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KVB unter Beschuss Kritik an Bereitschaftspraxen

Im kommenden Jahr wird es den Bereitschaftsarzt am Wochenende oder nachts so nicht mehr geben. Bundesweit werden Bereitschaftspraxen eingerichtet. In Bayern wird die Kritik an der Umstellung immer heftiger.

Von: Claudia Grimmer

Stand: 28.11.2017

Es ist ganz typisch: Am Wochenende oder Freitag Abend passiert es: Das Kind fällt hin und verletzt sich, dem Mann rutscht das Messer beim Schnippeln in der Küche ab, die Freundin entdeckt beim Duschen eine Zecke im Oberarm. Bis jetzt griff der Patient zum Telefon, wählte die Nummer seines Hausarztes und bekam die Ansage, welcher Kollege in der Nähe Notdienst hat. Das gibt es ab Juli 2018 in Bayern nicht mehr.

Bereitschaftspraxen ersetzen Hausarzt-Notdienst

Ein Arzt untersucht eine Patientin

Die Hausärzte sollen durch die neue Verordnung entlastet werden, denn oft schoben sie bis zu 300 Stunden im Jahr, um die Notdienste am Abend oder am Wochenende abzudecken in vielen Orten des Freistaates. Das soll sich jetzt ändern. Durch die Reduzierung der Anlaufstellen für Patienten fallen auch weniger Bereitschaftsstunden für die Mediziner an. Dadurch soll der Beruf des Hausarztes wieder attraktiver werden. Doch waren bis jetzt Fachärzte wie Dermatologen, Urologen oder Radiologen vom Dienst befreit, so sollen sie jetzt wieder herangezogen werden. Das ist der ein Punkt, der von vielen Medizinern kritisiert wird, denn in einem echten Notfall besteht die Gefahr, dass eine optimale Versorgung des Patienten nicht geleistet werden kann.

"Die Entlastung der dienstverpflichteten Ärzte durch die Einführung eines freiwilligen Poolärztesystems und die Einrichtung von zentral gelegenen Bereitschaftspraxen, die sich in der Regel an Kliniken befinden, ist die einzige Chance, das ambulante System und den Bereitschaftsdienst trotz des prognostizierten Ärztemangels und einer steigenden Anzahl von angestellten Ärzten dauerhaft aufrecht zu erhalten."

Dr. Wolfgang Krombholz, Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern

"Ein HNO-Arzt oder ein Gynäkologe, wenn der zehn oder 15 Jahre niedergelassen ist nach Studium und Ausbildung, dann ist der schon sehr fixiert auf seinen Bereich und kann sicher nicht mehr alle Bereiche abdecken."

Dr. Wiebke Lehnert, Hausärztin Lauf an der Pegnitz

Alle Ärzte werden ab 2018 in einen Pool aufgenommen. Es besteht die Möglichkeit, dass die Mediziner Schichten tauschen oder sich gar frei kaufen, doch nur, wenn es genug Freiwillige gibt.

116117 - die neue Nummer

Bundesweite Nummer für den Bereitschaftsdienst

Wer jetzt einen Notfall in der Familie hat, kann die bundesweite Nummer für den Bereitschaftsdienst 116 117 kontaktieren. Die Anrufe landen dann bei einer Tochterfirma der Kassenärztlichen Vereinigung, der Gedikom. Die Hauptstelle sitzt in Bayreuth. Sie nimmt bayernweit die Anrufe entgegen und soll dann Patienten an eine Bereitschaftspraxis vermitteln oder einen der rund 80 mobilen Hausärzte schicken. Ist die Stelle überlastet, springt die Zweigstelle in München automatisch ein. Doch es gibt bereits Beschwerden über die Servicestelle.

"Das habe ich hautnah mitbekommen. Die Frau P. ist ja eine direkte Nachbarin von mir. Die hat mich dann auch gleich zu sich gerufen. Also, die hat zunächst probiert über die 116117 den ärztlichen Bereitschaftsdienst zu informieren, dass sie einen Arzt braucht für ihren schwer erkranten Mann. Da hat sie dann mehr als 25 Minuten in der Warteschlange gehangen und ging nicht. Dann hat sie direkt am Krankenhaus in Erlenbach angerufen und hat gesagt, gebt mir doch einmal eine Info, ich brauch den Arzt, der zu meinem Mann kommt. Den geht es ganz schlecht. Und die Auskunft war dann, wir wissen nicht, ob wir nach Kirchzell kommen. Das können wir nicht sagen."

