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"Antinatalismus" Kinderlos und glücklich!

Die Geburtenrate steigt wieder, Eltern und ihre Probleme sind im Fokus der öffentlichen Debatte - ebenso das Schicksal von Menschen, die ungewollt kinderlos bleiben. Aber es entscheiden sich auch immer mehr Menschen bewusst gegen Kinder. Die Bestseller-Autorin Sarah Diehl hat ein Buch über sie geschrieben.

Von: Julia Kammler

Stand: 08.12.2017

Die Publizistin, Autorin, Kulturwissenschaftlerin und Dokumentarfilmemacherin Sarah Diehl aufgenommen am 25.10.2015 in Köln. | Bild: picture-alliance/dpa/Horst Galuschka

Freiwillig kinderlos – so richtig ist dieses Lebensmodell noch nicht in unserer Gesellschaft angekommen. Vor allem frau muss sich da oft rechtfertigen – im Gegensatz zum kinderlosen Mann.

"Gerade in Deutschland ist das Mutterideal schon damit verknüpft, dass man seine eigenen Bedürfnisse immer zurückstellt und immer eher für andere da sein soll – und egal wie man es macht, es ist immer falsch. Entweder sind Sie zu viel Mutter, zu fürsorglich oder nicht fürsorglich, fördern das Kind zu viel, oder zu wenig"

Sarah Diehl, Autorin des Bestsellers 'Die Uhr, die nicht tickt'

Die kinderlose Enddreißigerin hat mit Frauen gesprochen, die sich bewusst gegen eigene Kinder entschieden haben – um der klassischen Mutterrolle zu entgehen, um unabhängig zu bleiben oder weil sie schlicht keinen Kinderwunsch hatten.

Gegenwind für Kinderlose

Seit 2015, seit der #regrettingmotherhood-Debatte, dürfte klar sein, dass man auch Kinderkriegen bereuen kann.

"Ich finde das eigentlich sehr schade, dass man nicht akzeptiert, dass es verschiedene Konzepte des Lebens gibt und dass man denkt: Nur mein Konzept muss richtig sein, weil ich es halt lebe, und deswegen muss alles andere abgewertet werden."

Sarah Diehl

Gegen die wachsende Weltbevölkerung

Die Verdopplung der Weltbevölkerung in den vergangenen fünfzig Jahren, auch das ein Grund für manche, kinderlos zu bleiben. Der Club of Rome, ein Zusammenschluss diverser Experten, die sich für eine nachhaltige Zukunft einsetzen, fordert sogar eine Prämie von 80.000 Dollar für kinderlose Frauen - auszuzahlen am 50. Geburtstag. 

Ein weiterer Grund: Der Klimaschutz

Ein schwedisch-kanadisches Forscherteam hat kürzlich errechnet: Auf ein Kind zu verzichten spart knapp 60 Tonnen Kohlendioxid im Jahr - ohne Auto leben nur 2,4 und Recyceln sogar weniger als 0,2 Tonnen jährlich.

Antinatalismus

Der Antinatalist und Kinderbuchautor Janosch

Der bekannte Kinderbuchautor Janosch und Vater der Tigerente ist kinderlos und erklärter Antinatalist: Er will also kommende Generationen vor dem Leid der Welt schützen, indem er dafür sorgt, dass sie erst gar nicht geboren werden.

"Von 1.000 Geborenen kommt nur einer halbwegs erträglich durchs Leben, die anderen werden Rheuma und Gicht haben. Sie werden die falsche Frau und den falschen Mann bekommen. Keine Wohnung, aber viele Schmerzen haben. Man wird sie in den Krieg hetzen oder sonst wie erschießen und foltern."

Janosch, Kinderbuchautor und Antinatalist

Theologe empört über Antinatalisten

"Das ist die typische arrogante Haltung von einem, der schon auf der Welt ist, der entscheiden möchte und entschieden hat, offensichtlich sei es besser für jemanden, der noch gar nicht da ist, nicht zur Welt kommen zu können. Ich halte das für eine sehr arrogante Art und Weise des Mitgefühls."

Thomas Schwartz, Theologe

Ob persönliche Umstände, die Umweltbilanz oder Antinatalismus - den Entschluss für oder gegen ein Kind muss jede(r) Einzelne für sich alleine treffen – entscheidend dabei ist das Ziel, glücklich zu sein, so der Theologe.

"Das Ziel, aus dem heraus ich mich zum Beispiel für den Zölibat entschieden habe, ist, dass ich von einer tiefen Überzeugung geprägt bin, dass ich in dieser Lebensform zur Fülle meines Lebens gelange und glücklich werde."

