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Holocaust-Dokumentationsort Hersbruck/Happurg Für die Opfer der "Doggerwerk"-Hölle

9.000 KZ-Häftlinge mussten in Hersbruck und Happurg Zwangsarbeit leisten, Tausende überlebten das Martyrium nicht. Jetzt wurde dort ein Doppel-Dokumentationsort eröffnet.

Von: Ernst Eisenbichler

Stand: 25.01.2016

Weil die Nationalsozialisten eine unterirdische Produktionsstätte für Jagdflugzeugmotoren benötigten, ließen sie von KZ-Häftlingen in der Nähe des mittelfränkischen Hersbruck ein riesiges Stollensystem graben. Zehn Monate lang mussten sie das sogenannte Doggerwerk ausbaggern - ob bei Gluthitze oder eisiger Kälte. Mehrere tausend starben an den Strapazen.

"Wir wollen die Opfer aus der Tiefe des Vergessens holen", sagte Jörg Skriebeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg im Landkreis Neustadt an der Waldnaab. Dafür gibt es nun den Doppel-Dokumentationsort. In Hersbruck steht ein begehbarer trapezförmiger Kubus. Er stellt die individuellen Schicksale der Gefangenen des Außenlagers in den Mittelpunkt. Auf einen Medientisch sind die Namen von über 9.000 Häftlingen projiziert. Der Kubus ist ausgerichtet auf die Installation in Happurg, eine Aussichtsplattform mit Informationselementen. Diese Plattform stellt einen Sichtbezug nach Hersbruck her und macht den langen Weg anschaulich, den die Häftlinge täglich zweimal zwischen dem Lager Hersbruck und dem Zwangsarbeitseinsatz in einem Stollen bei Happurg zurücklegen mussten. Ermöglicht haben die beiden Dokumentationsorte die Stiftung Bayerische Gedenkstätten und die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg.

"Die Erinnerung an die Verbrechen in den Konzentrationslagern wandelt sich, wenn keine Zeitzeugen mehr unter uns sind. Dann wird es wichtiger denn je sein, an den historischen Orten über das damalige Geschehen zu informieren, gerade wenn - wie in Hersbruck und Happurg - bauliche Spuren nicht mehr vorhanden oder nicht mehr zugänglich sind."

Stiftungsdirektor Karl Freller

Die Stiftung Bayerische Gedenkstätten verstärkte in den vergangenen Jahren ihr Engagement an Orten ehemaliger KZ-Außenlager. Neben Hersbruck/Happurg seien auch in Mühldorf und Kaufering Dokumentationsorte geplant oder bereits im Entstehen, erklärte Freller.

Hersbruck: Lager für Produktion von BMW-Motoren

KZ-Außenlager Hersbruck: Lagerplan über Luftbild

Die beiden NS-Konzentrationslager in Bayern, Dachau und Flossenbürg, hatten insgesamt etwa 240 Außenlager. Teilweise wurden sie für Rüstungsproduktion verwendet. Das war auch im Fall von Hersbruck, des zweitgrößten Außenlagers von Flossenbürg, so. Dort sollte die Herstellung von BMW-Flugzeugmotoren weitergehen, nachdem sie in Allach bei München wegen alliierter Luftangriffe gefährdet war. Ab Juli 1944 mussten KZ-Häftlinge am östlichen Rand der Kleinstadt Hersbruck ein Lager auf dem Gelände einer Reichsarbeitsdienst-Kaserne errichten: 30 Häftlingsbaracken und Funktionsgebäude bauten sie.

Hersbruck: Ehemaliges Lagergelände in einer Aufnahme Anfang der 1950er-Jahre

Gemäß einer Entscheidung der NS-Führung sollte die Rüstungsindustrie zum Schutz vor Luftangriffen unter die Erde verlagert werden. Das BMW-Motorenwerk Hersbruck war eines der Großprojekte. Dazu wurde beim nahegelegenen Happurg der sogenannte Doggerstollen in den Sandstein des Bergs Houbirg gegraben. Geplant war eine Produktionsstätte von 200.000 Quadratmetern. Bis zu 2.500 KZ-Häftlinge pro Schicht verrichteten schwerste körperliche Arbeiten im Berg und beim Bau von Bahnlinien. Den täglichen, jeweils fast fünf Kilometer langen Weg von und zu den Hersbrucker Baracken mussten sie zu Fuß bewältigen.

Mindestens 4.000 Todesopfer

"Doggerstollen" bei Happurg

Bis zur Räumung des Lagers Hersbruck im April 1945 waren dort rund 9.000 Häftlinge aus ganz Europa - die meisten von ihnen ungarische Juden - gefangen. Unfälle, Entkräftung und die Gewalt von SS-Männern forderten jeden Tag Dutzende Todesopfer. Insgesamt überlebten mindestens 4.000 Menschen die Zwangsarbeit nicht.

Keine Aufarbeitung nach Kriegsende

Obwohl das Lager zehn Monate lang zum Alltag in der Region gehörte, verdrängte man in Hersbruck - wie auch in Dachau oder Flossenbürg - die KZ-Einrichtungen nach Kriegsende rasch aus dem öffentlichen Bewusstsein. Zunächst wurden auf dem Gelände SS-Angehörige interniert, später war dort ein Flüchtlingslager. 1951 ließ die Stadt die Baracken abreißen. Heute befinden sich auf dem Gelände ein Finanzamt, Parkplätze, sportliche Einrichtungen und eine Wohnsiedlung.

Auch die Erinnerung an das nicht fertiggestellte Doggerwerk wurde rasch getilgt. In den 1960er-Jahren wurden die Stolleneingänge zubetoniert. Erst 1998 brachte man an einem davon eine Gedenktafel an. Bis zuletzt lag der Stollen dicht verborgen am bewaldeten Abhang der Fränkischen Schweiz. Die Anlage ist stark einsturzgefährdet und nicht zugänglich.


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