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Frust oder Keule? Wie viel Chemie setzen Freizeitgärtner gegen Pflanzenschädlinge ein?

Kein Kleingärtner hat es gern, wenn seine Gurken von Schnecken gefressen werden, wenn die Läuse über die Blumen herfallen oder Obstbäume vom Pilz befallen sind. Für alles gibt es Mittel, um Schädlinge oder Unkraut zu bekämpfen. Ob beim Ausbringen von Pflanzenschutzmitteln immer mit Verstand vorgegangen wird, darüber scheiden sich die Geister.

Von: Alexander Dallmus

Stand: 21.03.2017

Ein Rosenbusch wird in einem Garten mit einem Pflanzenschutzmittel behandelt | Bild: picture alliance / dpa Themendienst

Einerseits schwört jeder deutsche Hobby- und Kleingärtner kaum noch zu düngen und so gut wie keine Gifte mehr in den Garten auszubringen, andererseits ist der Absatz in diesem Bereich, in den letzten Jahren insgesamt eher gestiegen, als zurückgegangen. Vor allem Unkrautvernichter, also Herbizide, sind sehr beliebt.

Wie viele Gifte übers Jahr tatsächlich ausgebracht werden, ist dennoch schwer zu beurteilen. Erstens werden die Freizeitgärtner nicht überwacht, zweitens werden die Mittel in Garagen, Kellern und Gartenhäuschen oft über Jahre gelagert.

Gift aus Gewohnheit

Diese Diskrepanz kristallisiert sich heraus, je nachdem wen man befragt: Manfred Mayer, seit 16 Jahren in der Beratung zum Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und bei Pflanzen-Kölle in München-Untermenzing tätig, erkennt bei vielen Freizeitgärtnern nicht immer den Willen sich mit dem Thema auseinanderzusetzen: „Leider noch nicht. Wir sind gerade im Umschwung, aber die Kunden sind oft noch die alten Mittel gewohnt, die es früher gegeben hat.“ 

Axel Pürkner, Vorsitzender des Kleingartenverbandes München, hält da dagegen. In seinem Bereich, sagt er, hat sich Entscheidendes verändert. Einfach nur Gift versprüht wird da nicht:

"Das ist erstmal grundsätzlich falsch. Wir haben in allen Kleingartenanlagen Fachberater. Die sind dazu ausgebildet den Gartenfreunden mit Rat und Tat zur Seite zu stehen."

Der Vorsitzender des Kleingartenverbandes München über den Einsatz von chemischen Pflanzenschutzmitteln

Pflanzenschutzmittel, die es zu kaufen gibt

Fakt ist, dass derzeit in Deutschland weit über 750 verschiedene Mittel mit knapp 1.500 unterschiedlichen Handelsnamen für Klein- und Hobbygärtner zugelassen sind. In Haus und Kleingarten dürfen nämlich nur noch Pflanzenschutzmittel angewendet werden, bei denen draufsteht: "Anwendung durch nichtberufliche Anwender zulässig". Das gilt für alle, die keine besondere Sachkunde im Bereiche Pflanzenschutzmittel vorweisen können.

Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit entscheidet letztlich über die Zulassung und nimmt dafür die Eigenschaften der Mittel, die Verpackung und die Dosierungsmöglichkeiten unter die Lupe. Generell dürfen sowieso nur Mittel verkauft werden, die auf ihre Umweltauswirkungen geprüft wurden. Dafür gibt es ein Zulassungsverfahren, das sicherstellen soll, dass direkte Auswirkungen von Pflanzenschutzmitteln auf die Umwelt – einschließlich der Biodiversität – weitgehend verhindert werden.

Viel hilft nicht viel

Allerdings – und das ist die Krux bei allen Präparaten – die Unbedenklichkeitsbescheinigung gilt nur für das einzelne Mittel ("Indikationszulassung“). Und zwar unabhängig voneinander. Welche Wirkung verschiedene Mittel haben, die zusammen oder hintereinander ausgebracht werden, wird dabei nicht erfasst und auch nicht bewertet.

Es geht sowieso weniger um Quantität, sondern viel mehr um "Qualität“. Die Wirkung des eingesetzten Mittels ist nämlich entscheidender, als die ausgebrachte Menge. Moderne, giftige Pflanzenschutzmittel haben heutzutage auch in geringer Dosierung genau so viel Durchschlagskraft wie höher dosierte ältere Mittel.

