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Deutsches Kinderhilfswerk e.V. Interview mit Uwe Kamp zur Kinderarmut

93 Prozent der Kinder und Jugendlichen sehen zu niedrige Einkommen vieler Eltern als den wichtigsten Grund für Kinderarmut in Deutschland an. Das ist ein Plus von sechs Prozent gegenüber 2016. Dies ist ein Punkt im neuen Kinderreport des Deutschen Kinderhilfswerk.

Von: Angela Neulinger

Stand: 11.05.2017

Uwe Kamp, Pressesprecher des Deutschen Kinderhilfswerk e.V. | Bild: Deutsches Kinderhilfswerk e.V.

Interview mit Uwe Kamp, Pressesprecher des Deutschen Kinderhilfswerk e.V.

Kinderreport 2017

87 Prozent der Erwachsenen sehen zu niedrige Einkommen vieler Eltern als wichtigen Grund für Kinderarmut in Deutschland an. Die Situation von Alleinerziehenden sowie die Vernachlässigung des Themas durch die Politik, aber auch das Bildungswesen werden von ihnen ebenfalls als wesentliche Einflussfaktoren eingeordnet. So sehen große Teile von ihnen einen Zusammenhang zwischen zu geringer Unterstützung von Alleinerziehenden mit Kinderarmut (82 Prozent) und sind der Ansicht, dass sich Politikerinnen und Politiker zu wenig um Kinderarmut in Deutschland kümmern (75 Prozent). Dass von Armut betroffene Kinder weniger Chancen auf einen guten Bildungsabschluss haben und sich Armut dadurch fortsetzt, mahnen sogar 80 Prozent der Erwachsenen an.

54 Prozent glauben an einen zu geringen Zusammenhalt in der Familie als Ursache für Kinderarmut, und 37 Prozent sind der Ansicht, dass durch die wirtschaftliche Lage Deutschlands mehr Unterstützung nicht möglich ist. Das sehen im Übrigen auch die befragten Kinder und Jugendlichen so.

Frage BR: Wie viele Kinder sind in Deutschland und Bayern von Armut betroffen?

Uwe Kamp: Jedes fünfte Kind in Deutschland ist von Armut betroffen, nach derzeitigem Stand rund 19,7 Prozent. In Bayern sind die Zahlen deutlich besser, hier sind es rund 15 Prozent.
Seit der Einführung der sogenannten Hartz IV-Gesetze ist festzustellen, dass sich insbesondere die Kinderarmut in Deutschland deutlich verschärft hat. Die Zahl der von Armut betroffenen Kinder und Jugendlichen hat sich im Zuge der Hartz-IV-Gesetze mehr als verdoppelt. Neben dem frühzeitigen Wegfall des ALG I gibt es weitere Gründe: Früher wurde beispielsweise das Erziehungsgeld neben den Hartz-IV-Leistungen gewährt, also on top gezahlt. Nach Einführung des Elterngeldes wird dieses auf Hartz-IV angerechnet.
Unsere repräsentativen Befragungen für den Kinderreport, die wir seit Jahren von infratest dimap durchführen lassen, weisen immer in die gleiche Richtung. Die Meinungen zu Gründen für Kinderarmut in Deutschland stimmen bei Kindern und Jugendlichen sowie Erwachsenen weitgehend überein.

Frage: Welche Familien sind besonders gefährdet, in die Armut abzurutschen?

Uwe Kamp: Generelle Armutsursache Nummer Eins ist die Arbeitslosigkeit der Eltern. Drei Gruppen sind insgesamt besonders gefährdet: Alleinerziehende, Haushalte mit drei und mehr Kindern sowie Migrantenfamilien. Das Armutsrisiko von Alleinerziehenden ist nach wie vor sehr hoch; in den vergangenen zehn Jahren hat sich ihre Situation sogar weiter verschlechtert: 42 Prozent bezogen 2014 ein Einkommen, das weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens entsprach. Das sind 6,6 Prozent mehr als 2005. Bei Paarfamilien ist das Armutsrisiko im selben Zeitraum um 11,7 Prozent gesunken.

