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Lipgloss & Co. Krebserregende Kosmetika?

In Deutschland erhältliche Kosmetika auf Mineralölbasis enthalten offenbar nach wie vor Substanzen, die im Verdacht stehen, Krebs zu erzeugen. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung im Auftrag des Verbraucherschutzministeriums in Nordrhein-Westfalen, die dem BR und dem WDR vorliegt.

Von: Arne Meyer

Stand: 18.03.2016

Sie schmecken gut, nach Erdbeere oder anderen fruchtigen Aromen. Und sie überziehen die Lippen mit einem angenehmen Fettfilm: Lipgloss und andere Lippenpflegeprodukte. Gerade diese Eigenschaften machen eine Analyse für Wissenschaftler wie Beate Brauer interessant: "Wir haben ganz bewusst Lippenpflegemittel, Lippenprodukte untersucht, weil man hier noch einen speziellen Eintragsweg hat für unerwünschte Stoffe, denn Lippenstifte werden abgelegt und aufgenommen."

Brauer arbeitet am Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt Münsterland-Emscher-Lippe in Münster. Das staatliche Labor hat im Auftrag des Verbraucherschutzministeriums in Nordrhein-Westfalen in den vergangenen Wochen 31 Kosmetik-Produkte untersucht, vor allem Lippenpflegeprodukte. Das Ergebnis - so steht es in dem Untersuchungsbericht, der BR Recherche und dem WDR vorliegt: In neun Produkten konnte das Labor "Mineral Oil Aromatic Hydrocarbons" - kurz MOAH nachweisen. Aromatische Kohlenwasserstoffe also, die als nicht sicher gelten weil krebsverdächtig.

"Wir haben Mengen an diesen unerwünschten Aromaten gefunden, die lagen bei knapp 0,2 Prozent. Das ist schon recht viel, wenn man diese Ergebnisse vergleicht mit den Ergebnissen, die wir früher schon mal gefunden haben in Lebensmitteln."

Beate Brauer vom Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt Münsterland-Emscher-Lippe in Münster

Johannes Remmel, Minister für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes NRW

Und darauf bezogen fällt der Vergleich des Untersuchungsamtes so aus: Lebensmittel, bei denen MOAH-Gehalte nachgewiesen werden konnten, die um etwa das 3000fache niedriger lagen, würden als nicht mehr rechtskonform beurteilt. Für Kosmetika gibt es auf EU-Ebene keine Grenzwerte. NRW-Verbraucherschutzminister Johannes Remmel spricht von beunruhigenden Ergebnissen der Kosmetik-Untersuchung.

"Solche Stoffe gehören einfach nicht in Pflegemittel."

Johannes Remmel, NRW-Verbraucherschutzminister

Stiftung Warentest empfiehlt Verzicht auf mineralölhaltige Kosmetika

Birgit Rehlender von der Stiftung Warentest stimmt dem zu. Sie war an einer im vergangenen Jahr von der Stiftung veröffentlichten, ganz ähnlichen Untersuchung beteiligt und sieht sich jetzt bestätigt. Die Chemikerin empfiehlt deswegen Verbrauchern, auf mineralölhaltige Kosmetika zu verzichten; also auf Produkte, die zum  Beispiel - wie im Kleingedruckten steht - Paraffinum Liquidum, Petrolatum oder mikrokristallines Wachs enthalten.

"Es gibt Alternativen, man ist nicht darauf angewiesen. Und deshalb: Warum soll ich mich dem Risiko aussetzen? Egal ob es nachgewiesen ist, wie groß es ist, oder wie lange es dauert, bis man da Klarheit hat."

Birgit Rehlender, Stiftung Warentest

Unbedenklich oder gefährlich?

Klarheit gibt es insofern noch nicht, weil sich die Fachwelt nicht hundertprozentig einig ist, welche genauen Risiken am Ende für Verbraucher bestehen, wenn sie Mineralöle mit MOAH-Gehalten in den Körper aufnehmen. Die Industrie hält die in Kosmetika nachgewiesenen Mengen für unbedenklich. Das Bundesinstitut für Risikobewertung spricht von einem nicht von der Hand zu weisenden Rest-Risiko, das von aromatischen Kohlenwasserstoffen ausgeht.

"Deswegen spricht sich das BfR auch dafür aus, dass das passiert. Dass der MOAH-Gehalt reduziert wird so weit wie technologisch machbar."

Andreas Luch, Leiter der Abteilung Chemikalien- und Produktsicherheit im Bundesinstitut

Umstrittene Inhaltsstoffe:

Paraffinum Liquidum

Wird auch als flüssiges Paraffin, Paraffinöl oder Mineralöl bezeichnet. Es soll die Haut schön geschmeidig machen und glätten. Außerdem haben sie wasserabweisende Eigenschaften und fördern die Glanzbildung auf der Haut (z.B. bei Lippenstiften).

Petrolatum

Ist in Deutschland unter dem Namen Vaseline gebräuchlich. Auch Petrolatum macht die Haut glatt und geschmeidig. Es hat eine gute Streichfähigkeit und hinterlässt einen Film auf der Haut.

Mikrokristallines Wachs

Auch unter den Namen Petroulumwachs, Hartparaffin oder Mikrowachs gebräuchlich. Es handelt sich um einen Lebensmittelzusatzstoff mit der europäischen Zulassungsnummer E905. Es wird vorwiegend als Trenn- und Überzugsmittel eingesetzt.

Und das meint: die Substanzen sind nicht mehr nachweisbar. Dass das geht, ist auch ein Ergebnis der aktuellen Studie des Untersuchungsamtes. Das Labor in Münster hat nämlich in vielen Produkten nichts Problematisches gefunden.


