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Neue Mitarbeiter im BAMF Eingestellt, herumgesessen, entlassen

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge BAMF hat seinen Personalstamm innerhalb kurzer Zeit verdreifacht. Bis Jahresende sollen hunderttausende Asylanträge abgearbeitet sein. Doch das BAMF scheint mit den Neueinstellungen überfordert.

Von: Judith Dauwalter

Stand: 17.06.2016

Bundesamt für Migration und Flüchtlinge | Bild: picture-alliance/dpa

Anfang März freute sich Qudsia Mahmood auf ihren Traumjob: In der Osnabrücker Außenstelle des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge BAMF sollte die gelernte Bürokauffrau Asylakten vorbereiten für die Entscheider. Und damit helfen, den Berg der 460.000 unbearbeiteten Anträge im BAMF abzubauen.

Chaos und Untätigkeit

Die gebürtige Afghanin fühlte sich gut gerüstet: Sie spricht mehrere Sprachen fließend und hat auch schon ehrenamtlich mit Flüchtlingen gearbeitet. Doch schon ihr erster Tag am neuen Arbeitsplatz war anders als gedacht: Herumsitzen, nichts tun, früher gehen.

Landesaufnahmebehörde Osnabrück mit BAMF-Außenstelle

Sie und ihre Kollegen wären außerdem nie richtig eingearbeitet worden. Das erzählt auch Dirk Walonka, gelernter Bundesbahnsekretär: Er hat mit Qudsia Mahmood beim BAMF in Osnabrück angefangen.

"Also, das war ein Chaos! Die Verträge waren nicht da. Deswegen sollten wir uns in die Kantine setzen. Da saßen wir bis 16.00 Uhr. Und dann hieß es: Fahren Sie nach Hause, kommen Sie morgen wieder!"

Qudsia Mahmood, ehemalige BAMF-Mitarbeiterin

"Wir saßen mit sechs bis sieben Leuten vor einem PC. Gelegentlich kam ein Mitarbeiter und hat uns mal in die Arbeiten eingeführt. Das ist keine vernünftige Schulung, so etwas habe ich in meinem bisherigen Arbeitsleben noch nicht erlebt."

Dirk Walonka, entlassener BAMF-Mitarbeiter

"Man musste mit dem Papier an der Wand stehen, den Collegeblock auf dem Knie und dann mitschreiben. Am Bildschirm konnte man nichts sehen. Während meiner drei Wochen dort hatte ich vielleicht drei bis vier Mal die Maus in der Hand. Man konnte nicht feststellen, meiner Meinung nach, ob ich geeignet bin oder nicht. Zudem wurden wir ständig von neuen Leuten eingearbeitet. Und die haben alle was anderes erzählt."

Gaby (Name geändert), entlassene BAMF-Mitarbeiterin aus Osnabrück

Entlassung nach drei Wochen

Mahmood, Walonka und weitere Osnabrücker Kollegen erinnern sich im Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk: Nachdem ihnen das komplizierte Erfassungssystem ein paar Mal oberflächlich erklärt worden war, sollten sie selbstständig arbeiten. Fehler waren vorprogrammiert, Nachfragen nicht vorgesehen. Nach drei Wochen wurden sie entlassen.

"Sie haben Anweisungen nicht verstanden, Ihnen fehlte es an Teamfähigkeit und Sie haben ein schwieriges Sozialverhalten an den Tag gelegt."

Aus dem Kündigungsschreiben von Dirk Walonka

"Frau Mahmood hat Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache. Sie versteht Fragen nicht."

Aus dem Kündigungsschreiben von Qudsia Mahmood

Für die entlassenen Mitarbeiter sind die Kündigungsgründe vorgeschoben: Ein "schwieriges Sozialverhalten" bescheinigen die ehemaligen Kollegen Dirk Walonka keinesfalls. Und Qudsia Mahmood zeigt ihr Abiturzeugnis: Eine 2 im Deutsch-Leistungskurs.

Bundesweit Kündigungen

Nach Recherchen des Bayerischen Rundfunks unter Mitarbeitern sowie Gesprächen mit Betroffenen und Anwälten wurden zahlreiche neue BAMF-Mitarbeiter entlassen, weil sie sich nicht bewährt hätten. Eine Schätzung ergibt mindestens 200 Kündigungen an bundesweit über zehn Standorten, darunter Deggendorf.

Allein in Osnabrück muss jeder dritte neue Mitarbeiter entlassen worden sein. Das BAMF nennt offiziell deutlich niedrigere Zahlen: 120 Kündigungen bisher, sieben davon in Osnabrück.

Einzelne Fehler

BAMF-Personalchef Hans-Christian Witthauer

Hans-Christian Witthauer ist Personalchef im BAMF. In der Nürnberger Zentrale widerspricht er dem Eindruck von Chaos – und rechtfertigt einzelne Fehler mit dem ungewöhnlich schnellen Personalzuwachs und hohem Zeitdruck.

