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Missstände Viele Tierschutzverstöße in bayerischen Schlachthöfen

Zahlreiche Schweineschlachtbetriebe in Bayern haben gegen Tierschutzrecht verstoßen. Dies geht aus einer Dissertation hervor, die BR Recherche und Süddeutscher Zeitung vorliegt.

Von: Eva Achinger, Ingo Lierheimer

Stand: 29.07.2016

Ein Schwein hängt nach der Tötung in der Flammofenstraße im Zerlegebereich eines Schlachthofs | Bild: picture-alliance/dpa

Die Autorin der Dissertation hatte im Zeitraum von 2014 bis 2015 20 große Schlachtbetriebe in ganz Bayern im Hinblick auf Tierschutz untersucht. Diese Untersuchung, die BR Recherche und der Süddeutschen Zeitung vorliegt, wurde vom Verbraucherschutzministerium in Auftrag gegeben und entstand in Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL). Von den 20 Betrieben haben nur zwei das Tierschutz-Audit bestanden. In allen anderen gab es Missstände.

Betäubung: Weniger als 75 Prozent der Vorgaben erfüllt

Um den Tierschutz in bayerischen Schlachthöfen sei es nach den Befunden aus dem Bericht nicht gut bestellt. Das sagt Matthias Moje vom Max-Rubner-Institut in Kulmbach. Er kommt in seiner Analyse der Dissertation für den Bayerischen Rundfunk zum Ergebnis, dass über die Hälfte der untersuchten Schlachtbetriebe weniger als 75 Prozent der gesetzlichen Vorgaben hinsichtlich der Betäubung erfüllten. Das, so Moje, müsse für die bayerischen Behörden ein Alarmsignal gewesen sein. Die Studie wurde im März 2016 veröffentlicht und liegt dem Ministerium sowie dem LGL vor.

Kontrolle durch amtliche Tierärzte funktioniert nicht

Alle Betriebe sind der behördlichen Kontrolle unterworfen. Hier vermutet Moje, Experte für Tierschutz, das Problem. Augenscheinlich funktioniere die Kontrolle durch amtliche Tierärzte nicht. Anders ließe sich das Ergebnis der Untersuchung nicht erklären, so Moje.

Das bayerische Verbraucherschutzministerium reagierte auf eine Anfrage der Landtags-Grünen zur Dissertation:

"In der Tat sind dabei viele Tierschutzmängel vorgefunden worden, die wir keinesfalls erwartet hätten."

Bayerisches Verbraucherschutzministerium

Ministerin kündigt erneut Reformen an

Auf Anfrage des BR erklärte das Verbraucherschutzministerium am Freitag, dass die "festgestellten Mängel durch bauliche Veränderungen, Schulungen des Personals, technische Anpassungen von Geräteeinstellungen, Wartungen bzw. Neuanschaffung von Geräten und Änderungen in Betriebsabläufen behoben [wurden]. Für umfänglichere bauliche Maßnahmen können noch Fristen laufen."

Verbraucherschutzministerin Ulrike Scharf

Außerdem verwies Verbraucherschutzministerin Ulrike Scharf (CSU) am Freitag erneut darauf, dass sie die Lebensmittelüberwachung in Bayern grundlegend reformieren wolle.

Opposition kritisiert "Salamitaktik"

Florian von Brunn

Der verbraucherpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Florian von Brunn, kritisierte die Reaktion der Ministerin als unzureichend: Die übliche Salamitaktik, so von Brunn, werde hier nicht helfen. Immerhin sei mit den Schlachthöfen nun schon der dritte Skandal im Lebensmittelbereich aufgetaucht - nach Bayern-Ei und der Metzgerei Sieber.

Missstände im Schweineschlachthof Landshut

Erst diese Woche hat BR Recherche gemeinsam mit der Süddeutschen Zeitung Missstände am Schweineschlachthof in Landshut aufgezeigt. Dort verstieß der niederländische Betreiber Vion über Jahre hinweg und zum Teil bis Juni dieses Jahres in zahlreichen Fällen gegen Vorschriften in den Bereichen Tierschutz, Hygiene und Arbeitsrecht. Ministerin Scharf hat dazu einen Sonderbericht der Regierung von Niederbayern angefordert.


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Carin, Sonntag, 31.Juli, 00:15 Uhr

24. Schlachten ist immer Tierquälerei. Anders geht´s nicht.

Auch wenn es zunächst einmal nichts ändert für die zu Tode gequälten Tiere, bin ich froh, dass ich seit mehr als 30 Jahren vegetarisch und seit 7 Jahren vegan lebe. Es schafft eine Distanz zu den barbarischen Zuständen, die die Karnisten mit ihrer Entscheidung an der Ladentheke gutheißen und letztendlich einfordern. Dass ich keine veganen Produkte von Wiesenhof, Vion und Co kaufe, ist selbstverständlich.