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wolke24, Samstag, 19.März, 13:57 Uhr

6. Warum werden die Namen der Produkte nicht veröffentlicht???

Hallo warum werden die Hersteller nicht genannt und diese gefährlichen Mineralöle nicht endlich auf den Stiften für jeden sichtbar gemacht??? Die meisten Verbraucher wissen nicht auf was sie sich da einlassen was gesundheitsschädlich ist. Genauso schädlich sind PEG, Aluminium, die meisten kennen auch diese Kunststoffteilen nicht die gesundheitsschädlich in jedem Shampoo, Deo usw. beiinhaltet ist ebenso Aluminium.

Man weiß es und trotzdem wird es weiter unter die Menschheit gebracht. Palmöl kann genauso aus den Produkten gelassen werden, wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

  • Antwort von BR Recherche, Montag, 21.März, 10:12 Uhr

    Die Hürden, Hersteller und Produktnamen zu nennen, sind hoch. Aus juristischen Gründe darf das nur geschehen, wenn:

    1.) eine Grenzwertüberschreitung vorliegt
    2.) quasi unmittelbar Gefahr für Leib und Leben besteht

    Was MOAHs angeht, gibt es aber (immer noch) keine Grenzwerte auf EU-Ebene. Und eine unmittelbare Gefahr für Verbraucher besteht auch nicht. Deswegen sind dem Verbraucherschutzministerium NRW, das die Untersuchung in Auftrag gegeben hat, die Hände gebunden.

Thomas Zeller, Freitag, 18.März, 20:01 Uhr

5.

Warum werden die schädlichen bzw. die nicht schädlichen Produkte nicht benannt? Ich kann es nicht nachvollziehen, wie man einen Bricht schreibt, der von schädlichen Inhaltsstoffen berichtet und gleichzeitig nicht die schädlichen Produkte nicht benennt.

  • Antwort von BR Recherche, Montag, 21.März, 10:12 Uhr

    Die Hürden, Hersteller und Produktnamen zu nennen, sind hoch. Aus juristischen Gründe darf das nur geschehen, wenn:

    1.) eine Grenzwertüberschreitung vorliegt
    2.) quasi unmittelbar Gefahr für Leib und Leben besteht

    Was MOAHs angeht, gibt es aber (immer noch) keine Grenzwerte auf EU-Ebene. Und eine unmittelbare Gefahr für Verbraucher besteht auch nicht. Deswegen sind dem Verbraucherschutzministerium NRW, das die Untersuchung in Auftrag gegeben hat, die Hände gebunden.

Mens sana in corpore sano, Freitag, 18.März, 09:47 Uhr

4.

@ Kulzer andy: Oder zu Naturkosmetik wechseln, da muss man gar nichts checken - außer man hat eine Allergie gegen einen (Duft-)stoff.

as, Freitag, 18.März, 09:25 Uhr

3. Produkte veröffentlichen

Warum werden die Produkte hier nicht veröffentlicht?
Wenn diese Produkte für Menschen schädlich sind, ist es doch legitim diese auch öffenltich zu machen.
Wer nichts zu verbergen hat, braucht sich ja auch nicht zu verstecken. Was haben wir nur für Gesetze?

  • Antwort von BR Recherche, Montag, 21.März, 10:12 Uhr

    Die Hürden, Hersteller und Produktnamen zu nennen, sind hoch. Aus juristischen Gründe darf das nur geschehen, wenn:

    1.) eine Grenzwertüberschreitung vorliegt
    2.) quasi unmittelbar Gefahr für Leib und Leben besteht

    Was MOAHs angeht, gibt es aber (immer noch) keine Grenzwerte auf EU-Ebene. Und eine unmittelbare Gefahr für Verbraucher besteht auch nicht. Deswegen sind dem Verbraucherschutzministerium NRW, das die Untersuchung in Auftrag gegeben hat, die Hände gebunden.

Eva, Freitag, 18.März, 09:24 Uhr

2. Mineralöl in Kosmetika

Liebes Team von Bayern3,

wie sollen in Lippenstiften für 2 Euro ordentliche Inhaltsstoffe sein? Es muss ein inhaltlicher Unterschied vorhanden sein, wenn der Lippenstift von (...) 7,50 Euro kostet.
Leider ist unser System in Deutschland so geprägt von Lobbyismus und industriefreundlicher Regierung, deshalb wird es vom Bundesinstitut für Risikobewertung auch niemals ein Ergebnis geben, das auf eine Gesundheitsgefährdung hinweist. Ebenso verhält es ich bei Glyphosat usw.
Leider wird der Verbraucher in Deutschland von seiner Regierung nicht geschützt.
Der Verbraucher hätte eine immense Macht, wenn er die zweifelhaften oder gar gesundheitsgefährdenden Produkte nicht mehr konsumieren würde.
Lobbycontrol.de, oekotest.de und foodwatch.de sind meines Erachtens sehr wertvolle Links.

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  • Antwort von Mausi, Freitag, 18.März, 11:11 Uhr

    Liebe Eva, liebes Bayern3-Team,

    ich habe heute Morgen gleich meinen Lippenbalsam für € 7,50 angeschaut - er enthält Mineralöle!! Es gibt günstigere ohne das Zeug...

  • Antwort von wolke24, Samstag, 19.März, 14:05 Uhr

    Hallo der Preis sagt nichts aus über die gesundheitschädlichen Wirkstoffen in den Stiften. In den Apotheken werden Stifte verkauft für teures Geld die ebenfalls gesundheitsschädlich sind.

    Der höhere Preis bedeutet deshalb keine besser Qualität, genau auf die Inhaltsstoffe achten egal wie hoch oder niedrig der Preis eben ist.