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Valentins Komik Destruktion

Stand: 31.05.2004 | Archiv

Karl Valentin und Liesl Karlstadt in "Die Orchesterprobe" | Bild: Valentin-Erben / RA Fette

Seine berühmtesten Ablenkungsmanöver hält Valentin zweifellos in der "Orchesterprobe" ab. Valentin gibt in diesem Einakter nacheinander den Trompeter, Violinisten und Schlagzeuger. Die Gelegenheiten können nicht banal genug sein, dass er sie nicht zum Sabotieren der Probe nutzt. Ständig unterbricht er und provoziert den Kapellmeister (Karlstadt), indem er ihn in belanglose Diskussionen verwickelt. Das Ganze gipfelt in den hochphilosophisch geführten Diskurs über den Zufall.

Der Kapellmeister (Karlstadt) kann nicht mehr hinsehen.

In der Zwischenzeit gibt das klägliche Vorstadtorchester unsägliche Kostproben ab, sodass dem Zuschauer gar nichts anderes übrig bleibt, als jede Valentinsche Entgleisung als Erlösung von der Katzenmusik zu begreifen.

Achternbusch über Valentin

Herbert Achternbusch

Die Filmfassung von "Die Orchesterprobe" entstand 1933, also im Jahr der Nazi-Machübernahme - für Filmregisseur Herbert Achternbusch eine bedeutsame Tatsache: Er deutet den Querulantismus Valentins politisch. Grund: Der Musiker schert aus dem allgemeinen Takt aus und spricht "Marsch" wie "m Arsch" aus. "So gefährlich ist der", resümiert Achternbusch.

Komik - nicht von dieser Welt

Wie immer, bleibt Valentin auch hier im Streitgespräch stur und lässt keinen Konsens zu. Er beendet die Debatte mit seinem berühmten Ausspruch: "Sie ham halt a andre Weltanschauung". Valentins Denkebene ist nicht vereinbar mit der der anderen - sie ist nicht von dieser Welt.

Gegner aushebeln

Valentins Bockigkeit gegenüber Obrigkeiten erinnert zuweilen an die Lust des Kindes, Widersprüche bei Erwachsenen aufzudecken. Von daher ist es auch kein Zufall, dass er häufig die Personenkonstellation wählt: renitentes Personal vs. Autoritätsperson - wie in "Tingeltangel", wo der Musiker Valentin dem Kapellmeister erzählt, dass einer Frau im Postamt die Handtasche gestohlen wurde. Valentins unerbittliche Gegenargumentation hat fast sachlich-beamtenmäßigen Charakter, sein Opfer tappt von einer Falle in die andere (siehe nebenstehendes großes Bild).

Chaos und Katastrophen ...

Valentinsche Titel sind irreführend: "Der reparierte Scheinwerfer" ist am Ende nicht instand gesetzt. "Der Theaterbesuch" kommt ebenso wenig zu Stande wie "Der Kuhhandel". "Die Erbschaft" ist keine und "Im Fotoatelier" entsteht kein einziges vernünftiges Bild. So bleibt durch die Inkompetenz und Arbeitsverweigerung der Atelier-Angestellten, gepaart mit Rachegelüsten gegenüber ihrem Chef, am Ende ein Bild des Chaos' und der Verwüstung zurück. Valentins Programm ist überschrieben mit Misslingen.

Valentin lässt seine Opfer auflaufen.

In der "Orchesterprobe" steigert er sich langsam in einen wahren Zerstörungsrausch hinein; nicht umsonst greift er neben Trompete und Pauke immer wieder zum Maßkrug. Die verbalen Scharmützel mit dem Kapellmeister münden in das wunderbar groteske Gefecht zwischen beiden mit Taktstock und Geigenbogen.

Er spielt mehrere Instrumente gleichzeitig und findet zwischendurch immer noch Zeit für seine Faxen gegen den Kapellmeister.Nachdem Valentin anfangs nur verbal blockiert hat, brilliert er zum Schluss mit musikalischer Übererfüllung der Pflicht - und führt die Leistung des Orchesters damit erst recht ad absurdum.

... langsam gesteigert

Valentin erinnert in solchen Szenen zuweilen an den berühmten slow burn von Stan Laurel und Oliver Hardy. Auch das amerikanische Komikerpaar hat in den besten Filmen seinen Destruktionstrieb mit ungebremster Lust ausgelebt.

Oliver Hardy und Stan Laurel

Berühmtestes Beispiel ist wohl "Big Business" (1929), wo materielle Grundpfeiler des Bürgertums - Piano, Auto, Haus - in langsamer Steigerung des Schlagtaktes dran glauben müssen. Bei Valentin schaukeln sich aber weniger die Kontrahenten gegenseitig hoch.

Vielmehr verstrickt sich die Situation in immer neue Knoten; und das Lösen der Schlingen wird jedesmal rechtzeitig verpasst - bis die Katastrophe am Ende nicht mehr zu vermeiden ist.


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