  • Antwort von Sann, Montag, 01.August, 00:08 Uhr

    Da gebucht dir recht

Antonietta, Samstag, 30.Juli, 21:11 Uhr

23. Klimakiller Nr. 1

Die Tierhaltung, und damit der Konsum tierischer Produkte, ist einer der Hauptverursacher für die größten Probleme unserer Zeit: vom Klimawandel über die Rodung der Wälder, bis hin zur Ressourcenverschwendung und Trinkwasserproblematik. Wenn Ihnen etwas an unserem Planeten liegt, leben Sie vegan.

  • Antwort von Marianne, Montag, 01.August, 10:00 Uhr

    Ich finde jeder kann es halten wie er will, ob Fleischesser, Vegetarier oder Veganer. Was mich aber mal brennend interessieren würde: wie geht's denn bei der Herstellung von VEGANEN oder BIO Lebensmitteln zu? Wird das auch so kontrolliert und Mißstände ggf. breitgetreten? Beispiel Soja: Die Tiere bekommen "Extraktionsschrot" zu fressen, ein Abfallprodukt also. Gehen die genmanipulierten Bestandteilen vom Soja ausschließlich in das Tierfutter über? Werden ausländische Bioerzeuger und Transporteure dieser Waren genauso streng kontrolliert wie die hiesigen?

Josef, Samstag, 30.Juli, 20:46 Uhr

22. Konsument hat es selbst in der Hand

VION macht Werbung, dass alle Schweine nach dem Gütesiegel "QS" (Qualtität und Sicherheit) erzeugt und verarbeitet werden. Dort heißt es: "Sicherheit vom Erzeuger bis zur Ladentheke - darauf können Sie sich verlassen". Dieses Blend-"Siegel" ist jedoch nur eine Gelddruckmaschine von Industrie und Bauernverband. Man schikaniert die Erzeuger, um einheitliche billige Massenware von abhängigen Bauern zu bekommen. Die Bezeichnung "Quantität für Supermärkte" wäre zutreffender. Solange der Konsument Fleischprodukte mit diesem blauen runden Pfeil als Siegelaufdruck kauft, wird sich nichts ändern. Nur die Sprache "Umsatzentzug" versteht die Wirtschaft. Das kaufen wir schon lange nicht mehr. Es gibt ja genügend andere Angebote. Aber aufpassen, viele regionale Metzger kaufen auch nur Billigware vom Schlachthof. Fragt doch die Bauern direkt, welche Metzger ihre Tiere kaufen. Übrigens, Frau Scharf, diesen leeren Spruch, dass Sie etwas unternehmen wollen, der ist bei Ihnen schon langweilig.

N. Schöttl, Samstag, 30.Juli, 05:49 Uhr

21. Tierschutz in Europa?

Ob BSE, Geflügelpest oder diese Schlachthöfe. Seit Jahrzehnten verspricht die Politik Besserung, doch es passiert gefühlt nichts. Ob Waffenlieferungen nach Saudi-Arabien, die Tiefstpreise bei der Milch oder Flüchtlingskrise - die Bürger haben längst das Vertrauen in die Politik verloren. Die Lösung kann eigentlich nur die sein, dass es mehr Kontrollen gibt und dies nicht nur in den Unternehmen selbst, sondern ebenso auf den Straßen. Grenzkontrollen zwischen den einzelnen Mitgliedsländern der EU dürften dabei nicht ausreichend sein. Es müsste ebenso Kontrollen zwischen einzelnen Bundesländern und Regionen geben z.B. zwischen Franken und Oberbayern. Anders als durch diese Straßenkontrollen wird man sonst nicht die langen Tiertransport verhindern können. Ich finde, dass zur Freiheit Europas viel mehr zählt, als offene Grenzen: Sicherheit und Verantwortung.

hugo0716, Samstag, 30.Juli, 03:55 Uhr

20. "Amts"-Tierarzt

Schade, dass die Doktorarbeit nicht näher auf die Situation der Tierärzte im Auftrag der örtlichen Überwachungsbehörde eingeht. Es gibt ettliche Schlachthöfe, in denen gibt es keinen Amtstierarzt im eigentlichen Sinn mehr. Tierärzte mit Teilzeitverträgen erledigen die Fleischbeschau im amtlichen Auftrag. Ob im Teilzeitvertrag auch etwas steht über Verstöße gegen das Tierschutzrecht, entzieht sich meiner Kenntnis.
Ich hoffe die Ministerin kann Ihrem Kabinattskollegen und Ex-Verbraucherschutz-Minister klar machen, dass hier Geld in die Hand genommen werden muss. Denn das Schwein wird nicht erst als Schweinshaxe auf dem Teller zu einem Stück Bayerischer Heimat. Da gilt es noch Einiges zu entwickeln.

Der Ansatz der neo-liberalistischen Politik war vor 20-25 Jahren: wir brauchen einen schlanken Staat und die Industrie wird ihre Qualität schon selber prüfen. Dieser Denkansatz ist der eigentliche Ursprung all der Missstände, von denen heute berichtet wird.