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Zuwachs in Adelsdorf Neues Baugebiet sorgt für Zündstoff

Eine Großbaustelle am südlichen Ortsrand von Adelsdorf nahe Erlangen erhitzt die Gemüter. Eng nebeneinander sind 560 Häuser geplant. Rund 2.000 Menschen könnten darin wohnen. Nun fürchten Kritiker negative Folgen für den Ort. Von Annette Bögelein

Von: Annette Bögelein

Stand: 29.11.2017

Ortserweiterung Adelsdorf Reuthsee | Bild: BR

Die Bebauung des Neubaugebiets Reuthsee in Adelsdorf ist in vollem Gange. Die Hälfte der Häuser stehen bereits und viele sind schon bezogen. Die ehemalige Industriebrache am Ortsrand wurde von einem Investor gekauft und sehr dicht bebaut. Kleine Grundstücke mit Reihenhäusern mit kleinen Gärten und Stellplätzen gleich vor der Haustür. Dazwischen enge Straßen. Das Gebiet von 150.000 Quardatmetern ist damit komplett anders bebaut als es bisher in Adelsdorf der Fall war.

Bürgermeister lobt Baugebiet

Die Bevölkerung in Adelsdorf wächst durch das Baugebiet Reuthsee um ein Viertel innerhalb von fünf Jahren. Für Bürgermeister Karsten Fischkal (FW) ist es die Lösung am angespannten Wohnungsmarkt. "Jeder schreit nach bezahlbarem Wohnraum," erklärt er. "Wir haben einfach günstigen Wohnraum für viele Familien geschaffen". Die neuen Häuser im Baugebiet Reuthsee sind tatsächlich sehr günstig: Reihenhäuser auf einem  Grundstück von circa 150 bis 250 Quadratmetern kosten in zwischen 220.000 bis 250.000 Euro.

Zuzug von 2.000 Neubürgern

In nur fünf Jahren entsteht hier der zweitgrößte Ortsteil von Adelsdorf. Fischkal sieht darin kein Problem für seine Gemeinde und hat keine Angst vor diesem Wachstum. "Ich weiß, dass sich meine Bürgermeister-Vorgänger damals schon Gedanken gemacht haben über dieses Wachstum und die Infrastruktur in der Gemeinde Adelsdorf ist auf Wachstum gepolt", erklärt er. Mit den vielen Neubürgern verspricht sich die Gemeinde auch zusätzliche Einnahmen.

Zu schnell, zu viel und zu groß?

Reuthsee heißt das Baugebiet mit rund 560 Häusern auf 150.000 Quadratmetern

Doch für Gemeinderat Jörg Bubel (SPD) geht diese Rechnung nicht unbedingt auf. Der starke Zuzug belastet die Gemeinde und bringt sie an den Rand ihre Belastungsfähigkeit, argumentiert er. Zwar hat auch er damals im Gemeinderat für das Konzept gestimmt, bekennt aber mittlerweile, dass er die Folgen dieser massiven Erweiterung nicht erkannt und mit seinem Votum für das neue Baugebiet Reuthsee einen Fehler gemacht hat. "Es hieß, die Infrastruktur im Ort sei ausreichend für eine Dorferweiterung um ein Viertel der Einwohner", so Bubel. Aber das sei falsch.

Infrastruktur fehlt an vielen Stellen

Großbaustelle Baugebiet Reuthsee in Adelsdorf

Nach seinen Erkenntnissen ist lediglich die Infrastruktur für das Abwasser ausreichend, in anderen Bereichen sei sie einfach ungenügend. "Das fängt bei dem Verkehr an, geht weiter bei den Kindertagesstätten, Sportflächen und Sporthallen," so Gemeinderat Bubel. Allein die Kindertagesstätten müssten in den nächsten zwei bis drei Jahren um 16 Gruppen erweitert werden. Das bedeute für Adelsdorf zunächst riesige finanzielle Aufwendungen, so Jörg Bubel. Hinzu kämen natürlich noch die Personalkosten für die Betreuung. Deshalb gilt für ihn das Argument der Gemeinde, mit dem neuen Baugebiet den Haushalt zu sanieren, nicht – zumindest kurzfristig nicht: "Langfristig hoffen wir alle, dass ein positiver Effekt entsteht."