Stefan Schwab, Bürgermeister von Kirchzell

110 Bereitschaftspraxen im Freistaat

In Bayern werden ab 2018 Bereitschaftspraxen den hausärztlichen Notdienst übernehmen. 110 solcher Einrichtung soll es dann geben. In vielen Gemeinden wird Kritik laut. Vor allem in Unterfranken rumort es anständig. Dort soll eine Bereitschaftspraxis zuständig sein für den kompletten Landkreis Miltenberg und der umfasst 130.000 Einwohner. Der Bürgermeister von Amorbach, Peter Schmitt, wehrt sich dagegen, fordert mindestens zwei Praxen für das Einzugsgebiet. Die Kassenärztliche Vereinigung Bayern, KVB, lehnt ab. Schmitt hat mit fünf weiteren Kollegen eine sogenannte "Odenwald Allianz" gegründet und 5.000 Unterschriften von Bürgern gesammelt. Die wurde dem Gesundheitsministerium in München bereits 2016 überreicht. Resultat: nichts. Wie hart die Reform bestimmte Gegenden trifft, zeigt sich in Unterfranken. Hier gibt es für einen Einzugsbereich von 488.000 Einwohner demnächst nur doch drei Praxen in Erlenbach, Aschaffenburg und Miltenberg.

"Jetzt kommt der nächste Schritt, dass es also heißt, wir bilden einen noch größeren Bezirk bestehend aus dem Landkreis Miltenberg, aus dem Bereich Stadt Aschaffenburg, aus dem Landkreis Aschaffenburg und hier aus dem Landkreis Main-Spessart. Das ist jetzt ein Bereitschafts-Bereich mit drei Praxen und 488.000 Einwohner. Das ist so groß wie das ganze Saarland."

Stefan Schwab, Bürgermeister von Kirchzell (li.), Peter Schmitt, Bürgermeister Amorbach

Mit der Problematik steht Schmitt und der Landkreis Miltenberg nicht alleine da. Auch in Oberbayern (Schrobenhausen) und in Niederbayern wächst der Groll gegen die Reform. Bürgermeister und Ärzte sehen die medizinische Versorgung auf dem Land in Gefahr. Zudem gebe es keine oder eine schlechte Planung für die Umsetzung der Reform. Niemand könne Schätzungen, geschweige denn handfeste Zahlen abgeben, wie viele Patienten durch die jeweilige Bereitschaftspraxis behandelt werden müssten oder auch könnten. Kommunalpolitiker und auch Ärzte fühlen sich nicht gut und vor allem nicht ausreichend über die Reform informiert.

"Uns geht es genauso. Wir sind letztendlich mit dieser Änderung konfrontiert worden. Wir hatten einen Anruf bekommen von der KV, dass die Vertreterversammlung diese Neuordnung des Bereitschaftsdienstes beschlossen hat im Frühjahr, Februar, März und dass es zum 31. Juli 2018 umgesetzt wird. Da gibt es angeblich wohl noch Spielräume, aber letztendlich ist der Rahmen festgesteckt. Und die Probleme sind nicht in der Großstadt, die sind auch nicht in kleinen Städten wie hier in Lauf bei relativ großer Arztdichte und kurzen Besuchswegen, aber die großen Probleme bestehen garantiert in den ländlichen Gebieten."

Dr. Matthias Leniger, Hausarzt in Lauf an der Pegnitz

Ausstattung der Bereitschaftspraxen ist mäßig

"Die Bereitschaftspraxen sind nach einem einheitlichen Schema ausgestattet, was wirklich nur einen Minimalstandard bietet, zum Beispiel kein Ultraschall, keine Vereinbarung bezüglich Röntgen oder Labor als Auftragsleistung, so dass hier sehr schnell eine Überstellung an die Notaufnahme erforderlich wird."

Dr. med. Ilka M. Enger

Zusätzlich soll es einen Fahrdienst geben

Die Politik kündigt zu den 110 Bereitschaftspraxen auch noch einen Fahrdienst an. 50 solcher professionellen Einsatzstellen soll es dann geben. Ein Fahrer steht für den Notarzt bereit und fährt ihn zum Patienten. Das wird grundsätzlich von den Ärzten befürwortet, doch völlig unklar ist, wer den Fahrdienst bezahlt.


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