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Blackbox Heim Behinderte Kinder hinter verschlossenen Türen

Eingesperrt, isoliert, fixiert: Nach Informationen von BR Recherche sind Kinder mit geistiger Behinderung in bayerischen Heimen freiheitsbeschränkenden Maßnahmen ausgesetzt. Das Sozialministerium bestreitet die Einschlüsse.

Von: Christiane Hawranek, Lisa Wreschniok (BR Recherche), Michael Kubitza (BR24)

Stand: 06.04.2016

Eine Kleinigkeit genügt, um eine Krise auszulösen. Dann liegt der 17-jährige Leon am Boden, schreit, schlägt um sich. Der Sohn von Sabine Richard ist schwer behindert, ein Autist. Irgendwann entscheidet die Mutter schweren Herzens, ihn ins Heim zu geben. In mehreren Einrichtungen stellt sie ihren Sohn vor. Überall wurde sie gefragt: Stimmen Sie zu, dass wir Ihren Sohn einsperren?

"Das war für mich total verstörend. Die können doch nicht die Kinder in die Zimmer einsperren! Das Argument ist: Das brauchen die Kinder zu ihrem Schutz. Das kann auch mal sein, aber nicht in der Masse."

Sabine Richard, Mutter eines behinderten Jungen

Ohne Unterschrift kein Heimplatz?

Sabine Richard - die wie ihr Sohn in Wirklichkeit anders heißt - hat mit sich gerungen, ob sie an die Öffentlichkeit gehen soll. Sie weiß, der Job der Betreuer ist hart. Sie bieten ihrem Sohn den immergleichen strukturierten Alltag, der im Familienleben unmöglich ist. Was ihr aber schlaflose Nächte bereitet hat: Sie hat zugestimmt, dass ihr Sohn eingesperrt werden darf, wenn er aggressiv wird. Sabine Richard fühlte sich unter Druck gesetzt: Ohne Unterschrift kein Heimplatz.

Kann das sein? Das Heim beantwortet diese Frage des BR nicht. Der Sprecher eines anderen Heims bestätigt im Interview mit BR Recherche:

"Wenn Eltern das nicht möchten, diese Maßnahmen aber unbedingt nötig sind, müssen wir schon überlegen, ob wir die richtige Einrichtung sind."

Heimsprecher der Diakonie Neuendettelsau

Blackbox Kinderheim

Um welche "freiheitsbeschränkenden Maßnahmen" - so das Amtsdeutsch - geht es?
Was ist erlaubt, was wird in Bayern tatsächlich angewandt?

Zimmerpause, Nachteinschluss und Time-Out-Raum

ELT - Einschluss laut Tagesplan - steht in den Protokollen eines Heims. Bis zu 16 Mal am Tag, dazu die ganze Nacht wird ein Junge in seinem Zimmer eingesperrt. Die Maßnahme gilt laut Heimleitung der "Beruhigung, Entspannung und Erholung" etwa bei Kindern mit Unruhezuständen und agressiven Tendenzen. Dazu kommt die anlassgebundene und kurzfristige Verbringung der Kinder in sogenannte Time-Out-Räume.

Spezialbetten und Fixierungen

Oft sollen Zelthimmel über den Betten zur Beruhigung beitragen. Klappt das nicht, werden in der nächsten Eskalationsstufe Spezialbetten eingesetzt - käfigartige Konstruktionen, mitunter auch bloße Sperrholzverschläge mit Luftlöchern. Im Prinzip sollen die Kastenbetten von den Kindern zu öffnen sein - in der Praxis sind sie es oft nicht. Manche Kinder werden zum Einschlafen in ihren Betten fixiert, andere tagsüber auf Stühlen.

In einem Fall, den BR Recherche im Sommer 2015 aufdeckte, ermittelt die Staatsanwaltschaft. Doch es geht nicht nur um Einzel- und Extremfälle.

Eine offizielle Statistik über freiheitsbeschränkende Maßnahmen gibt es in Bayern nicht. Diese Recherchen in Zusammenarbeit mit der Wochenzeitung "DIE ZEIT" legen nahe, dass in bayerischen Heimen Kinder immer wieder eingesperrt werden. Eine Umfrage unter Heimen bestätigt den Verdacht.