Gerade in neuen Außenstellen wie der in Osnabrück funktioniere etwa die Einarbeitung nicht gleich perfekt. Einzelne Fehler würden aber so schnell wie möglich korrigiert, versichert Witthauer. Und Kündigungen würde man nur in ernsten Fällen aussprechen.

"Wir versuchen, alles so schnell wie möglich zu machen. Und dann kann es in der ein oder anderen Situation entstehen, dass wir nicht ganz so optimal aufgestellt sind. Der Anfang ist immer schwierig, dann rumpelt es ein bisschen, aber das ist bei den Herausforderungen ganz normal."

Hans-Christian Witthauer, BAMF-Personalchef

Klagen verloren

Sie hätten gar keine Möglichkeit bekommen, sich zu bewähren, so klagen viele entlassene BAMF-Mitarbeiter dagegen. Das Amt hat in Berlin bereits drei solche Kündigungsschutzklagen verloren. Auch Qudsia Mahmood aus Osnabrück zieht vor Gericht. Denn sie will immer noch helfen bei dem großen Ziel, im Jahr 2016 alle Asylanträge abzubauen. Ob das klappt, angesichts von Geschichten wie ihrer und der einiger Kollegen, bleibt fraglich.

"Es passt nicht zusammen: Auf der einen Seite viel Arbeit, auf der anderen Seite wenig Personal. Da ist es nicht verständlich, dass hier in großer Schiene qualifiziertes Personal abgebaut wird. Aus unserer Sicht ist das eine Fehlsteuerung!"

Stephan Beume, Rechtsanwalt von Qudsia Mahmood


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Kommentare

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HerrHux, Freitag, 08.Juli, 04:40 Uhr

32. Probezeit

Das Bamf braucht doch keine Gründe für eine Entlassung während der Probezeit nennen, klingt
nicht gerade glaubhaft.

Insider, Donnerstag, 23.Juni, 09:56 Uhr

31. Realität

Die realität sieht ja viel schlimmer aus nur das die medien trotz infos nicht darüber berichteten.
und das ist traurig.
beim BAMF herrschte das totale chaos

  • Antwort von Peor, Samstag, 25.Juni, 22:06 Uhr

    Die Medien werden noch darüber berichten. Gerade wieder ein Artikel in der Taz.Das Problem ist wenn keiner den Mund aufmacht um seine Zukunft nicht zu gefährden. ... auch verständlich.

  • Antwort von Insider, Montag, 27.Juni, 15:43 Uhr

    so stimmt es auch nicht....es gibt genügend infos wie ich hörte das denen zugespielt worden ist...der BR muss sich nur melden

Max Vorhammer, Montag, 20.Juni, 15:24 Uhr

30. Meine Erfahrung ...bisher

Bei dem Bericht kommt Vorfreude auf. Habe mich vor 2 Monaten beworben bisher kamen nur 2 interessante Emails ....:

1. Email: "schicken sie uns bitte bis zum ___ _____ folgende Dokumente
-
-
-

Mit freundlichen Grüßen"

2. Email: "Sehr geehrter Herr Max,

wegen der großen Zahl von Bewerbungen wird die Bearbeitung mehr Zeit als vorgesehen beanspruchen ..."

Witz komm raus - so sagten wir als Kinder :)

Blinki, Montag, 20.Juni, 10:40 Uhr

29. BAFM

Eine "Eine 2 im Deutsch-Leistungskurs" hilft der Dame sicher persönlich weiter, um Antragsteller abzuschrecken musst Du aber diese Behördensprache drauf haben.

Ratlos, Sonntag, 19.Juni, 18:21 Uhr

28. Eingestellt

Das Chaos ist - wie ich höre - nicht von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Personalbteilung zu verantworten. Schuld soll wohl der immense Druck und die unrealistischen Einstellungsvorgaben des der Realität entrückten Herrn Weise sein.

  • Antwort von Lauda, Sonntag, 19.Juni, 23:39 Uhr

    "Wir versuchen, alles so schnell wie möglich zu machen." Der Satz von Herrn Witthauer sagt alles. Schnelligkeit und Quantität vor Qualität - das geht auch diesmal wieder schief. Es musste ja alles so schnell gehen, weil Herr Weise die Bilder von den traurigen wartenden Flüchtlingen nicht ertrug. Angeblich. Nun hat er selber eingeräumt, dass es das Ziel war und ist, den Antragsrückstand "nicht ins Wahljahr 2017" mitzunehmen. Also wieder mal Politik vor Sachverstand. Übrigens: zuletzt mal was von de Maiziere, Altmaier oder der Kanzlerin gehört zu dem Thema? Wann übernimmt endlich mal jemand (samt Herrn Weise) die Verantwortung?