Den Hammer auspacken

Das europäische und das deutsche Pflanzenschutzrecht möchten gewährleisten, dass gerade im Hobbybereich die Gärtner auch vor sich selbst geschützt werden. Die wenigsten haben die notwendige Schutzkleidung für die Ausbringungen von Produkten, die nur im Profibereich angewendet werden dürfen. Wie bereits erwähnt werden sie nicht kontrolliert und die Gartenflächen werden oft intensiv genutzt, also auch von Kindern und älteren Menschen. Und auch wegen der Nachbarn sollen da keine Mittel versprüht werden dürfen, die die Umwelt nachhaltig schädigen können. Schließlich grenzen die Flächen oft unmittelbar aneinander. Einen Sicherheitsabstand, der in der professionellen Landwirtschaft verlangt wird, gibt es hier meist nicht. Deshalb sieht auch Axel Pürkner vom Kleingartenverband die Dinge wenig dramatisch.

"Indem nämlich die Kleingartler gar nicht mehr an die schlimmen Spritzmittel drankommen.  Man braucht einen  Spritzausweis. Und die harmlosen Mittel, also die biologischen, die können Sie immer verwenden. Da ist aber auch der Schaden nicht groß."

Axel Pürkner, Vorsitzender des Kleingartenverbandes München

Tatsächlich kann und möchte auch Manfred Mayer von Pflanzen-Kölle seinen Kunden nicht mehr die Chemie-Keule anbieten: "Wir haben gar keine bienengefährlichen Mittel mehr im Sortiment und gehen mehr auf Vorbeugung mit Pflanzenstärkungsmitteln."

Biologisch ist gut, wirkungsvoll jedoch wichtiger

Allerdings, sagte Autorin und Gartenexpertin Karin Greiner, fragen dann doch oft Gartler um Rat, weil sie noch ein Mittel im Haus haben, das mittlerweile verboten ist: "Nach wie vor und gerade weil es so restriktive Gesetze gibt mit den Pflanzenschutzmitteln, erinnert man sich dran, da gab’s doch früher so Mittel und die haben immer geholfen. Gibt es die nicht noch irgendwo? Leider kommt auch das immer wieder vor.“ Fazit unter den Fachleuten: Bei Nutzpflanzen sind die meisten Gartler vorsichtig und wollen ein Mittel, das zwar wirkt, aber biologisch ist. Bei den Zierpflanzen hingegen kann das Mittel nicht stark genug sein.

Auch selbst hergestelltes Gebräu, das gerne mal als "Hausmittel“ angesehen wird, ist ausdrücklich verboten. Wenn ein Sud aus Chili, Kaffee oder sogar Nikotin ausgebracht wird, schädigt das nicht nur die Schnecken, sondern auch andere Organismen und den Gärtner selbst.

Ursache und Wirkung nicht gesehen

Viele Schädlingsprobleme sind aber eigentlich hausgemacht. Denn viele Gartler wählen für ihre Traumpflanze einfach den falschen Standort und wundern sich dann, wenn es nicht so blüht oder sprießt, wie gedacht. Gerade beim Thema Rasen, fällt das Berater Manfred Mayer immer wieder auf, wenn Beispielsweise weite Teile davon im Schatten liegen:

"Es bringt ja nichts, wenn ich das Moos bekämpfe. ixch muss die Ursache bekämpfen, weil ich nicht permanent irgendwelche Mittel draufschütten kann."

 Pflanzenschutzmittel-Berater Manfred Mayer

Gartenexpertin Greiner hatte jedenfalls schon oft das Gefühl, dass Gärtner gleich aufschreien, wenn sie die erste Laus oder eine Schnecke entdecken, ganz einfach weil der Kampf um den Ertrag intensiver geworden ist. Die Bebauungsflächen sind immer kleiner geworden und der Freizeitgärtner möchte alles für sich selbst haben:

"Wir haben Gärten, die nicht mehr nützlingsgerecht sind. Und damit fehlen uns ganz wichtige Unterstützer. Und: wenn man für die nichts tut und das vergessen leider die meisten Gärtner, dann regen sie sich über die erste Blattlaus ganz besonders auf."

Karin Greiner, Gartenexpertin

Axel Pürkner, Vorsitzender des Kleingartenverbandes München, sieht den "Verteilungskampf“ gelassen, auch wenn die Schnecken nicht seine besten Freunde sind.

"Ich lass mir auch nicht, vor meinen Augen, den Salat wegfressen, das ist halt so, aber da muss man keine Chemie einsetzen, das kann man anders auch machen."

Axel Pürkner, Vorsitzender des Kleingartenverbandes München


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