Infografik zur Umfrage von BR-Recherche

Nur 21 von 30 befragten Heimen antworten. Drei geben an, auf freiheitsbeschränkende Maßnahmen zu verzichten. 18 behalten sie sich vor. Die Heime rechtfertigen sich - es gehe um Deeskalation in Extremsituationen. Alle betonen, dass sie Freiheitsentzug nur in Einzelfällen anwenden, in Abstimmung mit den Eltern und nach Abwägung aller Alternativen.

Was das bedeuten kann, zeigen Schilderungen von Eltern behinderter Heimkinder, dem Pflegepersonal und weitere Dokumente, die BR Recherche vorliegen. Drei Beispiele.

Berichte aus bayerischen Kinderheimen

Nächtlich Einschluss im Dunkeln

Franz Kurzmeier, ehemaliger Pfleger im Franziskushaus in Au am Inn, berichtet, dass er viele Kinder nachts systematisch wegschließen musste. Zum Beispiel einen geistig behinderten Achtjährigen - sprachgestört und hyperaktiv. "Wenn der nachts aufgewacht ist, war die Aufgabe, dass man ihn wegen motorischer Unruhe ins Zimmer einsperrt. Mit dem Erfolg, dass der Bub 20 Minuten gegen die Tür geschlagen und noch mehr geschrien hat. Irgendwann hat er aufgegeben - ich sag mal, wegen Erschöpfung - ist aber bis zum Morgen nicht mehr eingeschlafen." Wenn die Kinder sich nicht beruhigten, sei ihm empfohlen worden, von außen das Licht auszumachen.

Eingepfercht in der "Pferdebox"

Eine Mutter berichtet von einem Mädchen, das in seinem Zimmer eingesperrt war. Die Tür: zweigeteilt, oben ein Gitter, aus Holz gedrechselt. Wie eine Pferdebox.

"Die hat alleine in ihrem Zimmer gegessen und dann wurde die Tür zugesperrt. Und die stand dann an dem Gitter, mit den Händen an diesem Zaun und hat gejammert."

Eimer statt Toilette

Ein Ehepaar berichtet, was ein geistig behinderter Junge in einer Wohngruppe erzählt hat: Er werde nachts eingesperrt, bekäme einen Eimer hingestellt, auf dem er aufs Klo gehen solle.

Das Heim habe alles abgestritten. "Ich hab dem Sozialbetreuer gesagt, er soll sich das anschauen, und der hat auch die Eimer und die Urinflaschen gesehen und dann hieß es: Nee, nee, das ist nur, wenn sie krank sind."

Das Sozialministerium weiß von nichts

Erstaunlich: Das Bayerische Sozialministerium bestreitet, dass Kinder oder Jugendliche mit geistiger Behinderung in bayerischen Einrichtungen eingesperrt werden. In der Antwort auf eine schriftliche Anfrage der SPD-Landtagsabgeordneten Alexandra Hiersemann, die BR Recherche vorliegt, heißt es wörtlich:

"Kinder oder Jugendliche mit Behinderung werden nicht in Zimmern oder Time-Out-Räumen eingesperrt. Die Herausnahme eines Kindes aus der Gruppe oder das Verbringen in eine reizarme Umgebung, das kann das eigene Zimmer oder ein sogenannter Time-Out-Raum sein, dient etwa bei stark erethischem Verhalten (motorische Unruhe, leichte Erregbarkeit) zur Beruhigung. Die Zimmer werden dabei nicht abgesperrt."

Antwort Bayerisches Sozialministerium

Die vielen Schilderungen von Eltern behinderter Kinder im Heim und zahlreiche Dokumente, die BR Recherche vorliegen, belegen das Gegenteil. Zimmereinschluss, Fixierung, Time-Out-Raum - anders als bei Erwachsenen, die unter Betreuung stehen, muss bei Kindern kein Richter diese so genannten "freiheitbeschränkenden Maßnahmen" genehmigen. Es reicht die Zustimmung der Eltern. So hat es der Bundesgerichtshof in einem Urteil von 2013 entschieden.

Die Eltern, heißt es in der Begründung, können dies "in Ausübung elterlichen Sorge selbst genehmigen". Bei Volljährigen, die als nicht einwilligungsfähig gelten, muss jede Form der Freiheitsbeschränkung richterlich genehmigt werden, selbst das Hochfahren des Gitters am Pflegebett. Wie kann es sein, dass die Rechtssituation für Kinder eine völlig andere ist?

