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Eine schwierige Geschichte Katalonien, Spanien und die Unabhängigkeit

Carles Puigdemonts habe Katalonien in die größtmögliche Ungewissheit gestürzt, heißt es in Madrid. Seine verklausulierte Unabhängigkeitserklärung, stifte Verwirrung und trage keinesfalls dazu bei den Konflikt zwischen der Zentralregierung in Madrid und der Regionalverwaltung in Barcelona zu entschärfen.

Von: Christina Teuthorn

Stand: 11.10.2017

Der katalanische Präsident Carles Puigdemont unterzeichnete nach seiner Rede am 10 Oktober zusammen mit Regierungsmitgliedern und den separatistischen Abgeordneten im Regionalparlament ein Dokument zur Unabhängigkeit.

Die katalanische Flagge am Parlament

Darin heißt es unter anderem: „Wir gründen die katalanische Republik, als unabhängigen und souveränen Staat.“ Die offizielle Unabhängigkeitserklärung Kataloniens werde allerdings aufgeschoben, betonte Puigdemont. Stattdessen rief der Chef der Regionalregierung zunächst zum weiteren Dialog mit Spanien auf. Das vorerst letzte Kapitel in der langen Geschichte des Ringens zwischen Katalonien und Spanien.

1934 - ein eigenständiger Staat Katalonien wird ausgerufen

Es sind folgenreiche Worte: Am 6. Oktober 1934 ruft Lluis Companys, der Präsident der Generalitat, einen eigenständigen Staat Katalonien aus – allerdings innerhalb einer Spanischen Bundesrepublik.
Gerade einmal 10 Stunden dauert die politische Unabhängigkeit, dann unterdrückt die spanische Armee den Aufstand: Sie verhaftet die katalanische Regierung und deren Chef, Katalonien verliert sein Autonomiestatut, das es erst zwei Jahre zuvor erhalten hatte. Für die Katalanen ein traumatisches Ereignis, denn es wiederholt sich ein Schema, das sie nur zu gut kennen:

"Das sind Momente, wo der Zentralstaat bereits gewährte Autonomierechte wieder zurückgenommen hat."

Carlos Collado Seidel

Historiker Carlos Callado Seidel

Auch 1923 kassiert der Diktator Miguel Primo de Rivera bestehende kommunale Selbstverwaltungsrechte Kataloniens ein, und 1939 beginnen die Repressionen unter dem Gewaltherrscher General Franco:

Als die Franquisten in Barcelona einmarschieren, rächen sie sich auch dafür, dass die Katalanen im spanischen Bürgerkrieg auf den Seiten der Republikaner gegen ihn gekämpft haben: Das außer Kraft gesetzte Autonomiestatut von 1932 wird nun ganz abgeschafft. Katalanische Kultur und Politik werden unterdrückt, die katalanische Sprache verboten, Gegner wie Lluis Companys ermordet.

"Entsprechend wird Spanien eben als Unterdrückstaat verstanden. Und das ist ein Kontinuum, das sich das ganze 20. Jahrhundert hindurch erkennen lässt und auch von der heutigen Unabhängigkeitsbewegung nach wie vor so verstanden wird: Madrid als Unterdrückerstaat, der das Selbstbestimmungsrecht des katalanischen Volkes nicht akzeptieren will." Carlos Collado Seidel

Der Konflikt Barcelona - Madrid im 19. Jahrhundert


Dabei geht der eigentliche Konflikt zwischen Barcelona und Madrid, zwischen Katalonien und Kastilien noch weiter zurück: Er beginnt mit dem aufkommenden Nationalismus im 19. Jahrhundert.

"Das ist nun aber der Kernpunkt des Problems dieser Auseinandersetzung: Dass aus einer spanischen Perspektive die spanische Nation ja ohne Katalonien nicht vorstellbar ist, während eine katalanische Nation sich sehr wohl losgelöst vom spanischen Nationalverband darstellen lässt. Und das ist ein Konflikt, der sich nur schwer lösen lässt."

