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Missbrauchsskandal bei Domspatzen Der lange Weg zur Aufarbeitung

Als einer der größten Missbrauchs- und Misshandlungsfälle in einer katholischen Einrichtung sind die Regensburger Domspatzen schon seit Jahren in den Schlagzeilen. Doch lange Jahre warteten Opfer vergebens auf Anerkennung des ihnen zugefügten Leids. Was macht die Aufarbeitung bei dem weltberühmten Knabenchor so schwer?

Von: Eckhart Querner, Christian Wölfel

Stand: 09.03.2016

"Er setzt sich ans Bett, flüstert, um dir zu sagen, wie toll du seist. Und dann fasst er unter die Bettdecke, berührt dich, zieht dir die Schlafanzughose runter." Alexander Probst kann sich noch genau an den Präfekten W. im Internat der Domspatzen in Regensburg erinnern. Im Schuljahr 1970/71 kam der damals zehnjährige Probst nach Regensburg. Zuvor hatte er schon zwei Jahre die Vorschule des Knabenchors in Etterzhausen vor den Toren der Stadt besucht.

Alexander Probst, ehemaliger Domspatz

Dort erlebte er wie viele andere Betroffene ein System der Gewalt und Misshandlung. Peter Schmitt, der Ende der 1960er Jahre in die Vorschule kam, spricht heute von der "schwarzen Pädagogik" unter Schuldirektor Johann Meier.

"Ich selbst hatte damals ein Trauma, ein Schlüsselerlebnis, was mich bis heute verfolgt: Dass ich gewürgt wurde und zwar so, dass ich gedacht habe, ich erlebe den nächsten Tag nicht."

Peter Schmitt

Einigung in Ettal, Regensburg hinkt hinterher

All das wurde bereits im Jahr 2010 offen diskutiert, als der Missbrauchsskandal die katholische Kirche in Deutschland erreichte. Auch im Ettaler Klosterinternat hatte es Missbrauchsfälle gegeben. Auch dort wurden die Betroffenen zunächst nicht anerkannt, aber im Frühjahr 2011 kam dann doch der Durchbruch: Unter Vermittlung eines ehemaligen Verfassungsrichters und Mediatoren einigen sich Betroffene und das Kloster darauf, die Vorgänge wissenschaftlich untersuchen zu lassen. Auch ein Entschädigungsfonds wurde eingerichtet.

Alexander Probst kam als Achtjähriger zu den Domspatzen. Drei Jahre später, misshandelt und missbraucht, nahm ihn sein Vater von der Schule | Bild: Foto privat

Alexander Probst kam als Achtjähriger in die Vorschule der Domspatzen. Drei Jahre später, misshandelt und missbraucht, nahm ihn sein Vater heraus

In Regensburg ging dagegen für viele Betroffene erst mal nichts voran. Anfang 2015 nahmen TV-Dokumentationen dann Betroffene wie Alexander Probst in den Fokus. Ehemalige Domspatzen suchten in der Öffentlichkeit nach Unterstützung für ihren Kampf um Anerkennung. Tatsächlich kam nun Bewegung in die Angelegenheit: Ende Februar 2015 verkündete das Bistum, dass 72 Misshandlungsopfer ermittelt worden seien. Zwei Monate später präsentierten Bistum und Domspatzen den Rechtsanwalt Ulrich Weber als unabhängigen Sonderermittler.

Opfer wurden jahrelang nicht angehört

Das alles fünf Jahre nach Bekanntwerden des Skandals - dabei hatten sich Alexander Probst und Peter Schmitt bereits 2010 an das Bistum gewandt, ohne dass ihnen ein Gespräch angeboten worden wäre. Das ändert sich nun:

"Auf einmal habe ich einen Anruf bekommen. Auf einmal habe ich auch ein Gespräch beim Bischof bekommen, nicht bei Bischof Müller, der damals meiner Meinung nach gar nicht zugänglich war. Ich kenne niemanden, der bei ihm ein Gespräch gehabt hat, und aber das heißt nichts, vielleicht hat er eines gehabt, auf jeden Fall, die Art und Weise, wie man jetzt damit umgeht, empfinde ich anders, wesentlich anders und wesentlich offener."

Peter Schmitt

Keine Antworten aus Rom

Gerhard Ludwig Kardinal Müller, als Präfekt der Glaubenskongregation zuständig für Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche

Mit Bischof Müller ist Gerhard Ludwig Kardinal Müller gemeint, Bischof in Regensburg von 2002 bis 2012. Müller, seit Juli 2012 Präfekt der Glaubenskongregation im Vatiken, ist nun an höchster Stelle auch für die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der römisch-katholischen Kirche verantwortlich. Doch über die Regensburger Fälle möchte er nicht sprechen.