Experten schlagen Alarm

Logo BR24 | Bild: BR zum Video Familienrichterin Götz "Kinder sind mindestens so verletzlich wie Erwachsene"

Die Münchner Familienrichterin Isabell Götz fordert einen besseren gesetzlichen Schutz von Kindern in geschlossenen Einrichtungen: Was für Erwachsene gilt, solle auch für Kinder gelten. [mehr]

Professor Jörg Maywald von der National Coalition Deutschland, die sich für die Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention einsetzt, warnt vor einer Grauzone, in der Missbrauch Tür und Tor geöffnet sei.

Isabell Götz, Familienrichterin am OLG München und Vorsitzende des Deutschen Familiengerichtstages fordert, den Einsatz freiheitsbeschränkender Maßnahmen auch bei Kindern an eine richterliche Prüfung zu koppeln, so wie es bei unter Betreuung stehenden Erwachsenen der Fall ist. Eltern würde damit auch der Druck der Entscheidung genommen werden und die Einrichtungen müssten sich einer externen Kontrollinstanz stellen.


Das Bundesjustizministerium prüft den Vorschlag. Das Bayerische Sozialministerium sieht keinen Änderungsbedarf.

"Die Staatsregierung hält eine Genehmigungserfordernis für freiheitsbeschränkende Maßnahmen im Verlauf einer Unterbringung bei Kindern und Jugendlichen nicht für angebracht."

Stellungnahme Bayerisches Sozialministerium

Sabine Richard fühlt sich allein gelassen. Ihre pauschale Zustimmung zu freiheitbeschränkenden Maßnahmen hat sie zurückgenommen. Sie hat Angst, dass aus dem Ausnahmefall Routine werden kann. Zu schrecklich ist ihr der Gedanke, dass ihr Kind, wenn es Probleme macht, einfach weggesperrt werden kann - ganz legal.


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Schadendorf, Jörn, Sonntag, 10.April, 02:48 Uhr

60. Läuft hier nicht etwas völlig falsch? - Engagement von Angehörigen iat gefragt!

liebe Mutter dieses jungen Menschen,

ich bin heute noch glücklich, dass es mir gelungen ist meine altersdemente Mutter vor den Fängen eines Landeskrankenhauses zu bewahren.
Ich denke, dass es gar nicht so sehr auf das Alter eines Menschen ankommt, sondern vielmehr auf die "Lebensumstände" die es auszuhalten gilt. - Ich hoffe, dass es Ihnen so bald wie irgendmöglich gelingt freie, selbstbestimmte Lebensräume, für ihren Sohn zu entdecken.
Wer es toleriert, dass solche "Gefängnisse" für unbescholtene Menschen mit Behinderungen immer noch existieren, trägt, unter Umständen zur Rechtfertigung bei.

Bitte sammeln Sie all Ihren Mut zusammen und holen ihn sofort daraus!

Herzliche Grüße aus HH sendet Ihnen

Jörn

Plum, Freitag, 08.April, 20:01 Uhr

59.

Also ich wehre mich ebenfalls gegen die Bezeichnung "wegsperren". Diese Beschreibung impliziert, dass wahllos Menschen weggesperrt werden (...) Isolationen kommen dann zum Einsatz, wenn eigen- und fremdgefährdentes Verhalten vorliegt. Ich weiß wovon ich spreche. Ich habe erlebt, wie geistigbehinderte Menschen mit einer Verhaltensauffälligkeit einen Impulsdurchbruch bekommen. (...) Ich nehme es den Klienten nicht übel, sie können nichts dafür. Aber ich erwarte, dass gewährleistet wird, dass auch ich geschützt werde und oftmals ist das letzte Mittel eine zeitlich begrenzte Isolation in einem Time-Out-Raum. Dieser Kommentar wurde von der BR-Redaktion entsprechend unseren
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  • Antwort von Bim, Freitag, 08.April, 23:07 Uhr

    Stimmt, das hatten wir auch im Kinderheim... Mit den verschiedensten Verletzungen uns MA gegenüber.Da hatten wir manchmal zu tun schnell und möglichst unverletzt "davonkommen "(aus dem Zimmer das wir mit richterlichen Beschluss zu festgelegten Zeiten abschließen durften)Da geht der Schutz des Bewohners und aller drum rum Beteiligten vor..
    MANCHMAL REICHT DANN AUCH KEINE 1:1 Betreuung mehr. Alles hat 2 Seiten und bedarf professionellen Blickwinkeln.

