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Klimawandel und Stadtentwicklung Murnaus Kampf gegen die Abwanderung der Jugend

Bürgermeister proben den heimlichen Aufstand: Wo Nationalstaaten ihren Aufgaben nicht mehr gerecht werden, rücken Städte und Kommunen enger zusammen und bilden Bündnisse, zum Beispiel "Fearless Cities", Städte ohne Angst. Aber nicht nur die Mega-Cities vernetzen sich, auch kleine Kommunen werden aktiv.

Von: Lisa Weiß und Nina Landhofer

Stand: 14.02.2018

Kreativwirtschaft: Boxer Shorts aus dem Werdenfelser Land

Das Innovationsquartier etwa in Murnau am Staffelsee  entspricht auf den ersten Blick nicht ganz den Erwartungen. Jan-Ulrich Bittlinger, Wirtschaftsförderer des Marktes Murnau, lädt zur Führung durchs Haus ein. In einem kleinen Büro sind Kletterseile gespannt, darauf hängen Boxershorts, die meisten in leuchtend bunten Farben. In der Ecke steht eine alte Nähmaschine. Alle Boxershorts sind im Werdenfelser Land gefertigt.

Thilo Feldmeier, Boxershort-Produzent im Innovationsquartier Murnau

Thilo Feldmeier, ein gelernter Mechatroniker, Schreiner und Beleuchter, designt und verkauft die Boxershorts. Dank der günstigen Miete ist er ins Innovationsquartier gezogen. Für ihn eine großartige Gelegenheit – erstens, weil er von den erfahreneren Büro-Nachbarn lernt, was einen Geschäftsmann ausmacht, sagt der junge Mann. Und zweitens, weil er dabei trotzdem in seiner Heimat Murnau bleiben kann.

"Ich habe fünf Jahre in München gearbeitet, als Beleuchter beim Film. Selbst da bin ich jeden Tag drei Stunden Auto gefahren, weil ich einfach daheim sein wollte."

Thilo Feldmeier, Mechatroniker im Murnauer Innovationsquartier

Abwanderung junger Menschen in Großstädte verhindern

Nicht alle nehmen so lange Wege in Kauf wie Thilo Feldmeier, um nicht wegziehen zu müssen – und um die geht es Jan-Ulrich Bittlinger, der die Idee für das Innovationsquartier hatte. Er will verhindern, dass noch mehr junge Menschen aus Murnau abwandern, in die Großstädte. Mit dem Innovationsquartier will Murnau vor allem Gründer aus den Bereichen IT, Kultur- und Kreativwirtschaft anlocken – alles junge Branchen. Aber nicht alle können verstehen, warum der Ort viel Geld für ein solches Innovationsquartier ausgibt, sagt Jan-Ulrich Bittlinger.

"Natürlich lief nicht alles so reibungslos, natürlich müssen politische Mehrheiten gefunden werden, es müssen Gemeinderäte überzeugt werden, in meinem Fall musste ich auch den Bürgermeister überzeugen, das gehört natürlich dazu. Und dann muss man auch mit anderen Widrigkeiten kämpfen, dass beispielsweise die Umbaukosten fast schon explodiert sind, von geschätzten 250.000 auf jetzt fast 900.000 Euro."

Jan-Ulrich Bittlinger, Wirtschaftsförderer des Marktes Murnau

Das Innovationsquartier Murnau - ein interessantes Modellprojekt

Innovationsquartier Murnau

Mittlerweile interessieren sich viele für das Projekt: Der Landkreis Starnberg oder der Landkreis Traunstein waren schon zu Besuch im Innovationsquartier, sagt Jan-Ulrich Bittlinger. Denn schließlich ist hier einiges entstanden: Neben Büros und einem so genannten Maker-Lab mit verschiedenen Werkstätten gibt es im Gebäude auch Integrationskurse für Zuwanderer. Im nächsten Jahr soll noch eine Kita mit flexiblen Zeiten dazukommen. Und auf dem Gelände sollen bald Genossenschaftswohnungen entstehen – günstiger Wohnraum für die Murnauer. Das alles schafft auch noch mehr Verbindungen zwischen Innovationsquartier und Ort, hofft Murnaus Bürgermeister Rolf Beuting.

"Wir wollen hier keine Insel bauen, wo so ein paar junge Frösche sich mal ausprobieren dürfen, sondern wir möchten das Konzept in den Ort rein verknüpfen und vernetzen. Und möglichst dafür sorgen, dass zum Beispiel Gründer, die erfolgreich sind, in der Gemeinde Unterschlupf finden, dann größer werden können, sich dort ausbreiten können und möglichst dann auch eines Tages zu guten Steuerzahlern und Arbeitgebern werden."

Rolf Beuting, Bürgermeister von Murnau

Fearless Cities - das Motto der Zukunft?

In anderen Städten kämpfen unter dem Motto "Fearless Cities" Bürgermeister für Klimaschutz, eine gemeinsame Flüchtlingspolitik, Gemeinwohl oder Demokratie. Aber sind solche Projekte demokratisch legitimiert? Das Dossier Politik beleuchtet Beispiele von Austin, Texas, bis Murnau im Blauen Land, von Barcelona bis Brasilien und diskutiert darüber mit Stadt-Experten.

Dossier Politik, 29.11.2017, 21:05 Uhr, Bayern2

Prof. Michael Haus (links) und Georg Götze

Thema: Das Jahrhundert der Städte

Studiogäste
Prof. Michael Haus
, Politologe, Forschungsgebiet: lokale Politikforschung
Georg Götze
, Architekt und Städteplaner
Moderation: Nina Landhofer
Redaktion: Nina Landhofer / Jörg Paas


Themen der Beiträge:

  • Wenn die Verwaltung kreativ wird – Murnau kämpft gegen den demographischen Wandel (Lisa Weiß)
  • Die Vernetzung der Städte: Die Organisation “Fearless Cities“ in Barcelona (Julia Macher)
  • Bürgermeistern kommt seit Trump eine neue Bedeutung zu: wenn nicht mit Trump, dann eben ohne ihn (Martina Buttler)

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