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Kinderarmut in Deutschland Wenn die Not zum Alltag gehört

Fast jedes fünfte deutsche Kind gilt als arm. Das bedeutet: Sie können nicht ins Kino gehen, und Sonderausgaben wie eine neue Zahnspange sind ein riesiges Problem. In der Schule werden sie häufig gemobbt.

Von: Angela Neulinger

Stand: 11.05.2017

Einmal in der Woche trägt Leyla Zeitungen in München aus. Ihre Mutter Manuela lässt sie dabei nicht aus den Augen. Denn das Mädchen ist erst 13 Jahre alt. Leyla ist überglücklich, dass sie den Job machen darf und so ein paar Euro verdient. Von ihrem ersten selbst verdienten Geld will sie sich Schuhe kaufen und sich an den Kosten für ihre Zahnspange beteiligen. Ihre Mutter hat für solche Ausgaben derzeit kein Geld. Denn Manuela ist alleinerziehende Mutter von vier Kindern und auf Hartz IV angewiesen.

Allein mit vier Kindern

Die 36-Jährige weiß oft nicht, wie sie über die Runden kommen soll. Ein warmes Mittagessen zuhause ist nicht jeden Tag selbstverständlich und wird Richtung Monatsende immer schwieriger. Regelmäßig holt sie sich Nahrungsmittel von der Tafel für ihre Familie. Die vier Kinder sind von zwei verschiedenen Vätern. Beide Männer haben sie verlassen. Beide zahlen keinen Unterhalt. Jetzt ist sie alleine mit ihrem Nachwuchs und ihren Sorgen. Sie ist auf Unterstützung angewiesen.

Sonderausgaben bereiten schlaflose Nächte

Jede Sonderausgabe wird schnell zur Katastrophe. Doch wie soll man sich vor ihnen schützen, bei vier Kindern? Der Mutter bereiten zurzeit einige Extras schlaflose Nächte. Da ist zum Beispiel die Zahnspange von Leyla, deren Kosten nicht völlig von der Kasse übernommen werden. 426 Euro muss Manuela selbst dazu zahlen.

Hinzu kommen Ausgaben für ihre elfjährige Tochter  Sina. Sie leidet an ADHS. Manuela möchte ihr kein Ritalin geben, sondern versucht, die Krankheit mit pflanzlichen Mitteln zu bekämpfen. Damit hat sie gute Erfahrungen gemacht. Ritalin würde die Kasse zahlen, die pflanzlichen Mittel übernimmt sie nicht.  Außerdem ist ihr Fahrrad kaputt und auch der kleinste Sohn bräuchte ein neues. Ihr Auto hat Manuela schon lange aufgegeben. Dafür ist kein Geld mehr da.

Ein Leben in Armut

Stundenweise jobbt Manuela neben Haushalt und vier Kindern in einer Drogerie, obwohl sie gesundheitlich schwer angeschlagen ist. 165 Euro darf sie dazu verdienen. Alles, was darüber liegt, wird mit den Sozialleistungen verrechnet. Zur Ruhe kommt sie fast nie. Trotzdem kann sie ihren Kindern nur ein Leben in Armut bieten. Das nagt an ihr.

"Besonders schlimm ist es an Geburtstagen oder Weihnachten. Weil ich den Kindern einfach oft nichts schenken kann. Ich muss halt immer Nein sagen. Die Große würde sich so gerne wie ihre Freundinnen eine Butterbreze am Kiosk in der Schule kaufen. Aber das geht halt nicht."

Manuela H., Mutter von vier Kindern

Hilfe von der Arche

Seit acht Jahren sind Leyla und ihre Geschwister regelmäßig in der Arche in München-Moosach. Hier bekommen sie ein warmes Mittagessen, wenn es zuhause wieder einmal eng wird oder die Mama krank ist. An die 100 Kinder und Jugendliche aus sozial schwachen Familien finden in der Arche Hilfe. Dort bekommen sie neben einem  kostenlosen Essen auch Hausaufgabenbetreuung und Spiel- und Sportangebote. Larissa Rauter ist Seelsorgerin und Vertraute zugleich. Sie leitet die soziale Einrichtung, die sich fast ausschließlich über Spenden finanziert.

"Kinderarmut ist in Deutschland nicht offensichtlich. Man erkennt sie erst auf den zweiten Blick. Zum Beispiel wenn Kinder am Schlittenberg in Gummistiefeln herumlaufen, weil sie keine warmen Schuhe haben. Oder Winterjacken tragen, die viel zu klein oder kaputt sind, dann steckt oft Geldmangel dahinter."

Larissa Rauter, Leiterin der Arche München-Moosach

Jedes fünfte Kind lebt in Armut

Auch wenn die Armut bei Kindern nicht sichtbar ist, ist sie vorhanden. Und das erschreckend oft. Fast jedes fünfte Kind lebt in Deutschland in Armut. Menschen gelten als arm, wenn sie monatlich weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben. Bei einer Familie mit zwei Kindern entspricht das einem Nettoeinkommen von weniger als 2153 Euro netto. Besonders hoch ist die Gefahr arm zu werden bei Alleinerziehenden. Sie liegt bei 43,8 Prozent im Bund. In Bayern liegt sie bei 36,7 Prozent.

