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Vergewaltigungen in Bayern Heikler Umgang mit sensiblen Zahlen

Allein im ersten Halbjahr 2017 zählte die Polizei 222 Vergewaltigungen mehr als im Vergleichszeitraum 2016. Das entspricht einem Anstieg um 48 Prozent. Fachleute fragen sich, ob es tatsächlich mehr Vergewaltigungen gegeben hat oder ob die Opfer weniger Scheu hatten, die Täter anzuzeigen.

Von: Arne Wilsdorff

Stand: 16.09.2017

Joachim Herrmann | Bild: picture-alliance/dpa

Am Dienstag schon hatte die Staatsregierung die verstörenden Zahlen präsentiert. In Bayern soll heuer die Zahl der Vergewaltigungen um 50 Prozent gestiegen sein? Der Münchner Strafrechtsprofessor Ralf Kölbel wollte das nicht glauben.

"Als ich die Zahlen das erste Mal gesehen habe, dachte ich sofort, dass das nur zu einem geringen Anteil auf einem realen Anstieg beruhen kann."

Ralf Kölbel, LMU

Rechtslage geändert

Denn zwischen den vom Bayerischen Innenministerium verglichenen Zeiträumen -  erstes Halbjahr 2016 und erstes Halbjahr 2017  - hat sich die Rechtslage geändert. Der Vergewaltigungs-Paragraph 177 Strafgesetzbuch wurde verschärft, so Kölbel von der Münchner Ludwigs-Maximilians-Universität.

"Der Anstieg als solcher in den polizeilichen Daten hat mich jetzt nicht überrascht, der war gewissermaßen zu erwarten. Denn seit der Reform des Sexualstrafrechts sind schlicht und einfach mehr Verhaltensweisen strafbar geworden und schon deswegen war mit einem statistischen Anstieg an Anzeigen – nicht unbedingt auch an Verurteilungen - zu rechnen."

Ralf Kölbel, LMU

Schwierige Zahlen

Zusammenhänge und Erklärungen, die Bayerns Innenminister Joachim Herrmann in der Kabinettspressekonferenz nicht präsentieren konnte. Und auch bei den Zahlen wirkte der Minister unsortiert.

"Sind das Zahlen bis August dann schon? Das ist halt das, was jetzt wieder verwirrt. Weil die anderen Zahlen sind ja die für das erste Halbjahr."

Joachim Herrmann, Innenminister

Staatskanzleiminister Marcel Huber wollte seinem Kollegen Herrmann zur Hilfe kommen.

"Was wir heute vorgestellt haben, ist nur ein Überblick über die Tendenz. Ich denke, die regionale, genaue Aufschlüsselung, was, wo, innen, außen und welche und so weiter, das ist heute erst in die Wege geleitet."

Marcel Huber

"Aber wir kriegen das schon. Ansonsten, wenn Sie das nicht da haben, dann rufen Sie halt drüben bitte in der Polizeiabteilung an, und schauen sie, dass Sie die Zahlen kriegen. Ja?! Ich hab es ja heute früh alles mit dem Schmidbauer durchgesprochen – also die habens ja alle."

Joachim Herrmann, Innenminister

Die letzte Aufforderung Herrmanns galt seinem Pressesprecher, der sich beim Landespolizeipräsidenten Wilhelm Schmidbauer schlau machen sollte. Noch während der Pressekonferenz konnte Herrmann dann vermelden:

"Also die Gesamtzahl der Vergewaltigungen durch Zuwanderer im ersten Halbjahr 2017 sind 126 Fälle."

Joachim Herrmann

Meist deutsche Täter

Von den 685 Vergewaltigungsfällen wurden 126 von Zuwanderern begangen, im vergangenen Jahr waren es mit 60 noch halb so viele. Wie viele dieser angezeigten Taten innerhalb von Asylunterkünften passiert sind, konnte der Innenminister nicht sagen. Mit Blick auf die Tatsache, dass von den 222 zusätzlichen Vergewaltigungsfällen lediglich 60 von Zuwanderern begangen worden sein sollen, stellte Herrmann aber klar:

"Es ist ganz eindeutig, dass die Mehrzahl der zusätzlichen Tatverdächtigen eindeutig auch deutsche Tatverdächtige sind. Das heißt, wir haben einen insgesamt schon erschreckenden Anstieg bei den Vergewaltigungen."

Joachim Herrmann

Immer mehr Anzeigen

Durch das verschärfte Sexualstrafrecht sind jetzt auch mehr Delikte strafbar: So muss sich ein Opfer jetzt etwa nicht mehr physisch wehren – Nein sagen reicht. Allerdings - so Strafrechtsprofessor Kölbel:

"Also ich glaube aber nicht, dass der Anstieg von Anzeigen in Bayern allein auf der Gesetzesänderung, also allein auf der erweiterten Strafbarkeit beruht. Das mag ein Faktor sein. Aber vermutlich ist es sehr viel wichtiger, dass durch die letztjährigen, öffentliche Debatten – also Stichwort: nein ist nein - die Sensibilität und die Anzeigenbereitschaft in der Bevölkerung generell gestiegen sind."

Ralf Kölbel

Also – möglicherweise gab es in Bayern nicht sehr viel mehr Vergewaltigungen – sondern vor allem mehr Anzeigen. Innenminister Joachim Herrmann baute schon mal vor.