Der überwiegende Anteil der Alleinerziehenden sind Frauen. Ursache für ihre hohe Armutsrisikoquote sind insbesondere instabile und befristete Arbeitsverhältnisse und die oft mit frauentypischen Branchen einhergehenden geringen Stundenlöhne. Dazu kommen die steigenden Kosten nach einer Trennung oder Scheidung, geringe, unregelmäßige oder ganz ausbleibende Unterhaltszahlungen und mangelhafte Kinderbetreuungsmöglichkeiten sowie die unzureichende Ausgestaltung monetärer familienpolitischer Leistungen. Die Hälfte aller im Hartz IV-Bezug lebenden Kinder wächst bei Alleinerziehenden auf. Diese Kinder sind häufig Versorgungsdefiziten ausgesetzt, die sich auf ihre Gesundheit, ihre Chancen im Bildungssystem sowie auf ihr späteres Berufsleben auswirken können. Die Hälfte der Alleinerziehenden erhält überhaupt keinen Unterhalt für ihre Kinder. Weitere 25 Prozent bekommen nur unregelmäßig Unterhalt oder weniger als den Mindestanspruch. Zu den Ursachen liegen bisher nur sehr unzureichende Datenlagen vor. Der fehlende Unterhalt für die Kinder ist eine zentrale Ursache dafür, dass viele Ein-Eltern-Familien nicht über die Armutsgrenze kommen – und das, obwohl mit 61 Prozent die Mehrheit der alleinerziehenden Mütter erwerbstätig ist.

Frage: Wie ist die Tendenz im Vergleich zu den letzten Jahren?

Uwe Kamp: Die Kinderarmutsquote hat sich in den letzten Jahren auf einem hohen Niveau von nahezu 20 Prozent eingependelt. Das sind rund 2,7 Millionen Kinder und Jugendliche.

Frage: Was bedeutet arm sein für die Kinder? Wie erleben sie selbst ihr Leben?

Uwe Kamp: Kinderarmut wirkt sich in vielen Bereichen des Alltags aus. Beispiel Gesundheit: Kinderarmut und gesundheitliche Risikofaktoren gehen Hand in Hand und diese haben lebenslange Folgen. Trotz der prinzipiell kostenlosen Gesundheitsversorgung für Kinder und der kostenfreien Früherkennungsuntersuchungen werden insbesondere Mädchen und Jungen aus finanziell benachteiligten Verhältnissen von diesen Angeboten nicht erreicht.
Zahlreiche Untersuchungen haben drastische Alarmzeichen herausgearbeitet: Etwa eine deutlich höhere Säuglingssterblichkeit als in den oberen sozialen Schichten, eine zweimal höhere Mortalitätsrate durch Unfälle als bei Kindern aus privilegierteren Schichten, ein sehr viel häufigeres Auftreten akuter Erkrankungen und eine höhere Anfälligkeit für chronische Erkrankungen. Arme Kinder leiden häufiger an Karies, Infektionen, Asthma, Fettleibigkeit, Kopf- und Rückenschmerzen. Kinder in Armut leiden aber auch häufiger unter Stress und geringem Selbstbewusstsein. Gleichzeitig können Schutzfaktoren zu einer höheren Resilienz bei Kindern gegenüber den Folgen von Armut führen: Dazu gehört die Unterstützung durch die Familie und das soziale Umfeld oder auch das frühe Erlernen und Erleben von Mitbestimmung.

Für Kinder bedeutet Armut sehr häufig Ausgrenzung: Wer arm ist, kann seltener ins Kino und ins Schwimmbad gehen. Manche Kinder können ihren Geburtstag nicht feiern, weil kein Geld für Kuchen da ist oder kein Platz für Gäste. Für den Besuch von Kindergeburtstagen fehlt das Geld für ein Geschenk. Arme Kinder haben keine coolen Klamotten und können nicht mit shoppen gehen. Nicht einmal das Geld für die Busfahrkarte ist immer da. Auch um in den Urlaub zu fahren, reicht das Geld nicht aus. Kleidung spielt für manche Kinder und Jugendliche eine so große Rolle, dass sie darüber entscheidet, mit wem man befreundet ist und mit wem nicht. Arme Kinder können da nicht mithalten und müssen den Spott auf dem Schulhof ertragen.

Frage: Welche Hilfe gibt es für die Kinder/ Familien? Und wie kann diese beantragt werden? Wohin können sich Familien wenden, wenn Sie plötzlich in eine soziale Notlage geraten?

Uwe Kamp: Unter bestimmten Voraussetzungen werden staatliche Hilfeleistungen wie das Arbeitslosengeld II sowie das Sozialgeld, die Sozialhilfe, der Kinderzuschlag oder das Wohngeld gewährt. Die wesentlichen Bedürfnisse von Familien mit geringem Einkommen oder Eltern auf Arbeitssuche werden somit durch verschiedene Leistungen gedeckt. Was bei welcher Stelle beantragt werden kann, richtet sich nach dem Einzelfall. Um Ansprüche zu klären, sollten sich betroffene Familien vor Ort an eine Beratungsstelle wenden, beispielsweise der Caritas, der Diakonie, der Arbeiterwohlfahrt oder ähnliche.


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