Thomas Schwartz


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Kommentare

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Thomas Friedrich, Samstag, 09.Dezember, 22:03 Uhr

10. Better never to have been

Jedes Leben ist mit Leid verbunden. Umgekehrt leidet niemand darunter, nicht geboren worden zu sein. Daher sollte man sich fragen, ob es richtig ist, einen weiteren leidenden Menschen zu produzieren, nur um ein paar Jahre beschäftigt zu sein. Im besten Fall wird dieser neue Mensch lediglich Bedürfnisse befriedigen können, die er nicht hätte, wenn er nie geboren worden wäre. Im schlimmsten Fall wird er die Hölle auf Erden erleiden. Denn wie viele Menschen gibt es, die sich mit alptraumhaften Krankheiten oder schweren Behinderungen durchs Leben quälen? Wie viele Menschen sind depressiv oder haben chronische Schmerzen? Wer Kinder bekommt, nimmt all diese Möglichkeiten in Kauf - aber nicht für sich selbst, sondern für einen anderen Menschen. Er spielt russisches Roulette mit seinem eigenen Kind, nur um sich selbst einen egoistischen Wunsch zu erfüllen.

"Gut ist der Schlaf, der Tod ist besser - freilich
Das beste wäre, nie geboren sein."
(Heinrich Heine)

  • Antwort von Zahnderschreit, Dienstag, 12.Dezember, 09:22 Uhr

    Dem kann ich nur zustimmen. Ich bin auch froh, dass der Punkt Antinatalismus hier im Artikel aufgeführt wird. Dass es mit Janosch einen bekannten Vertreter des Antinatalismus' gibt, wusste ich gar nicht.

Soziale Arbeit, Samstag, 09.Dezember, 11:08 Uhr

9. Die nochmal andere Seite der Medaille

Bevor hier wieder mit den üblichen Argumenten (Pflege und Rente) auf die Kinderlosen losgehackt wird:

Wir begegnen in unserer täglichen Arbeit scharenweise "Familien", in denen Kinder lediglich als biologische Folge von ungeschütztem Sex oder schlampiger Verhütung existieren. Viele von ihnen zeigen deutliche FAS-Symptome. Manche Kinder verbleiben länger in diesen Verhältnissen, weil keine dirrekte KIndeswohlgefährdung nachzuweisen ist, andere kommen mit wenigen Wochen oder Monaten in Pflegeeinrichtungen unter. Und bald darauf ist Mutti wieder schwanger und alles wiederholt sich. Sechs bis acht fremd untergebrachte Kinder einer Frau sind keine Seltenheit.
Wir betreuen diese Kinder über Jahre hinweg und leider schaffen es trotz aller (sehr kostenintensiven!) Helfernetze und Schulsysteme nur sehr wenige, überhaupt einen renten- und sozialabgabenrelevanten Beruf zu ergreifen. Von der mangelnden, aber für einen Pflegeberuf unerlässlichen, Empathie und Sozialkompetenz ganz zu schweigen.

  • Antwort von Auch soziale Arbeit, Samstag, 09.Dezember, 11:54 Uhr

    Ja, das gibt es auch.
    Wir Sozialarbeiter sehen natürlich oft die dunkle Seite der Gesellschaft, oder der Medaile. Was Sie da beschreiben, das kenne ich auch. Wir haben Frauen in den Aufnahmeeinrichtungen, die waren Jahrelang in Italien, oft in der Sexindustrie tätig. Die kommen mit vier Kindern von vier unbekannten Männern und sind hier schon wieder das zweite mal schwanger. Verallgemeinern kann man das nicht. Alles ist möglich.

    Betrachtet man das bürgerliche Familienmodell, dann sieht die Sache anders aus. Wie soll es auch weitergehen, wenn gerade die tüchtigen, bürgerlichen Familien keinen Nachwuchs mehr haben? Wie sieht es dann in ein paar Jahren aus, wenn nur noch die Klientel, die Sie beschreiben, übrig ist? Möchten Sie in so einer Welt alt werden?

Der Alte, Samstag, 09.Dezember, 07:31 Uhr

8. Die andere Seite der Medaille

Die allermeisten Menschen die ich kenne, die bewußt kinderlos sind, sind es aus materiellen Gründen. Sie können (wollen) sich keine Kinder leisten. Haus, Zweitwagen, Konsum, das ist Ihnen wichtiger. Wenn man bedenkt, dass ein Kind 200 T€ oder 300 T€ kostet, dann kann man mit dem ersparten Geld schon was anfangen.