  • Antwort von Plum, Sonntag, 10.April, 08:46 Uhr

    Richtig was Du schreibst. Es gibt immer zwei Seiten. Und wie eine etwaige Diagnose mit Impulsdurchbrüchen impliziert: die Betroffenen handeln oftmals impulsiv und die Ursachen sind nicht erkennbar. Und wenn dann eine statt einer 1:1-Betreuungn eine 4:1-Betreuung notwendig wird, dann wird es schwierig. Jeder weiß, dass solch ein hoher Personalschlüssel nicht machbar ist. Um räumliche Isolationen zu vermeiden, gibt es ja auch immer Bedarfsmedikationen noch, welche frühzeitig eingesetzt werden müssen. Ich sage es gerne nochmal: die körperliche Unversehrtheit alles Beteilligten, also des Betroffenen, der Mitbewohner UND der Mitarbeiter hat oberste Priorität!!!!

Stefan, Freitag, 08.April, 07:38 Uhr

58. wo es Sinn macht sollte es überprüft werden

Ich selber habe schon im Kinderhaus hier bei uns ein Praktikum gemacht und ich muß sagen hier gehen sie recht gut damit um oft suchen sich die Kinder da selbst den Tbezug sie nehmen eine geschlossene Tür als Sicherheit oder gehen die einen Time Out ohne das ein MA damit was zutun hat ... doch auch da gilt wie z.b. im franziskuswerk gemacht ... aller 5 Minuten nach dem Kind schauen und immer vor ort sein um bei wunsch wieder den raum verlassen zu können

Bim, Donnerstag, 07.April, 21:25 Uhr

57. Pädagogische Qualitätsbegleitung mit adäquatenm Personalschlüssel

Eine pädagogische Qualitätsbegleitung sollte Einrichtungen regelmäßig verpflichten "dran zu bleiben ".Das muss bei der Haltung der MA anfangen und persönliche Befindlichkeiten den Kindern gegenüber in professionellen Umgang wandeln. Regelmäßige Supervisionen können da helfen. Überbelegung in den Einrichtungen geht auf Kosten der schon anwesenden Kinder.Mitarbeiter arbeiten vor allem an Wochenenden mit ungünstigen Personalschlüssel...
Speziell in unserem Haus wird sehr,sehr überlegt und sorgsam mit Einschlüssen umgegangen.
Fazit: Bitte mehr professionelle Helfer und Weiterbildungspflicht - statt ständig wachsender Kostendruck . Gerade behinderte Kinder sind stolz auf Mitbestimmung und jedes Kind kann sich einbringen, eben auf seine Art
Bitte dran bleiben - Kindergärten werden da auch transparenter überprüft.
Liebe Grüße Bim
(...seit 24 Jahren in einer Heilpädagogischen Einrichtung tätig)

Zelia, Donnerstag, 07.April, 21:02 Uhr

56. Ebenfalls in Bayern erlebt

Ich muss sagen, dass das keinesfalls nur Behinderte betrifft. Eineinhalb Jahre habe ich eine therapeutische Mädchengruppe besucht aufgrund von Mobbing, die eine Art "Internat für besonders hilfsbedürftige Jugendliche" sein sollte. So wurde es uns und dem Jugendamt zumindest verkauft. Was ich dort erlebt habe, war eine Art Kleindiktatur. Wenn man nicht gehorsam war, wurde einem mit der Psychiatrie gedroht (was illegal ist, ich habe das damals mit dem Jugendamt besprochen), sowieso spärlich vorhandene Heimfahrten wurden gestrichen, als Druckmittel angewendet und Kollektivstrafen vergeben (eine hatte heimlich geraucht - in der Dusche (!!!). Da sich niemand melden wollte, wurde Zimmerzeit verhängt (so nannten sie das Einsperren in Zimmer. Sie wurden jedoch nicht abgeschlossen.). Ein Mädchen, welches eine sehr ausgeprägte Form vom Adhs hatte wurde als Strafe in ihr vorher von den Erzieherinnen leergeräumtes Zimmer drei Wochen lang eingesperrt. Das ist in Bayern wohl sehr verbreitet.