Buchtipp:

Alexander Hagelüken: Das gespaltene Land, Droemer Knaur, München 2017, ISBN: 978-3-426-78895-0

Soziale und gesundheitliche Nachteile für arme Kinder

Kinder, die in Armut aufwachsen, haben weniger Bildungschancen und ein deutlich höheres Krankheitsrisiko. Die meisten Familien schämen sich und entwickeln viele Strategien, um die Armut zu vertuschen.

"Viele Familien können sich keinen Computer leisten. Wenn die Kinder in der Schule dann eine Präsentation machen sollen, nehmen sie lieber eine 6 in Kauf, anstatt preiszugeben, dass sie keinen Computer haben. Manche Kinder erfinden Geschichten. Erzählen, dass sie in Hawaii im Urlaub waren oder in Rom. Einfach, um nicht ausgegrenzt zu werden."

Larissa Rauter, Leiterin der Arche München-Moosach

Arm in einem reichen Land

Soziale Ausgrenzung haben auch Leyla und ihre Geschwister schon oftmals erlebt. Die Achtjährige erzählt: "Ehrlich gesagt finde ich meine Situation nicht so toll. Ich würde halt schon mal gerne ins Kino gehen oder so. Ohne die Sorge ums Geld." Doch diese Sorge ist in der Familie allgegenwärtig. Vor Kurzem hat Leyla die Schule gewechselt, denn in der alten wurde sie aufgrund ihrer Armut gemobbt. Leyla hat es bereits in ihren jungen Jahren erfahren müssen, was es heißt, arm zu sein in einem reichen Land. Ausgegrenzt zu werden, weil die Familie kein Geld hat. Und das tut oft mehr weh, als ein Tag ohne warmes Essen.

Weitere Kontaktadressen:

Die Arche
Fon: +49 (0) 89 - 14 34 23 04
muenchen@kinderprojekt-arche.de
Arche Spendenkonto
Iban DE67 1002 0500 0003 0301 04       
BIC: BFSWDE33BER
Bank für Sozialwirtschaft
Deutsches Kinderhilfswerk e.V.
Fon: +49 (0) 30 - 30 86 93-0
dkhw@dkhw.de       
Spendenkonto
IBAN: DE23 1002 0500 0003 3311 11
Bank für Sozialwirtschaft
BIC: BFSWDE33BER
Stiftung Kartei der Not
Fon: +49 821 777 2121
info@karteidernot.de
Spendenkonto:
IBAN DE 54 7205 0101 0000 0070 70
BIC: BYLADEM1AUG


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Kommentare

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Birgit Ludwig, Donnerstag, 11.Mai, 19:26 Uhr

27. Kinderarmut in der Sendung Mehr/Wert

Es ist unsäglich wie Bürger ausgeplündert werden. Steuern zahlen - ein Steuerplus von über 700 Millionen - und dann noch für die eigene Armut zahlen bezw. spenden sollen - was für eine Gesellschaft - schämt ihr Euch nicht ???
Anstatt diese Politik anzuprangern werden in Eueren Sendungen wieder die Bürger angebettelt - macht doch mal was anderes das sich wirklich lohnt - sagt den Bürgern welche Aktionen sie machen können damit mehr Druck auf die Politik ausgeübt werden kann - unser Geld für uns und nicht für die Reichen Schmarotzer !!
Abgeordnete erhöhen sich selbst als aller erstes wenn sie gewählt sind ihre Diäten - ohne uns zu fragen - das ist KEINE Demokratie.

Roswitha HASENBURGER, Donnerstag, 11.Mai, 19:23 Uhr

26. Leylas Familie (Mutter mit 4 Kindern)

Ich würde gerne helfen, können Sie mir die Anschrift der Familie zukommen lassen?
Danke und mfg
Roswitha

Dieter, Donnerstag, 11.Mai, 18:18 Uhr

25. Ungleichheit: IWF fordert höhere Vermögensabgaben in Deutschland.

Ja wenn der IWF schon fordert dann muss es in Deutschland schon sehr schlimm zugehen.
Dann frag ich mal, wen man den wählen soll? Frau Merkel/Herrn Seehofer ja wohl nicht. Die SPD hat die letzten 20 Jahre ihre Wählerschaft verraten. Diese weltfremden GRÜNEN? Die neoliberade FDP, die genau jene Wählerschaft anspricht, die gezügelt werden muss? Die LINKE ... och nöööö!!! Da bleibt ja nur eine Alternative für.... aber da wird einem ja Standing eingeredet, wie rechtradikal die alle sind (sind sie das wirklich??????) ... Und JETZT kann jeder nachdenken, welche (dass die) Alternative denn wirklich was für die Wähler bringt!.
M.f.G.

  • Antwort von Haderner, Donnerstag, 11.Mai, 18:48 Uhr

    Wie dumm muss man sein um die AfD als Alternative zu sehen ?
    Was bietet diese Partei als Lösungsansatz für bestehende Probleme ?
    Nichts !
    Sie wollen nur in den Bundestag und Diäten abgreifen.

Alexander, Donnerstag, 11.Mai, 17:21 Uhr

24. Konsumschlacht

Ja, Kinder brauchen nicht Liebe und Zuwendung, sie müssen enfach nur bei der Konsumschlacht voll dabei sein. Sonst sind sie "arm". Hier wird auf materiell hohem Niveau gejammert.

Achmed , Donnerstag, 11.Mai, 16:42 Uhr

23. Ich finde uns geht es hervorragend

Jammer auf hohem Niveau.