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Merkel nach Zahlen Kinder und Hartz IV

Die Arbeitslosigkeit in Deutschland ist im Dauer-Tief und die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung ist seit Längerem auf Rekordniveau. Aber eine Entwicklung passt so gar nicht ins Bild: Seit Jahren ist die Kinderarmut in Deutschland unverändert hoch. Aktuell leben knapp zwei Millionen Kinder und Jugendliche von Hartz IV.

Von: Tanja Oppelt

Stand: 25.04.2017

Trauriges Kind vor Graffiti-verschmiertem Haus | Bild: picture alliance / blickwinkel/W. G. Allgoewer

Wer in Deutschland arm ist, der muss nicht Hunger leiden und hat in der Regel ein Dach über dem Kopf. Armut in Deutschland sieht anders aus.

Bei Kindern führt sie unter anderem dazu, dass sie sozial ausgegrenzt werden. Schulausflug, Kinobesuch oder die Mitgliedschaft im Sportverein – Eltern, die von Hartz IV leben, können das ihren Kindern oft nicht bieten. Holger Hofmann, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Kinderhilfswerks: "Wenn ich heute für vier Euro ins Schwimmbad gehen muss, dann kann ich mir das für mich selbst leisten, auch wenn ich wenig Geld habe. Aber wenn ich noch für ein Kind oder mehrere Kinder den Eintritt bezahlen muss, dann wird der Schwimmbadbesuch schnell zum Luxusangebot."

Höchstens vier Euro pro Tag für Lebensmittel

Kinder, die von Hartz IV leben, sind Untersuchungen zufolge oft schlechter in der Schule als ihre Altersgenossen – zum Beispiel weil sie kein eigenes Zimmer, also keinen Rückzugsort für die Hausaufgaben haben. Und sie sind öfter krank und ernähren sich schlechter. Zwischen drei und vier Euro am Tag sind im Hartz-IV-Satz bei Kindern für Lebensmittel vorgesehen.

"Damit kann man nur zum Discounter gehen. Dazu kommt, dass man vielleicht mit dem entsprechenden Wissen und der entsprechenden Sorgfalt, sich auf andere Weise ausgewogen und gesund ernähren könnte. Aber dieses Wissen ist dann in den Familien nicht mehr vorhanden und wird auch nicht mehr von der älteren auf die jüngere Generation weitergegeben."

Holger Hofmann

Das größte Armutsrisiko in Deutschland ist die Arbeitslosigkeit, das zweitgrößte sind Kinder. Alleinerziehende und kinderreiche Familien sind überdurchschnittlich oft von Armut betroffen. Nach Meinung von Erika Biehn liegt das auch an der unflexiblen Kinderbetreuung in Deutschland. Sie ist die Vorsitzende des Verbandes alleinerziehender Mütter und Väter. Flexiblere KiTa-Zeiten verbessern die Chancen von Alleinerziehenden auf dem Arbeitsmarkt, ist sich Biehn sicher.

Der Unterhaltsvorschuss soll Kinder aus der Armut holen

Aktuell gibt es in Deutschland knapp 1,2 Millionen sogenannte Aufstocker - also Menschen, die arbeiten, aber mit ihrer Arbeit nicht die Familie ernähren können und zusätzlich Leistungen vom Staat bekommen. Viele von ihnen sind alleinerziehend. Wer darüber hinaus vom getrennt lebenden Elternteil keinen Unterhalt bekommt, hat es besonders schwer. Aber ab Juli wird es leichter, dann tritt die Reform des Unterhaltsvorschusses in Kraft.

Der Staat zahlt künftig ohne zeitliche Begrenzung bis zum 18. Geburtstag des Kindes Unterhalt, beziehungsweise schießt ihn vor und versucht, sich das Geld vom säumigen Vater – oder der Mutter -  wiederzuholen. Allerdings: Ab dem 12. Lebensjahr des Kindes bekommen Alleinerziehende den vollen Unterhalt nur, wenn sie selbst mindestens 600 Euro pro Monat zum Lebensunterhalt beitragen.

"Ich finde, die Lösung hat Charme. Man sieht dann, wenn ich etwas beitrage – und 600 Euro Mindesteinkommen ist jetzt keine utopische Summe – dann habe ich eine Chance, mit weiterer Hilfe des Staates aus der Sozialleistung zu kommen."

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD)

Und wenn es nicht gelingen sollte, die Eltern aus dem Hartz IV-Kreislauf zu holen, dann müsse man sich auf die Kinder konzentrieren, fordert Holger Hofmann vom Deutschen Kinderhilfswerk. Das gehe vor allem durch Investitionen in Bildung. Er fordert unter anderem ein kostenfreies Mittagessen an den Schulen und mehr Sozialarbeiter. So bestehe die Chance, dass die Kinder zumindest als Erwachsene nicht mehr in Armut leben müssen.


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