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Verkehrslärm Ohnmächtig gegen den Krach

An vielen Straßen, Gleisen oder Flughäfen in Bayern ist es laut. Die Anwohner sind diesem Lärm wehrlos ausgesetzt – mit all seinen Folgen. Wissenschaftler gehen davon aus, dass Lärm unter anderem Herzprobleme verursacht. Lärmschutz wie leisere Zugräder oder Schallschutzmauern wirken oft nur begrenzt – oder werden viel zu lange gar nicht gebaut.

Von: Ralf Fischer, Laura Goudkamp

Stand: 01.03.2017

Mehr als 50 Prozent der Deutschen leiden unter lautem Verkehr. Knapp drei Prozent der Bevölkerung ist sogar Verkehrslärm von mehr als 65 Dezibel ausgesetzt. Ab diesem Wert steigt das Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden um 20 Prozent. Denn niemand kann sich an Lärm gewöhnen. Irgendwann spielen Herz und Kreislauf nicht mehr mit.
Die Politik müsste handeln, doch das kostet Geld. Auf Landesebene gibt es kein Ziel, um diesen Lärm langfristig einzudämmen. Dabei warnen Experten vom Umweltbundesamt seit Jahren vor Gesundheitsschäden.

"Die Gefäße werden insgesamt steifer, sie sind weniger dehnbar und dadurch steigt der Blutdruck an. Im Endeffekt führt das dazu, dass mehr Herzinfarkte und Schlaganfälle entstehen können."

Prof. Thomas Münzel, Lärmforscher und Kardiologie

Lauter und leiser Lärm

Akustischer Stress entsteht nicht in erster Linie durch hohe Geräuschpegel. Auch beim unbewussten Hören im Schlaf kann sogenannter "leiser Lärm" - das sind dezente sehr hohe oder niederfrequente Signale chronischen Stress auslösen. Unsere Ohren schlafen nicht. Sie sind ein wichtiges Warnorgan und reagieren daher vor allem auf Geräusche, die sich von einem zum anderen Moment ändern. Ein Grund warum Klangwechsel besonders störend auf uns wirken.

Die Gefäße versteifen, der Körper reagiert - selbst, wenn man glaubt, sich an den Lärm gewöhnt zu haben und nachts nicht mehr davon aufwacht. Professor Thomas Münzel ist Lärmforscher und selbst betroffen. Die Uniklinik Mainz liegt in einer Einflugsschneise des Frankfurter Flughafens.

Laut Weltgesundheitsorganisation WHO kann nächtlicher Lärm Herzprobleme auslösen. Auch Münzels Forschung bestätigt das. Er und seine Kollegen beschallten Menschen und Mäuse mit Fluglärm. Bei den Menschen stieg der Blutdruck im Schlaf. Die Gefäße wurden steif. Bei den Mäusen fand er dafür eine Erklärung: schädliche freie Radikale in den Zellen durch zu viel Lärm.

"Ich würde schon sagen, die Zeiten, in denen man gesagt hat, dass Lärm einfach eine Belästigung darstellt und nicht krank macht, sind vorbei. Es gibt zahllose Studien, die zeigen, dass chronischer Lärm mehr Herz-Kreislauf-Erkrankung macht und hier insbesonders Herzschwäche, Herzinfarkt Bluthochdruck und Schlaganfall."

Prof. Thomas Münzel, Lärmforscher und Kardiologie

Die Frage ist nur: Was tun gegen den Lärm?

München Feldmoching | Bild: BR / David Friedman zum Artikel Ärger um Bahnlärm Anwohner wollen ihre Ruhe

Weil sie befürchten, dass bald deutlich mehr Güterzüge an ihrem Grundstück vorbeifahren, haben Bürger im Münchner Norden einen Aktionskreis contra Bahnlärm gegründet. Im Altmühltal gibt's das Lärmproblem schon länger. Von David Friedman [mehr]

Bei Güterzügen beispielsweise sind es die Räder, die den meisten Krach verursachen - bis zu 90 Dezibel kann es da schon mal laut werden. Das entspricht dem Krach von Rasenmähern, Motorsägen und Presslufthämmern. Schuld daran sind die alten Graugussbremsklötze. Die Idee: Neue Bremsen aus Verbundstoff sollen die Waggons deutlich leiser machen. Gefühlt etwa halb so laut wie derzeit. Ab 2021 sollen in Deutschland nur noch leisere Züge fahren. Das will die Politik. Bisher ist aber nur jeder vierte Waggon umgerüstet.

Anders in der Schweiz. Durch Steinen beispielsweise rollen die Züge vom Gotthart nach Italien. Eine Milliarde Franken hat die Schweiz bereits in Schallschutz investiert. Fast alle Schweizer Züge fahren schon heute mit leiseren Rädern. Zudem wurden viele Schallschutzwände gebaut, die die Anwohner von den Gleisen trennen. Doch in Dollnstein im Altmühltal beispielsweise, wo jährlich 46.000 Züge entlang fahren, halten viele Anwohner nichts von Lärmschutzwänden. Sie befürchten, dass sich der Schall durch die engen Kurven und das enge Tal trotzdem überträgt - egal ob eine Wand direkt vor dem Haus gebaut wird oder nicht.

Dauerbeschallung durch Straßenlärm

Noch lärmgeplagter sind die Anwohner von Autobahnen und Bundesstraßen. Eine der lautesten Straßen Bayerns ist beispielsweise die B12, die direkt durch Passau durchführt. 30.000 Fahrzeuge sind dort jeden Tag unterwegs. Über die Gullideckel donnern die LKW mit 90 Dezibel. Wie Güterzüge, nur im Sekundentakt. Gegen den ständigen Verkehrslärm helfen nachts bei einigen Anwohnern, die direkt neben der Straße wohnen, selbst die Schallschutzfenster nichts:

"Das ist mehr so ein Brummen - da habe ich das Gefühl, der ganze Körper brummt. Es gibt Situationen, wo ich wirklich Kopfweh kriege, beide kriegen wir Kopfweh und wälzen uns dann im Bett."

Carola Baumann, Anwohnerin der B12 in Passau

Ab fünf Uhr morgens wird es dann besonders schlimm, denn dann geht der morgendliche Berufsverkehr los. Die Anwohner hoffen, dass ihr Bürgermeister helfen kann. Er soll Druck machen für den Lärmschutz. Die Stadt hätte gerne ein LKW-Fahrverbot. Aber das lehnt die zuständige Regierung von Niederbayern ab. Wie so oft: die Betroffenen können kämpfen, aber letztlich müssen sie mit dem Lärm leben.

"Ich kann hohen Blutdruck behandeln, ich kann hohes Cholesterin behandeln, aber der Lärm ist der einzige Faktor, den weder Arzt noch Patient beeinflussen kann, sondern nur die Politik."

Prof. Thomas Münzel, Lärmforscher und Kardiologie


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