Stadtplaner: Kein Raum für zukünftige Entwicklung

Kleine Grundfläche, viele Reihenhäuser im neuen Baugebiet in Adelsdorf

Die verdichtete Bauplanung des neuen Baugebiets stößt immer mehr auf Kritik. Nicht nur Gemeinderat Bubel findet, dass ein Nachbessern dringend nötig wäre. Neben einer besseren Infrastruktur brauche es im Reuthsee auch mehr Parkplätze und Grünflächen und bessere Zufahrten im neuen Ortsteil, so Bubel weiter. Städteplaner wie Matthias Rühl sehen in einer extrem dichten Bauweise auch weitere Probleme. Es bleibe kein Platz für zukünftige Entwicklungen - zum Beispiel angesicht des Klimawandels. So ein Konzept sei nur gut für den Investor, der den größtmöglichen Profit aus der Fläche herausholt, findet Rühl. "Soziales Leben findet nicht statt wo nur Tujahecke, Straße und Gehweg ist", sagt der Stadt- und Raumplaner aus Neustadt an der Aisch. Es brauche auch Bereiche mit Grün mit Bänken, wo Menschen sich aufhalten können.

Verkehr wird zunehmen

Garagen und Balkone der neuen Siedlung Reuthsee

Im Neubaugebiet gibt es keine Geschäfte. Zum Einkaufen müssen die Neubürger in den Ort fahren. Der Verkehr wird also innerorts zunehmen. Sie werden auch zu ihren Arbeitsplätzen nach Forchheim, Erlangen oder Herzogenaurauch pendeln – durch zahlreiche Gemeinden. Eine davon ist Röttenbach und der dortige Bürgermeister Ludiwg Wahl (FW) hat ein Verkehrsgutachten erstellen lassen. Laut Prognose werden dort rund 400 Pkw mehr durchfahren. Der Verkehr in der Ortsdurchfahrt nimmt vor allem in den Stoßzeiten erheblich zu.

Fehler bei Zustimmung zu den Plänen

Bald sind auch diese Häuser bezugsfertig

Sicher ist: der massive Zuzug innerhalb von fünf Jahren wird das Gesicht des Ortes für immer verändern. Das macht auch Gemeinderat Norbert Birkner (FW) Sorgen. "Gleich vorweg, ich habe nichts gegen die Neubürger," sagt er, aber er habe mit der Zustimmung einen Fehler gemacht. "Ich habe das damals sehr positiv gesehen, aber ich muss sagen, wie sich das da oben entwickelt hat, passt einfach nicht zum dörflichen Charakter von Adelsdorf," gibt Birkner unumwunden zu.

Zukünftige Entwicklung für den ländlichen Raum

"Seeside" so wird das Baugebiet vom Investor beworben

Es gibt genügend Kritik zum Baugebiet Reuthsee in Adelsdorf: zu groß, zu schnell gebaut, zu viele Zuzüge in kurzer Zeit, fehlende Infrastruktur und vermehrte Verkehrsbelastung. Bürgermeister Karsten Fischkal steht ohne Wenn und Aber hinter dem Konzept des Investors und betont immer wieder, dass bei der Abstimmung für das Baugebiet der gesamte Gemeinderat mit Ja gestimmt habe. Jeder habe sich vorab die Bebauung ansehen können, so Bürgermeister Fischkal, da der Investor dieses Konzept auch andernorts schon umgesetzt habe: in Zirndorf, Feucht und Heroldsberg. Dass diese Kommunen jedoch größer sind als Adelsdorf und auch näher am Stadtrand von Nürnberg und Fürth liegen, stört offenbar nicht. Offen bleibt die Frage, ob Adelsdorf ein Vorbild für die Entwicklung im ländlichen Raum ist.

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