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Nebenwirkungen von Medikamenten Bürokratie gefährdet Gesundheit

Medikamente können gefährliche Nebenwirkungen haben. Dass darüber viel zu wenig bekannt ist, liegt auch an Mängeln im Meldesystem. Ein Beispiel sind Antibiotika aus der Gruppe der Fluorchinolone, die dauerhafte Schäden anrichten können.

Von: Moritz Pompl, Carola Brand

Stand: 04.04.2017

Vor neun Jahren bekommt Wolfgang Fuchs einen Prostata-Infekt. Sein Urologe empfiehlt ihm Antibiotika, Levofloxacin. Ein Mittel aus der Gruppe der Fluorchinolone. Ärzte verschreiben sie häufig, auch bei Blasen- oder Nebenhöhlenentzündungen. Im Beipackzettel steht, dass sie "selten" Sehnen und Muskeln angreifen, die dann sogar reißen können. Wolfgang Fuchs nimmt insgesamt fünf Tabletten.

"Am fünften Tag fingen schlagartig Schmerzen, Entzündungserscheinungen beider Unterarme und beider Achillessehnen an. Die Entzündungserscheinungen blieben zwei Wochen lang, bis dann schlagartig die Bombe in mir hochging, wo ich dann plötzlich ganz extreme Schmerzen in beiden Achillessehen gekriegt habe."

Wolfgang Fuchs, Fluorchinolon-Geschädigter

Heute sitzt Wolfgang Fuchs im Rollstuhl. Auf seinem Nachttisch steht ein Sauerstoffgerät mit Atemmaske.

"Ich bin 47 Jahre und muss, was jetzt rein die körperliche Behinderung anbelangt, leben wie ein alter Mann. Ich bin aber kein alter Mann. Ich hab keinerlei Aufklärung in diese Richtung erhalten von Seiten des Arztes, und diese Dimension der Schädigung mit allen Folgen wird auch in keinster Weise durch die Packungsbeilage deutlich."

Wolfgang Fuchs, Fluorchinolon-Geschädigter

Gefährliche Nebenwirkungen: Woran das Meldesystem krankt

Ärzte verschreiben Fluorchinolone fleißig weiter

Wolfgang Fuchs' Geschichte ist eine, die zeigt, dass über die Nebenwirkungen von Medikamenten oft viel zu wenig bekannt ist. Es ist die Geschichte eines "kranken" Melde-Systems. In den USA und Kanada werden Fluorchinolone längst mit Warnhinweisen versehen, in Deutschland dagegen wird der Wirkstoff immer noch fleißig weiter verschrieben. Laut Arzneimittelverordnungsreport waren es 2016 rund 34 Millionen Tagesdosen. Das entspricht rund 70 Millionen Tabletten.

Dahinter steckt ein Teufelskreis: Viele Mediziner wissen zu wenig über die Nebenwirkungen von Arzneimitteln wie Fluorchinolone. Und das liegt paradoxerweise daran, dass sie selbst zu selten Nebenwirkungen melden.

"Wir gehen davon aus: Jede siebte vermutete Nebenwirkung war tatsächlich nur gemeldet."

Dr. Bernd Mühlbauer, Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft

Kritik: Ärzte melden Nebenwirkungen viel zu selten

Ärzte und Apotheker müssen Nebenwirkungen melden

Und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte BfArM, das alle Verdachtsfälle an Nebenwirkungen sammelt, schätzt sogar, dass Ärzte nur in fünf bis zehn Prozent der Fälle melden. Dabei sind Ärzte laut Berufsordnung verpflichtet, jede Nebenwirkung zu melden, egal ob sie bereits bekannt ist und in der Packungsbeilage steht, oder nicht. Das gilt auch für Apotheker.

Warum nur die wenigsten Ärzte konsequent Nebenwirkungen melden, darauf gibt eine telefonische Befragung Hinweise, und zwar unter niedergelassenen Ärzten in Baden-Württemberg. Knapp 80 Prozent der Befragten gaben an, dass sie Nebenwirkungen bei ihren Patienten selten oder nie melden. Und zwar vor allem aus drei Gründen: Sie hätten dafür keine Zeit, der Meldeprozess sei zu kompliziert, und das Melden sei ohnehin nutzlos.

Dr. Bernd Mühlbauer

"Ich glaube einfach, dass in dem heutigen Alltags-Dauerstress mit Unterbesetzung, mit stationärem Dienst und mit schnellen Wechselzeiten von Patienten in der niedergelassenen Arztpraxis einfach nicht genügend Zeit und genügend Energie übrigbleibt. Also: Ich hab ein gewisses Verständnis für die Ärzte. Es ist ein unangenehmer Aufwand bei ohnehin viel Bürokratie, deswegen könnte ein kleiner Anreiz helfen. Es müsse nicht viel sein, aber man könnte das Melden von Nebenwirkungen ja auch als ärztliche Leistung vergüten."

Dr. Bernd Mühlbauer, Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft

Tipp: Patienten können Nebenwirkungen selbst melden

Das Meldungsformular ist relativ umfangreich und umfasst u.a. die Symptome, die Einnahme-Dauer und die Dosis. Patienten gelangen zur Eingabemöglichkeit über die Homepage des Paul-Ehrlich-Instituts (das sich um Impfstoffe kümmert), oder die Homepage des BfArM (zuständig für Medikamente und Medizinprodukte). Letztlich landen alle Meldungen in einer Datenbank, sagt Mike Pommer vom BfArM und versichert: Jede einzelne Meldung wird angeschaut.

Melden hilft: Behörde kann Risiko neu bewerten lassen

Rote Hand Briefe als Warnsystem für Ärzte

Schadet ein Mittel häufiger oder anders als gedacht, dann kann das BfArM Warnungen an die Ärzte verschicken, sogenannte "Rote-Hand Briefe". In denen rät es Ärzten zum Beispiel, bestimmte Arzneimittel wirklich nur dann einzusetzen, wenn es keine Alternative gibt. Außerdem kann das BfArM das Risiko für ein Medikament neu bewerten lassen. Das geschieht allerdings nur, wenn es genügend Nebenwirkungsmeldungen gibt.

Immerhin lässt das BfArM jetzt das Risiko für die Fluorchinolone neu bewerten. Möglicherweise auch, weil eine Online-Petition Druck gemacht hat. Betroffene wie Wolfgang Fuchs wollen unter anderem erreichen, dass ein Warnsymbol auf die Verpackung kommt, so wie in den USA. Und zwar schnell. Nicht dass es noch mehr Menschen trifft, die wegen eines relativ banalen Infekts im Rollstuhl landen.


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