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"Das Kreuz vor der Wahl" Politiker stellen sich den Fragen der Kirche

Ob Flüchtlingspolitik, Ehe für Alle oder ethische Fragen: Die Kirche mischt sich immer auch in politische Themen ein. Und längst steht die katholische Kirche dabei nicht mehr nur an der Seite der C-Parteien. In Freising diskutierten Vertreter der katholischen Kirche über die derzeit drängendsten politischen Fragen.

Von: Irene Esmann

Stand: 23.07.2017

Links die ehem.Fürstbischöfliche Residenz, heute Kardinal-Döpfner-Haus mit Johanniskirche auf der rechten Seite | Bild: BR/Otto Gustav Hoffmann

"Das Kreuz vor der Wahl" - so war die Veranstaltung im Kardinal Döpfner Haus in Freising überschrieben. Mehrere Vertreter der katholischen Kirche standen Pate für ein bestimmtes Thema. Sie stellten die Gretchenfrage - "Wie hältst Du es mit den Positionen der katholischen Kirche?" - und zwar an sechs Politiker auf dem Podium, von der Linkspartei bis zur AfD:

Thema 1: Kinder- und Altersarmut

"Ich halte es für den größten Erfolg dieser Bundesregierung, dass wir im Moment eine Rekordbeschäftigung haben. Sozial ist, was Arbeit schafft, das ist einfach richtig."

Markus Blume, CSU

"Diejenigen die zurückfallen, denen müssen wir Hilfe geben, aber wir wollen nicht diejenigen, die voranschreiten können, ausbremsen."

Daniel Föst, FDP

"Wir haben über eine Million Vermögensmillionäre, die haben genug Geld. Und da etwas abzunehmen, davon werden sie ja nicht arm werden."

Ates Gürpinar, Die Linke

"Das erste ist, dass wir bei den Kindern anfangen. Deswegen sind wir auch für eine Kindergrundsicherung."

Margarete Bause, Bündnis 90/Die Grünen

Thomas Steinforth, Vorstandsreferent beim Caritasverband des Erzbistums München und Freising, stand Pate für das Anliegen der katholischen Kirche, an die Ränder zu gehen. Er hätte sich konkretere Vorschläge gewünscht, wie die Parteien die Armut bekämpfen wollen - gerade auch von der CSU:

"Wenn es um armutsbedrohte Menschen geht, stellt sich die Frage, ob es wirklich so unmöglich ist, an den Stellschrauben zu drehen. Ein paar Dinge sind ja auch gelaufen, es gab Verbesserungen in der Erwerbsminderungsrente, das alles ist halt weiterzuentwickeln, das ist machbar, das ist keine linke Utopie. Da sind eine ganze Reihe von Maßnahmen dabei, zu der sich eine Union durchringen könnte. Die Union hat ja in der Vergangenheit eine starke soziale Tradition gehabt, die ist mir heute nicht so deutlich geworden."

Thomas Steinforth, Caritasverband des Erzbistums München und Freising

Thema 2: Umwelt und Mobilität

"Es wird gar nicht mehr hinterfragt, wer das bestätigt hat, dass dieser Klimawandel menschengemacht gemacht ist."

Martin Hebner, AfD

"Wenn Sie abstrakt sagen, wir müssen unser Klima schützen, sind alle dafür. Wenn es drum geht, wo das Netz ist, das den Strom aus erneuerbarer Energie transportiert, dann heißt es Heiliger St. Florian verschon mein Haus, zünd' andere an."

Florian Pronold, SPD

"Wir können natürlich der Automobilindustrie den Saft abdrehen, aber dann sagen wir fahrlässigerweise es ist uns egal, welche Arbeitsplätze wir in unserem Land haben."

Markus Blume, CSU

"Das Thema Erderwärmung und Klimawandel ist eine Existenzfrage. Und wenn wir so weitermachen, schaffen wir das nicht."

Margarete Bause, Bündnis90/Die Grünen

"Wo ich ein Problem habe, ist der Glaube, die Politik kann alles in ihrer Amtsstube durchregulieren. Das wird nicht funktionieren."

Daniel Föst, FDP

Der Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der Umweltbeauftragten der deutschen Diözesen, Michael Kiefer, hat den Eindruck: bis auf die AfD, die den menschengemachten Klimawandel leugnet, wollen alle Parteien etwas gegen den Klimawandel und für eine bessere Umwelt unternehmen, aber:

"Man konzentriert sich auf einzelne Baustellen, aber der Blick für das große Ganze fehlt. Klimapolitik, Klimaschutzpolitik ist eine politische Querschnittsaufgabe, darauf ist Politik nicht eingerichtet. Und es fehlt am Bewusstsein bei der Bevölkerung, was die Dramatik des Klimawandels angeht und ich glaube, dass deshalb die Politik angehalten ist auch stärker ordnungspolitisch in das Themenfeld reinzugehen."

Michael Kiefer, Arbeitsgemeinschaft der Umweltbeauftragten der deutschen Diözesen

Thema 3: Flucht und Zuwanderung

"Dort, wo es um humanitäre Hilfe geht, darf es keine Obergrenze geben."

Florian Pronold, SPD

"Wenn wir von deutscher Leitkultur reden, dann müssen wir den Menschen eben mal beibringen, was Kant bedeutet, was Hegel bedeutet und natürlich auch, was Marx bedeutet - gerade den Kollegen von der CSU."

Ates Gürpinar, Die Linke

"Es ist nicht nur christliche Verantwortung, hier 'Willkommen' zu rufen und die Menschen aufzunehmen, sondern auch der Frage nachzugehen, wie die Hilfe langfristig gelingen kann."