Trotzdem bereuen fast alle kinderlosen irgendwann ihren Entschluß. Es bleibt nichts, nach dem Tod, die Einsamkeit im Alter, die Lieblosigkeit, auch der Neid auf Menschen mit Familie.

Die schlimmsten Szenen habe ich im Pflegeheim gesehen: pure Verzweiflung. Niemand, der nach einem schaut, von Pflegern hintangestellt, weil ja keiner fragt.

Das alles sind keine Gründe, Kinder zu haben. Aber ich glaube nicht, dass ein kinderloser jemals die Freude und das Glück erleben kann, das es bedeutet mit seinen Kondern, Enkeln und Urenkeln zusammen zu sein.

  • Antwort von Eltern sein, Samstag, 09.Dezember, 08:35 Uhr

    Woher wissen Sie so genau, dass materielle Gründe ausschlaggebend sind ?
    Ein sehr privates, intimes Thema, das man nur sehr vertrauten Menschen
    anvertraut.
    Ausnahmslos alle Menschen, die ich kenne, können keine Kinder bekommen.
    Alle haben eine furchtbare Odysee hinter sich. Es sind sehr viele. Ich war überrascht
    wieviele in meinen Freundes-Bekannten-und Kollegenkreis Betroffene sind. Ehen
    sind daran zerbrochen !
    Bis sie sämliche Möglichkeiten ausgeschöpft hatten, waren sie zu alt um ein Kind
    zu adoptieren.
    Dann noch ihr Hinweis auf das Alter.
    Viele Menschen bekommen keinen Besuch von Ihren Kindern im Altenheim.
    Reden Sie mit Pflegern, die werden Ihnen das - leider - bestätigen.
    In meiner Arbeit - Versicherungsbranche - haben dafür viele Kinder, bevor
    die Elter gestorben sind, schon angerufen und wollten wissen, was sie denn nun bekommen.
    Die habe ich auf den Datenschutz hingewiesen.
    Es geht auch anders, sicher, aber ein Garant für ein glückliches Leben, nein !

  • Antwort von Zahnderschreit, Dienstag, 12.Dezember, 09:19 Uhr

    Die Frage ist auch, wer zugeben würde, ein Antinatalist zu sein. Ich würde es, solange meine Eltern noch leben, zumindest nicht sagen. Denn darin steckt natürlich auch der Vorwurf, dass man selbst geboren wurde. Und Ungeboren wird man davon nicht.

    Und die beschriebenen Szenen im Pflegeheim: Das ist doch eher ein Grund, KEINE Kinder zu bekommen. Denn sonst hält man das Leidendsrad doch nur weiter am Laufen.

Familienvater, Freitag, 08.Dezember, 19:21 Uhr

7. Kinderlos=Vergessen auf ewig

Früher waren Kinder nahezu selbstverständlich,obwohl die Armut viel größer war. Heute stehen sie oft dem persönlichen Streben nach maximaler Erfüllung von persönl. Interessen im Wege. So wurde die Gesellschaft von Politik mit der Wirtschaft (Konsum) bewusst gestaltet. Die lang kritisierte geringe Geburtenquote war nur eine Scheindiskussion. Nun will die Wirtschaft sich neue billigere Arbeitskräfte aus allen Ländern der Erde holen, bis die Digitalisierung der Arbeitswelt diese obsolet macht. Diese Gesellschaft wird wie ein kleines Rinnsal im Wüstensand auf ewig versickern.

Willi, Freitag, 08.Dezember, 17:18 Uhr

6.

Das mir das nicht schon vor Jahrzehnten eingefallen ist. Im nächsten Leben bleibe ich Kinderlos und wenn ich alt und gebrechlich bin ziehe ich zu meinen Enkeln. Eine geniale Idee, oder?

  • Antwort von Bert Brech, Freitag, 08.Dezember, 19:19 Uhr

    Ungefaehr so wie die Vorstellung, dass heutige Kinderlosenpropaganda irgendwann einmal als "Antiquariat" gekauft wird.

  • Antwort von Zahnderschreit, Dienstag, 12.Dezember, 09:16 Uhr

    Für die bereits geborenen ist natürlich nichts mehr zu machen. Aber muss man aus rein egoistischen Gründen denn auch seinen Nachkommen die Welt mit Leid und dem unvermeidbaren Tod antun? Ich denke nicht.