"Seine Eminenz Kardinal Müller hat ihre Interviewanfrage erhalten, aber leider kann er wegen zahlreicher Verpflichtungen innerhalb und außerhalb der Glaubenskongregation Ihrem Ersuchen nicht nachkommen."

E-Mail an den Bayerischen Rundfunk

Der Jesuitenpater Hans Zollner leitet das Kinderschutzzentrum an der Päpstlichen Universität Gregoriana und ist in der Päpstlichen Kinderschutzkommission. Für ihn gibt es Gründe, weshalb sich die Kirche mit der Aufklärung immer noch schwer tut.

"Was das Spezifische ist, wenn katholische Institutionen so kläglich versagen, ist, dass sehr oft der Eindruck da ist, wir können das unter uns lösen. Und das versteht keiner von draußen, wir haben unsere eigenen Regeln, und lassen wir es bitte unter der Decke, das soll nicht öffentlich werden, lass' es uns auf irgendeine Weise mitbrüderlich lösen. Und das geht halt nicht."

Hans Zollner, Päpstliche Universität Gregoriana

Regensburgs neuer Bischof sorgt für Bewegung

Regensburgs neuer Bischof Rudolf Voderholzer

Müllers Nachfolger, Bischof Rudolf Voderholzer, treibt die Aufarbeitung in Regensburg voran. Er sprach persönlich mit Opfern, auch mit Peter Schmitt. Und Voderholzer räumt am 24. Januar 2016 in einer Predigt ein, dass "die in der Vergangenheit immer wieder unternommenen Versuche einer Selbstkorrektur zu wenig wirksam" gewesen seien. Für die Taten gebe es keine Rechtfertigung. Sonderermittler Ulrich Weber legt schon am 8. Januar 2016 nach achtmonatigen Recherchen einen ersten Zwischenbericht vor. Darin spricht er von 231 Opfern körperlicher Gewalt, vor allem in der Vorschule Etterzhausen, und von mindestens 50 Betroffenen sexueller Gewalt, vor allem bis Ende der 1970er Jahre in Regensburg.

Kuratorium sucht Lösungen

Seit Anfang Februar sitzen nun Betroffene mit dem Bischof und den Domspatzen-Verantwortlichen in einem paritätisch besetzten Kuratorium zusammen. Die ersten Gespräche lassen hoffen, dass nun - sechs Jahre nach dem Missbrauchsskandal - die Aufarbeitung gelingt. Eine Garantie dafür gibt es aber noch nicht, die Wunden sitzen tief. In den nächsten Monaten wird sich zeigen, ob die Aufarbeitung wirklich gelingt.

  • Eckhart Querner | Bild: Julia Meuller Eckhart Querner

    Autor für BR-Rundschau und ARD-Tagesschau, Filmemacher im Bereich Religion und Kultur. Twitter: @Eckhart_Querner

  • Christian Wölfel | Bild: BR Christian Wölfel

    Autor und CvD beim Bayerischen Rundfunk, kümmert sich regelmäßig um kirchliche Themen, Twitter: @woelfelc


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Angelika Oetken , Donnerstag, 17.März, 18:12 Uhr

15. "Was macht die Aufarbeitung bei dem weltberühmten Knabenchor so schwer"?


Vermutlich ähnliche Gegebenheiten, wie sie auch in anderen Institutionen vorherrschen, die schon die Aufklärung als Voraussetzung für Aufarbeitung nach Kräften behindern. Auf "Regensburg digital" wurde mir von einem Foristen geraten, zur Frage, wie sich die Einrichtungen der Regensburger Domspatzen finanzieren, im Bundesanzeiger den Rechenschaftsbericht der Stiftung Regensburger Domspatzen einzusehen. Im Gegensatz zu vielen anderen Stiftungen, sind die Berichte zu den jeweiligen Geschäftsjahren auf der Homepage der Regensburger Domspatzen nicht veröffentlicht worden.

Leider blieb meine Suche auch in der erweiterten Funktion auf der Homepage des Bundesanzeigers erfolglos.

Wer könnte mir da weiterhelfen? Vielleicht war meine Suche fehlerhaft oder unvollständig.

Danke schon mal im Voraus.

Angelika Oetken, Berlin-Köpenick

Ehemaliger, Dienstag, 15.März, 07:41 Uhr

14. Onlineberichtetstattung

Ein grosses Lob an BR.
DIe vielen Berichte zum Thema Missbrauch und Gewalt bei den Regensburger Domspatzen sind sehr gut geschrieben!