Markus Blume, CSU

"Wie dumm ist das denn, Menschen die sich integrieren wollen, die einen Job haben, die einen Ausbildungsplatz haben, Betriebe, die die Menschen brauchen, denen das zu verbieten?"

Margarete Bause, Bündnis 90/Die Grünen

"Was ich jetzt hier gerade gehört habe, das klingt wie im Streichelzoo. Was machen wir denn mit den Afghanen, das sind Taliban, die hierhergekommen sind?"

Martin Hebner, AfD

Bei diesem Thema knirscht es derzeit am Gewaltigsten - gerade zwischen Staatsregierung und Kirchen. Simone Leneis, Mitarbeiterin am Zentrum Flucht und Migration an der katholischen Universität Eichstätt, glich die Positionen der Politiker mit der Haltung von Papst Franziskus ab und kam zu dem Schluss:

"Es gab ein Trio, die Linke, die Grünen und die SPD, die am meisten Menschlichkeit und Humanität verkörpert haben – einfach was der Papst Franziskus fordert. Was ich so schön finde: Er fordert die Globalisierung der Nächstenliebe, statt die Globalisierung der Gleichgültigkeit und da finde ich sind diese drei Parteien dabei. Weil in unserer globalisierten Welt wird die Gleichgültigkeit befördert."

Simone Leneis, Zentrum Flucht und Migration Universität Eichstätt

Tatsächlich schien mancher so kurz vor den Ferien im Hinblick auf die anstehenden Wahlen auch noch in der Gleichgültigkeit gefangen. Viele Sitzplätze bei der Veranstaltung im Renaissancehof des Kardinal-Döpfner-Hauses blieben leer …

  • Irene Esmann | Bild: BR / Alexander Brutscher Irene Esmann

    Irene Esmann berichtet für den BR aus Bayern mit dem Schwerpunkt Landespolitik und Kirche, sprich über Gott und die Welt


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Wanda, Mittwoch, 26.Juli, 20:38 Uhr

6. Umgekehrt würde ein Schuh draus...

Wie wär´s, wenn sich die Kirche mal den Fragen der Politiker stellen würde ? Anlässe gäb´s genug, und beileibe nicht nur wegen der widerlichen Missbrauchskandale

David, Sonntag, 23.Juli, 11:37 Uhr

5. "Die Verwesung der modernen Welt nicht zu spüren, ist ein Indiz der Ansteckung."

Die Kirche sollte sich wesentlich ehr einmischen. Leider ist die Kirche in Deutschland nicht ganz unschuldig. Sie leistet zu wenig Widerstand.und vermittelt häuig kaum noch den Glauben, der nicht nur aus reiner Menschenfreundlichkeit besteht. Die Rettung de Seelen ist ihre Aufgabe. Und das bedeutet auch mal kräftig dem Zeitgeist zu widersprechen. Von Abtreibung bis zur "Ehe für alle" sollte sie eindeutig Stellung beziehen. Oben genannte Parteien von der Linken bis hin zur AfD sind nicht christlich,
Und die Union in weiten Teilen leider auch schon lange nicht mehr.

"Die Verwesung der modernen Welt nicht zu spüren, ist ein Indiz der Ansteckung."

Nicolás Gómez Dávila

  • Antwort von Wanda, Mittwoch, 26.Juli, 20:41 Uhr

    Die Kirchen sollten erst einmal vor der eigenen Türe kehren: vermutlich gibt´s nicht genügend Besen...
    (Anm. d. Redaktion: Ein Satz gestrichen. Wir wünschen uns hier respektvolle Diskussionen. Bleiben Sie bitte sachlich. Respektieren Sie andere Meinungen!) Dieser Kommentar wurde von der BR-Redaktion entsprechend unseren
    Kommentar-Richtlinien bearbeitet.

Robert, Sonntag, 23.Juli, 11:20 Uhr

4. Trennung von Staat und Kirche

A.) Wer politisch Einfluss nehmen will soll kandidieren.

B.) Keine Bezahlung von Kirchengehälter durch den Staat.

Gerhard, Sonntag, 23.Juli, 09:48 Uhr

3. Die Kirche belastet diese Gesellschaft finanziell mit Milliarden.

Die Gegenleistung für das viele Geld der Steuerzahler sind Belehrungen, Kritik, Gebote, Vorschriften und Kirchenasyl für abgelehnte Wirtschaftsflüchtlinge. Die Kirche sollte für diese großzügige Finanzierung dankbar sein und sich nicht in die Politik einmischen.

  • Antwort von Erwin, Sonntag, 23.Juli, 11:27 Uhr

    Das stimmt. Das ist echt wahr. Wir brauchen keine zweite kirchliche Regierung und keinen rechtlosen kirchlichen Raum. Niemand darf Gesetze verletzen und dabei mit Religion argumentieren.

Blechmann13, Sonntag, 23.Juli, 09:42 Uhr

2. Wahre Worte...

"... Weil in unserer globalisierten Welt wird die Gleichgültigkeit befördert." (oder wohl eher "gefördert")

Damit lassen sich alle genannten Punkte auf einen Nenner bringen.
Und derzeit sieht es eher danach aus, als würde diese "ungezügelte Globalisierung" wachsen wie Unkraut...
Daher können unseren lieben Politiker, wie auch der Papst, so viel fordern, philosophieren und schöne Reden schwingen wie sie wollen,
am Gesamtergebnis wird sich nichts ändern, solange weiter auf dieser Schiene gefahren wird.

Und das ist das Problem. Es ist wirklich eine Schiene, und keine Fahrbahn.
Es ist quasi, ohne Einwirkung von außen (=Katastrophen), gar nicht mehr möglich die Richtung zu ändern, man kann den Zug höchstens noch verlangsamen, aber der Abgrund kommt trotzdem immer näher...

mfg