Carlos Collado Seidel


Im 19. Jahrhundert, als sich in Zentralspanien die Königreiche Kastilien und Aragón vereinigen, besinnen sich die Katalanen auf eigene Werte und historische Ereignisse und entwickeln eigene Nationalsymbole.

"Die Ketten zersägen" - die katalonische Nationalhymne


Es wird die Zeit kommen, wenn wir unsere Ketten zersägen“, singen auch heute noch die Katalanen in ihrer Nationalhymne. Der gewaltvolle Text der Ballade bezieht sich auf den Bauernaufstand im Jahr 1640, woraufhin sich die katalanischen Stände von der spanischen Krone lossagten. Auch der katalanische Nationalfeiertag bezieht sich auf ein blutiges Ereignis: Die Niederlage der Katalanen und Habsburger im Spanischen Erbfolgekrieg. 1714 eroberten die Truppen der Bourbonen und Kastilier Barcelona und schlossen das Parlament und die Universität, machten Stadtzüge dem Erdboden gleich.

"Die Kapitulation am 11.September bedeutete letztlich auch den Verlust der bis dahin bestandenen verfassungsrechtlichen Selbstständigkeit – wohlgemerkt innerhalb der spanischen Krone."

Carlos Collado Seidel


Erst nach dem Tod Francos gewannen Spanien und Katalonien wieder dauerhafte demokratische Strukturen: Spanien erhielt seine Verfassung, die Katalanen stimmten 1980 über ein neues Autonomiestatut ab, und wählten ihr eigenes Parlament mit eigenem Präsidenten. Allerdings ohne eine Finanzautonomie wie im Baskenland. Der katalanische Nationalismus lebt weiter, erklärt Carlos Collado, deutsch-spanischer Publizist und Geschichtsprofessor an der Universität Marburg.

"Nun sind in diesen vergangenen vier Jahrzehnten Generationen nachgewachsen, die Katalonien als ihre Bezugsgröße haben. Für die ist Spanien etwas Fernes, etwas nicht emotional Besetztes. Für sie ist Katalonien wie selbstverständlich, verkörpert es die eigene Nation"

Carlos Collado Seidel

Autonomiestatut Kataloniens gekippt

2006 versuchten die Katalanen, mit einem neuen Autonomiestatut mehr Macht für ihre Region zu erhalten. Doch 2010 kippte das spanische Verfassungsgericht entscheidende Artikel des Statuts. Ein Schlag für Katalonien, ein Gewinn für Madrid. Und Öl ins Feuer des alten Konfliktes.


Als am 1. Oktober 2017 spanische Polizisten auf katalanische Wähler einprügeln, kursieren die Videos innerhalb von Minuten auf den Smartphones in ganz Spanien. Nicht nur bei den Katalanen schmerzen die alten Wunden der Francozeit.

"Hier sind Erinnerungen wach geworden, und hier sind jene in ihrer Haltung bestärkt worden, die ein Kontinuum sehen von der Diktatur bis in die Gegenwart."

Carlos Collado Seidel

Hoffnung auf Dialog

Demo gegen die Unabhängigkeitspläne Kataloniens


Nach Meinung des deutsch-spanischen Historikers Carlos Collado Seidel sollte aus der Geschichte ganz klar eine Konsequenz gezogen werden: Madrid und Barcelona müssen endlich miteinander sprechen und überlegen, wie das politische System reformiert werden kann:

"Es wird nichts anderes übrigbleiben, als einen Dialog zu suchen. Natürlich wird aus spanischer und europäischer Perspektive der Verfassungsrahmen eingehalten werden müssen. Das heißt, man muss sich wieder auf den Boden der Verfassung stellen. Aber es bieten sich durchaus Perspektiven für den Dialog an: Das ist auf der einen Seite die von Katalonien geforderte Finanzautonomie oder auch eine grundlegende Reform der Verfassung hin zu einer tatsächlichen Föderalisierung des Landes."

Carlos Collado Seidel

Thema: Spalten statt vereinen – Macht Katalonien ernst? Dossier Politik, 11.10.2017,
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