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"Migrantenschreck" E-Mails von den Waffenbrüdern

Der rechtsextreme Waffenversand "Migrantenschreck“ forciert seine Werbung und verschickt militante E-Mails. Nach Erkenntnissen von BR24 stammen die Adressen offenbar aus den Kundendaten des ausländerfeindlichen Compact-Magazins, das um bürgerliche Reputation bemüht ist. Dessen Verlag bestreitet, Daten weitergegeben zu haben.

Von: Jürgen P. Lang und Theresa Authaler

Stand: 13.06.2016 | Archiv

screenshot von "Migrantenschreck" / Cover des "Compact-Magazins" | Bild: BR

Mails von "Migrantenschreck" im Posteingang? Der rechtsextreme Waffenversand geht nun direkt auf mutmaßlich fremdenfeindlich gesinnte, "besorgte Bürger" zu. Unter dem Betreff "Schützen Sie sich und Ihre Familie" wird die Handfeuerwaffe "MS60“ für 399 Euro angeboten. Die Abbildung zeigt einen Revolver "Model 60" der Marke Smith & Wesson. In den BR24 bekannten Fällen haben die Betroffenen in der Vergangenheit Online-Bestellungen beim Compact-Magazin getätigt, nicht aber bei anderen Internetanbietern aus der rechtsextremen oder rechtspopulistischen Szene. Mit ziemlicher Sicherheit stammen die Empfänger-Adressen aus der Kundendatenbank der Zeitschrift.

Compact: "Sind offensichtlich gehackt worden"

Compact-Verleger Kai Homilius bestritt gegenüber BR24, jemals Kundendaten weitergegeben zu haben.

"Jedoch sind wir in den letzten Monaten mehrfach massiv angegriffen worden. Und offensichtlich hat sich jemand Zugang zu Daten verschafft."

Compact-Verleger Kai Homilius

Die BR24-Anfrage habe Compact "zum Anlass genommen, nicht nur sämtliche Zugänge zu ändern, sondern auch unsere Rechtsbeistände eingeschaltet." Auf die Frage nach dem Verhältnis zu "Migrantenschreck" ging Homilius nicht ein.

"Friedensaktivist" Rönsch

Mail von "Migrantenschreck"

Mario Rönsch ist eine der Schlüsselfiguren der neurechten Szene und der mutmaßliche Betreiber von "Migrantenschreck“ sowie der militant flüchtlingsfeindlichen Facebook-Seite "Anonymous Kollektiv". Am 2. Juni gab Compact ihm Gelegenheit, sich von beiden Projekten zu distanzieren. In dem Online-Interview wird Rönsch als "Friedensaktivist" bezeichnet – man kennt sich von den antiamerikanischen und prorussischen Montagsmahnwachen des Jahres 2014. Rönsch behauptet in dem Interview, jemand habe seinen Namen missbraucht, um "migrantenschreck.net", die ursprüngliche Domain des Internetshops, zu registrieren. Es wird nicht einmal erwähnt, um was es sich bei "Migratenschreck" handelt.

"Anonymous Kollektiv" wieder online

Im Mai hatte Facebook die Seite von "Anonymous Kollektiv“ gelöscht. Der Nachfolger der Hetzseite steht bereits im Netz. Wer im E-Mail-Verteiler von "Migrantenschreck“ ist, wird extra darauf hingewiesen:

"Wir fangen jetzt erst an! Unsere Kriegskasse ist dank zahlloser Unterstützer prall gefüllt. Wir können auch ohne Facebook und zwar sehr, sehr, sehr lange. Ideen und Ideale, liebe Blockwarte und Mietmäuler der Lügenpresse, sind kugelsicher. Erwartet uns!"

Aus einer E-Mail von Anonymous Kollektiv vom 12. Juni 2016

Knarren für "besorgte Bürger"

Die Ermittlungen gegen Rönsch liegen auf Eis – weil der Beschuldigte angeblich untergetaucht ist. Der Waffenversand ist – trotz einer Anzeige aus den Reihen der Grünen – bislang offenbar von Strafverfolgung unbehelligt geblieben und geht nun mit den Werbemails in die Offensive. In gewohnter Perfidie heißt es dort:

"Wurden Sie schon einmal kulturell ,bereichert'? Mit jeder neuen Fachkraft steigen Ihre Chancen auf ein einschneidendes Erlebnis der orientalischen Art. Was tun Sie, wenn soziale Unruhen ausbrechen? Bereiten Sie sich jetzt vor! Werden Sie aktiv und trotzen Sie der Krise! Beispielsweise mit einem MS60 Professional (Ohne lästige bürokratische Hürden oder ärgerlichen Papierkram)."

Aus einer E-Mail von Migrantenschreck vom 11. Juni 2016

Waffen ohne Schein?

Ein nur dürftig versteckter Aufruf zur Gewalt gegen Zuwanderer. Ob man tatsächlich auch ohne Waffenschein von "Migrantenschreck" eine Schusswaffe geliefert bekommt, ist uns nicht bekannt. Die angebotene Munition: Hartgummigeschosse, Platzpatronen und Patronen für Gaspistolen.

