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Valentins Komik Ablenkungsmanöver

Stand: 31.05.2004 | Archiv

"Nichts ist dir selbstverständlich. Alles bringst du in Bewegung, bis es aufbricht und entgleist und dann endlich ein zweiter oder dritter Hintersinn zu Tage kommt. Alles stellst Du in Frage, die Kategorien der Zeit, des Besitzens, der Identität, der Zahlen und Maße." Ernsthaft charakterisiert, aber Witz erkannt - Mit wenigen Zeilen hat die Schauspielerin Hanna Schygulla Valentins Komik-Prinzip gut eingefangen.

(Anti-)Logik

"Im Fotoatelier"

Valentin setzt in der Tat abendländische Maßstäbe außer Kraft, die der Sprache, die der Tabus und vor allem die der Logik - zum Beispiel "Im Fotoatelier": Der Meister kündigt dem Gehilfen (Valentin) und dem Lehrling (Karlstadt) seine zweitägige Absenz an, in der Hoffnung, sich auf beide verlassen zu können. Valentin hat aber einen viel besseren Vorschlag:

"Valentin: Oder solln wir die zwei Tage nicht lieber zusperren?
Meister: Das tät euch so passen, für was seid ihr denn da?
Karlstadt: Da san mir ja nimmer da, wenn ma zusperren."

Logisch, oder?

"Der verhexte Scheinwerfer"

Noch eine Kostprobe - aus dem "verhexten Scheinwerfer": Während einer Tanz-Vorstellung fällt auf einer Bühne eine Lampe aus. Der Varieté-Direktor ruft sofort die Elektriker (Valentin und Karlstadt) zur schnellstmöglichen Reparatur des Schweinwerfers.

"Direktor: Also wollen Sie so gut sein, schaun S'n halt amal an. Valentin: Ja, anschaun könn ma'n scho. Karlstadt: Ob er aber vom Anschaun alloa brennt, des glaub i kaum."

Auch logisch.

Die Minderleister

Valentin/Karlstadt wollen nicht und können nichts. Sie verkörpern das Prinzip der Minderleistung oder besser: die Verweigerung des Leistungsprinzips. Die Fotografen-Gehilfen versuchen, sich mit derart aberwitzigen Abwehrszenarien aus der Arbeit zu winden, dass sie sie im Irrealis formulieren müssen: "Er meint ja nur, wenn ein ganzer Gesangverein - oder tausend Leut komma täten."

Kundenbeschimpfung: "Auf eahna san ma net scharf."

Die Gehilfen sind fest entschlossen, während der Abwesenheit des Meisters keine Kunden zu bedienen. Als sie dann doch von welchen überrascht werden, versuchen sie, sie mit rüden Beleidigungen wieder loszuwerden. "Ihr Geschäft ist mir von einem Bekannten empfohlen worden." "Der soll sei Maul halten."

Engagement im Nebensächlichen

Dieselbe Strategie im "Verhexten Scheinwerfer": Eigentlich eilt die Instandsetzung, aber fast die Hälfte des Einakters vergeht allein mit der Diagnose des Schadens, die sich aber als eine einzige Farce erweist. Als Elektriker sind sie fachlich erschütternd inkompetent, beim Hinauszögern der Arbeit dagegen äußerst beschlagen ("Warum ham S' uns denn des gestern net gsagt, dass er net brennt?").

Fotografieren unmöglich: "Sie san z'lang."

Im Ablenken vom Wesentlichen und absichtlichen Verzetteln im Banalen entwickelt Valentin ungeheure Meisterschaft. Wenn es darum geht, Sand ins Getriebe zu streuen, ist er in seinem Engagement kaum zu bremsen.

Hinter Minderleistung steckt bei Valentin Strategie: Mit seiner Verweigerung drückt er seine Missachtung der Erzeugnisse bürgerlicher Kultur aus, zum Beispiel Porträtfotos: "Des könna S'Ihna denken, daß mir wegen dem Schratzen noch mal a Platten anpatzen," wehrt Valentin eine Kundin ab, die eine misslungene Aufnahme von ihrer Enkelin wiederholen lassen will. Und auch im "verhexten Scheinwerfer" stört Valentin den Betrieb nicht ohne Hintergedanken: Dadurch bleibt den Zuschauern die pathetische Darbietung einer Tänzerin erspart.


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