist schwer traumatisiert. Im Moment bemerke ich, dass sehr junge Jugendliche kommen – teilweise 13 Jahre alt – die wissen überhaupt nicht, warum sie hier sind und sind dann auch sehr verzweifelt. Das ist aber ein kleiner Teil. Die meisten geben sich wirklich Mühe, hier gut anzukommen.

Wie nahe kommen Sie den Jugendlichen? Ist eine Kontaktaufnahme denn nicht schwierig?

Ich bekomme von niemandem Geld für Dolmetscher. Für das Erstgespräch wird ein bisschen gezahlt, aber dann muss man sozusagen noch Geld mitbringen, damit man mit den Jugendlichen reden kann. Aber sie haben ja gleich von Anfang an Deutschunterricht, so dass die Verständigung überwiegend gelingt.

Kann man unter diesen Bedingungen überhaupt erkennen, dass eine Radikalisierung stattfindet?

Die Probleme sind eher in der Traumatisierung zu sehen. Da gibt es eher eine große Überlastung der Psychiatrie. Es gibt wenig Therapeuten. Da wird mehr Unterstützung gebraucht und ein bisschen mehr Personal. Aber dass Jugendliche mit radikalen Ideen hier ankommen, habe ich persönlich noch nicht erlebt.

Gibt's denn einen Kritikpunkt, bei dem Sie sagen: Da muss einfach mehr getan werden?

Die Kinder- und Jugendpsychiatrie ist wirklich überlastet. Wir brauchen Therapeuten, denen es nicht fremd ist, mit Dolmetscher Therapiegespräche zu führen. Ich glaube, wir müssen auch in den Schulen die Lehrer unterstützen, um sie auf neue Situationen vorzubereiten. Weil es traumatisierte Kinder gibt, die sich in der Schule nicht so benehmen, wie wir uns das vielleicht wünschen.

Frau Tolle, wir danken Ihnen für das Gespräch.


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