"Unsere Polizeiexperten arbeiten derzeit an einer detaillierten Analyse der Statistikdaten."

Innenminister Joachim Herrmann

Trotzdem sind die verstörenden bayerischen Vergewaltigungs-Zahlen seit Dienstag in der Welt.


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Gretchen, Freitag, 15.September, 22:13 Uhr

31. War es der falsche Zeitpunkt?

Wäre es möglich, dass das Problem darin besteht, dass Herrmann diese Statistik nach Meinung der Staatsregierung besser erst nach der Wahl veröffentlicht hätte, weil die Zahlen nicht genehm sind?

Man kann ein Problem leugnen oder verharmlosen oder man kann es benennen und dann zu lösen versuchen. Mir ist Variante zwei lieber.

EMGI, Freitag, 15.September, 21:17 Uhr

30. Tatsache ist aber

auch, dass viele sehr schwere Verbrechen z.B. gerade in BaWü der Mord an drei unschuldigen Menschen durch einen kroatischen Bosnier, der gleich ein Gewehr aus Armeebeständen aus Jugoslawien dabeihatte, von Ausländern und Migranten begangen werden. Bild hat die Nationalität genannt, die anderen haben wieder drumherrum geschrieben. Wie sieht es in den Haftanstalten aus? Sehr hoher Ausländeanteil. Es gibt ja Statistiken nur unter der Hand. Und da sitzt keiner wegen illegaler Einreise. Vor allem möge man den Anteil an den Vergewaltigern mal auf den Bevölkerungsanteil umrechnen. Dann schaut es aber gar nicht gut aus. Und dann wieder: Gesetze verschärfen. Ah ja, auf Vergewaltigug standen schon immer sehr hohe Strafen. Sie müssten aber dann auch mal ausgesprochen werden.

Stefanie, Freitag, 15.September, 21:08 Uhr

29. Verstörende Zahlen

sind das quantitativ sicher nicht für den, der sich einmal die Mühe gemacht hat, die Excel-Tabellen der PKS aufzudröseln, um sich zwischen populistischen Interpretationen – verschiedener Couleur - eine eigene Meinung zu bilden, was zugegeben eine mühevolle Arbeit ist. Verstörend ist eher, dass die Zahlen qualitativ eindeutig sind. Dabei ist es völlig gleichgültig, dass „junge Männer“ (was ist das eigentlich BR? - da sie diese Bezeichnung verwenden: 20 bis .., oder 16 bis .., oder .. oder …) -logischerweise hier in den Focus rücken, sie sind nun mal hier. Warum eigentlich wenig Frauen, die sich vermutlich in einer wesentlich prekäreren Lage befinden? Auch ist es völlig egal, ob die Taten innerhalb oder außerhalb von „Asylunterkünften“ begangen wurden. Lastet auf die Frauen innerhalb von „Asylunterkünften“ tatsächlich weniger Druck, sexuelle Übergriffe anzuzeigen oder sind diese Taten innerhalb von „Asylunterkünften“ minderschwer? Warum stellen sie eigentlich nicht diese Fragen BR und re

XX, Freitag, 15.September, 21:03 Uhr

28. Vergewaltigung

Dem Opfer dürfte es wohl piepegal sein, ob es jetzt mehr oder weniger Vergewaltigungen gibt. Vielleicht wäre früher mehr angezeigt worden, wenn die Glaubwürdigkeit der Frauen nicht allzuoft bezweifelt worden wäre., ob es nicht doch " ein wenig freiwillig" gewesen sei. Interessant ist auch, dass gleich wieder versichert wird, dass es meist deutsche Männer sind. Asylanten sind gleichermassen beteiligt, und dabei spielt die Personenanzahl absolut keine Rolle. Jeder Übergriff ist einer zu viel und hinterlässt bei den Opfern ein Trauma. Schiebt man solche Täter ab, wie gerade eben, dann wird dagegen protestiert. Wer protestiert für die Opfer???Denn auch diese haben ein Recht auf Schutz, oder nicht?

Seppl, Freitag, 15.September, 20:42 Uhr

27. Geänderte Sicherheitslage

Wenn ich in meine Regionalzeitung schaue, dann lese ich jede Woche über mehrere "Vorfälle", an denen Asylbewerber oder andere Migranten beteiligt sind. Über deutsche Straftäter wird wenig berichtet. Liegt das an meiner Zeitung oder ist meine Oberbayerische Ecke da eine Ausnahme?

Mein Eindruck ist jedenfalls, dass sich die Sicherheitslage für Frauen sehr verschlechtert hat.

Erinnert sei an die Vorfälle vom Simse und vom Mangfalldamm in Rosenheim.

In meinem Umfeld haben viele Frauen Selbstverteidigungskurse besucht, den kleinen Waffenschein erworben, sich sich mit Pfefferspray bewaffnet. Nachts traut sich kaum noch jemand alleine raus. Niemand mehr geht Nachts allein an den Baggerweiher oder an den Fluß zum Schwimmen. Selbst junge Männer trauen sich nachts nicht mehr zum Angeln an unseren Weiher, weil schon so viel passiert ist.

Wer behauptet, die Sicherheitslage habe sich durch den massiven Zuzug nicht geändert, der liegt falsch.