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Flüchtlingsfamilie Makalic Vom Retter zum Opfer

Vor dreieinhalb Jahren hat Sead Makalic in seinem bosnischen Heimatdorf ein deutsches Mädchen aus kaum vorstellbaren Verhältnissen befreit: Sie wurde von ihrer Stieffamilie acht Jahre lang wie eine Sklavin gehalten, bekam kaum zu Essen, musste schwerst körperlich arbeiten und wurde misshandelt. Heute ist Makalic selbst in einer Notsituation.

Von: Judith Dauwalter

Stand: 23.02.2016

Emina und Sead Makalic wohnen in einer Donauwörther Flüchtlingsunterkunft. Im kleinen Zimmer steht ein runder Esstisch mit Sitzbank, auf dem Boden liegt ein Autoteppich, an der Wand hängen der Stundenplan und Zeichnungen des zehnjährigen Dzanan. Doch Dzanan ist nicht hier: Er ist traumatisiert und wird in Neuburg an der Donau psychiatrisch behandelt.

Weil Sead Makalic von der Familie des Peinigers massiv bedroht wurde, floh er mit Frau und Kind nach Deutschland - die Asylanträge aber wurden abgelehnt, sie sollen noch in dieser Woche ausreisen.

"Mein Ehemann hat ein fremdes Kind gerettet - warum mag niemand den Versuch unternehmen, meinem Kind zu helfen? Ich habe doch sonst nichts außer ihm."

Emina Makalic

Emina Makalic wirkt verzweifelt, weint viel, wenn sie von ihrem Sohn spricht. Anwalt Ismet Mujakic übersetzt. Neben den Zeichnungen und Stundenplänen an der Zimmerwand hängt auch das Foto eines jungen Mädchens: rote Haare, knapp 20 Jahre jung. Es ist Bettina, das deutsche Mädchen, das Sead Makalic aus der achtjährigen Sklavenhaltung durch seinen Nachbarn und Bettinas Stiefvater befreit hat. Indem er die Polizei wieder und wieder auf ihr Schicksal hinwies.

"An sich hatte ich schon Angst. Aber ich konnte das Leid des Mädchens nicht länger ansehen und ich war bereit, alles zu tun, um es zu befreien, koste es, was es wolle."

Sead Makalic

Mit der guten Tat kamen die Probleme

Bettina wurde erst befreit, als Sead Makalic der Polizei ein Foto des Mädchens vorlegen konnte. Das Foto, das jetzt in Donauwörth an der Wand klebt. Doch nun begannen die Probleme für Familie Makalic.

"Die Drohungen gegen mich setzten am gleichen Abend ein, in der Gestalt, dass ich dauernd auf meinem Mobiltelefon Anrufe erhielt, mit unterdrückten Nummern, es aber wohl die Brüder des Inhaftierten. Da wurde konkret gesagt, ich habe eine Belohnung von 50 000 Euro ausgesetzt, damit jemand dein Kind entführt."

Sead Makalic

"Asylantrag offensichtlich unbegründet"

Von Nachbarn und Klassenkameraden wurde Sohn Dzanan auch direkt bedroht. Sead Makalic zeigt die Berichte der Polizeistelle in seinem Heimatdorf. Als er erfuhr, dass sogar ein Auftragsmörder hinter ihm her war, flohen die Makalics Mitte 2014 nach Deutschland und stellten Asylanträge. Im Dezember 2015 kam Post aus dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF): Eine Ablehnung - der Antrag sei "offensichtlich unbegründet".

Denn, so argumentiert das BAMF, die befürchteten Handlungen seien krimineller Natur - eine staatliche Verfolgung sei nicht gegeben. Man räumt zwar ein, dass die Bedrohung glaubhaft vorgetragen worden sei, dennoch seien Polizei und Justiz vor Ort zuständig. Als "Lösung" des Problems sei eine Verlegung des Wohnsitzes innerhalb des Herkunftsstaats denkbar.
Die Behandlung der psychischen Probleme des Sohnes könne zudem auch in Bosnien durchgeführt werden, dies hätten Ärzte beider Länder übereinstimmend festgestellt.

"Die medizinische Versorgung ist im Heimatland gegeben."

Aus der Asyl-Ablehnung des BAMF

Jetzt macht das zuständige Landratsamt Donau-Ries Druck: Familie Makalic muss ausreisen. Die BAMF-Entscheidung lasse keinen Spielraum, heißt es. Der Amtsarzt bescheinigt: Sohn Dzanan ist reisefähig - obwohl er gerade stationär in der Kinderpsychiatrie behandelt wird. Er leidet unter schweren Ängsten und Alpträumen, wahrscheinlich ausgelöst durch die Bedrohungen in der Heimat.

"Ich kann keine Traumatherapie bei einem Flüchtling machen, wenn ihm angedroht wird, dass er zurück muss in die traumatisierende Umgebung, das macht keinen Sinn."

Chefärztin Astrid Passavant

Das vergangene Wochenende durfte Dzanan außerhalb der Klinik verbringen, bei seinen Eltern in der Donauwörther Flüchtlingsunterkunft. Wenn kein Wunder passiert, ist er in ein paar Tagen ganz weg - im für die Familie gefährlichen Bosnien. Der Anwalt der Familie, Ismet Mujakic, hat deshalb einen letzten Rettungsversuch gestartet und eine Petition an den Deutschen Bundestag und den Bayerischen Landtag gerichtet.


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