Ehemaliger 3, Dienstag, 15.März, 06:43 Uhr

13. Institution Regensburger Domspatzen

@ A.Oe.
Danke für die vielen Infos in den Blogs.Für mich ist diese Institution REG Domspatzen bis heute ein sehr grosser Betrügerverein! Meine Eltern wurden damals auch in Etterzhausen regelrecht mit diesen hohen Pensionszahlungen ausgenommen,und sie zahlten damals tausende DM für mich.Heute gibt es zu einer Vielzahl von Themen immer nur derartige Ausreden vom Bistum REG. Die Herrschaften Neck und Fuchs vom Bistum Regensburg müssten bitte auch Charakter zeigen und auch bitte sofort von Ihren Ämtern zurücktreten. Alles nur Ausreden und Ausreden, und das seit vielen Jahren! Diese vielen Erbschaften von damals, auch die Millionenerbschaft aus der Hallertau, bringen anscheinend dieser Institution Regensburger Domspatzen bis heute wirklich kein Glück. Der Domkapellmeister Büchner redet heute nach langer Zeit von einer gewissen Loyalität gegenüber seinem Arbeitgeber dem Bistum Regensburg. Für mich klingt das alles heute sehr sehr ominös und arrogant. Schuster bleibe bei deinen Leisten. ....

  • Antwort von Angelika Oetken, Mittwoch, 16.März, 02:22 Uhr


    Danke für Ihre Anerkennung meiner Beiträge!

    Was die verschiedenen kirchlichen Funktionäre angeht: die meisten von ihnen sind katholisch-instiutionell sozialisiert. Viele davon sogar Ehemalige Domspatzen. Wenn Sie bedenken, dass vermutlich über die Hälfte der Jungen, die die Domspatzeneinrichtungen besucht haben in irgendeiner Form missbraucht wurden und dass längst nicht jeder das irgendwo konstruktiv verarbeitet, dann wird so manche Verhaltensweise, die von außen betrachtet absurd erscheint doch viel nachvollziehbarer. Eigentlich können einem diese Menschen auch leid tun. Sie haben die Chance verpasst, am eigenen Leiden zu reifen.... Denken Sie an den Beitrag der niederländischen Kollegin von Herrn Ackermann, die auf der Tagung, der Missbrauchsbeauftragte letzte Woche veranstaltete, berichtete, dass sie Opfer in drei Gruppen einteile.

  • Antwort von Angelika Oetken , Mittwoch, 16.März, 02:23 Uhr


    "Die Theologin Karlijn Demasure aber widerspricht dem Befund, dass es für Menschen, die sexuellen Missbrauch erlitten haben, keine Heilung gebe: "Ich habe Leute gesehen, die gereift sind und weiter wachsen. Ich unterscheide zischen Opfern, Überlebenden und gereiften Menschen. So ein gereifter Mensch ist jemand, der die Geschichte des Missbrauchs integriert hat in seine Lebensgeschichte, und der den sexuellen Missbrauch nicht mehr als Referenz nutzt, um die Welt und seine Beziehungen zu anderen zu interpretieren. Und ich kenne viele solche Menschen."

    Christoph Fleischmann, "Gott und Mensch"

Angelika Oetken, Montag, 14.März, 21:46 Uhr

12. "Zentrale Koordinierungsstelle"....

....damit ist vermutlich die der Deutschen Bischofskonferenz gemeint. Und apropos "z. B.": an wen gehen die Anträge denn noch? Die Dinge, die abgefragt und angefordert werden haben es datenschutzrechtlich ja schließlich in sich. Und wer sich dann noch klar macht, dass die Katholische Kirche sich vorbehält, sämtliche Leistungen freiwillig, ohne jegliche Anerkennung von Schuld zu gewähren, könnte doch glatt auf die Idee kommen, diese ganzen vollmundigen, medienaffinen Angebote der verschiedenen Kirchenfunktionäre seien nur etabliert worden, um Informationen bzw. Daten bei den Kirchenopfern abzugreifen. "Mentalreservation" nennen die das. Quetschen die Leute aus, offenbaren selbst aber fast nichts.

Wie viele Betroffene erhielten denn überhaupt von der Kirche bisher offizielle Unterstützungen? Veröffentlicht die DBK das? Ich meine damit explizit keine "Vereinbarungen im gegenseitigen Einvernehmen" irgendwelcher Art. Sondern Anerkennungszahlungen, Hilfeleistungen, Schmerzensgeld.

Angelika Oetken, Montag, 14.März, 21:42 Uhr

11. Ein Formular gibt es schon mal


"IX. Einwilligung zur Datenverarbeitung
Ihre Angaben werden vertraulich behandelt. Diese Vertraulichkeit ist auch bei der zur Bearbeitung Ihres Antrags erforderlichen Weitergabe an Dritte (z.B. der Zentralen Koordinierungsstelle) gewährleistet. Die Bearbeitung Ihres Antrags erfordert daher Ihre nachstehende Einwilligung zur Datenverarbeitung."
So steht es auf der PDF, die das Bistum Regensburg auf seiner Homepage eingestellt hat.

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