Waffenverband: Die "MS60" ist in Deutschland illegal

Nach Einschätzung von Ingo Meinhard vom Verband Deutscher Büchsenmacher und Waffenfachhändler handelt es sich bei der "MS60" um eine in Deutschland illegale Schusswaffe. Bei dem Modell wird hinten eine Platzpatrone hineingesteckt und vorne eine Gummikugel. Gegenüber BR24 sagte Meinhard: "Wenn die Platzpatrone gezündet wird, fliegt die Gummikugel mit relativ hoher Energie vorne raus". Mit der Ausstoßenergie von 60 Joule könne man "mit Sicherheit eine Holztür durchschlagen".

Normalbürger könnten diese Art von Schusswaffe in Deutschland nicht kaufen, sagt Meinhard. Selbst Jäger und Sportschützen dürften sie nicht erwerben, da sie weder für die Jagd noch für den Schießsport geeignet sei. Deshalb bezweifelt Meinhard, dass die "MS60" von Migrantenschreck überhaupt nach Deutschland geliefert werden kann. Da die Seite ein österreichisches Impressum habe, bräuchte man für die Einfuhr die Erlaubnis der deutschen Waffenbehörde. Das Impressum dürfte allerdings ein Fake sein, wie mimikama.at, eine Initiative gegen Internetmissbrauch, herausgefunden hat:

Zeit: Compact in der Finanzmisere

Ohne Frage fühlt sich die extreme Rechte so stark wie nie. Doch das Compact-Magazin plagen nach Recherchen der "Zeit" trotz steigender Auflage finanzielle Schwierigkeiten. Eine Wirtschaftsauskunftsdatei bescheinige Compact eine schwache Bonität. Die Zeitschrift mache hauptsächlich Verluste. Und das Magazin hat ein weiteres Problem: Das "Covergirl", das in der Juni-Ausgabe den schwarz-rot-goldenen Mittelfinger zeigt, ist mit der Verwendung ihres Fotos nicht einverstanden. Sie geht nun juristisch gegen Compact vor. Auf unserem Bild haben wir die Frau deshalb verpixelt.


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Stan, Mittwoch, 15.Juni, 19:31 Uhr

12. Zensur

Etliche meiner Kommentare verschwanden im Nirwana. Dieses Thema hier ist heiß. Eine Diskussion würde gut tun.
Aber das zu schreiben, was ich wirklich denke, wird vermutlich keine Euphorie auslösen.
Mit seinem Zensurverhalten torpediert der BR seine Glaubwürdigkeit und leistet dem möglichen Dialog einen Bärendienst.

Wanda, Dienstag, 14.Juni, 18:33 Uhr

11. Zur Neutralität der Öffentlich-Rechtlichen

- wird zensiert ? Anfangs war mein Kommentar zu lesen, nun ist er offenbar entfernt. Anscheinend verträgt der BR keine Kritik...

  • Antwort von R. Basler, Dienstag, 14.Juni, 22:44 Uhr

    Bei mir das gleiche. Hier waren gester 18 Kommentare drin. 7-8 sind plötzlich verschwunden.

  • Antwort von Stan, Mittwoch, 15.Juni, 19:36 Uhr

    Ich bin auch geschockt.
    Mein harmloser Kommentar am 13.Juni lautete:

    "Vieles, was man beim BR nicht erfährt, kann man bei COMPACT lesen."

    Dieser Kommentar war offenbar zu heiß. Verschwand im Nirwana.

  • Antwort von Stan, Donnerstag, 16.Juni, 18:27 Uhr

    @ BR: Danke für die nachträgliche Freischaltung und "glasnost".

ceterum censeo, Dienstag, 14.Juni, 12:30 Uhr

10. Schmäh-Artikel

Ich habe einige Ausgaben von COMPACT gelesen und finde die Zeitschrift exzellent.

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  • Antwort von Wolf, Dienstag, 14.Juni, 15:13 Uhr

    Das glaub ich ihnen gerne, es gab 33 ja auch jede menge Menschen die gerne den Stürmer lasen.....als Lügenpresse kann man guten Gewissens beide bezeichnen.

BR-Fan, Dienstag, 14.Juni, 06:34 Uhr

9.

"Nach Erkenntnissen von BR24 stammen die Adressen offenbar aus den Kundendaten des ausländerfeindlichen Compact-Magazins, das um bürgerliche Reputation bemüht ist. Dessen Verlag bestreitet, Daten weitergegeben zu haben. "

Ein Gerücht ist in Umlauf gebracht!

Aber:
Es gilt die Unschuldsvermutung

  • Antwort von Forensics, Dienstag, 14.Juni, 12:15 Uhr

    Das Magazin behauptet, gehackt worden zu sein. Das ließe sich nachweisen, dafür gibt es Computer Forensiker. Weiterhin wäre diese Behauptung mit einer polizeilichen Strafanzeige verbunden. Danach ist es gerichtsfest bewiesen oder widerlegt. Eine fehlende Strafanzeige bei gleichzeitiger Behauptung gehackt worden zu sein ist eher ein Indiz, etwas zu verbergen.

schaumermal, Montag, 13.Juni, 21:24 Uhr

8. opawarauchdabei

Der deutsche Staat hat ein Problem.
Er lässt sich von Leuten ,die angeben im Interesse des deutschen Michel zu handeln ,an der Nase herumführen.
.Opa hat für das Reich den Kopf hingehalten ,und was war?
Genau, wir haben wieder bei Null angefangen.
Also ,was lernen wir ,Waffen sind nicht geeignet Menschen in Frieden leben zu lassen.