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Rückblick auf das Wahljahr 2017 Höhenflüge und enttäuschte Hoffnungen

Von 2017 haben sich die Volksparteien wohl mehr versprochen. Die SPD wechselte mit viel Rückenwind ihren Chef aus, machte bei der Bundestagswahl aber keine Stimmen gut. Die Union stürzte regelrecht ab. Und dann platzte auch noch Jamaika. Ein politischer Rückblick.

Von: Jörg Paas, Carola Brand

Stand: 27.12.2017

Hände mit Daumen hoch von Martin Schulz, Hände von Angela Merkel in der für sie typischen "Rautenhaltung" | Bild: dpa-Bildfunk

Große Frage zu Beginn des Jahres: Wen nominiert die SPD diesmal als Herausforderer von Kanzlerin Merkel? Anfang Januar der Paukenschlag. Sigmar Gabriel schlägt Martin Schulz als Kanzlerkandidaten der SPD vor. Und kündigt gleichzeitig seinen Rücktritt als Parteivorsitzender an.

Kleine Bosheit Gabriels: Seine Entscheidung gibt er nicht zuerst in den Parteigremien bekannt, sondern schon ein paar Tage vorher in einem Interview mit dem "Stern".

"Ich habe es der SPD nicht immer leicht gemacht, umgekehrt auch nicht immer. Aber es war eine tolle Zeit, und ich bin sehr froh darüber, dass mir die Sozialdemokratie in dieser ja nicht ganz einfachen Situation die Möglichkeit gegeben hat, sehr souverän einen Entscheidungsvorschlag zu machen und ich von niemandem gedrängt wurde."

Sigmar Gabriel, ehemaliger SPD-Parteivorsitzender

März: Der Höhenflug des Martin Schulz

Rivalen um die Kanzlerschaft

Der Kanzlerkandidat und neue SPD-Chef Martin Schulz bekommt auf dem Parteitag im März viel Vertrauensvorschuss. Alle 605 Genossinnen und Genossen stimmen für ihn. Er selbst traut sich und der SPD den großen Wurf zu.

"Die SPD tritt an, um die stärkste politische Kraft in der Bundesrepublik Deutschland zu werden. ich trete an, um Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland zu werden."

Martin Schulz, SPD-Kanzlerkandidat und neuer Parteichef

Doch der erhoffte Schulz-Effekt bei den Landtagswahlen bleibt aus. Noch im März rutscht die SPD im Saarland unter die 30-Prozent-Marke, die CDU gewinnt mit großem Vorsprung.

Mai: SPD im Sinkflug, FDP im Aufwind

Im Mai gleich zwei Tiefschläge für die SPD: In Schleswig-Holstein verliert Rot-Grün die Macht und Daniel Günther von der CDU übernimmt das Amt des Ministerpräsidenten.

Auch in Nordrhein-Westfalen - Stammland der Sozialdemokratie - wird die SPD abgewählt. CDU-Kandidat Armin Laschet wird Ministerpräsident. Die FDP ist nun drittstärkste Kraft in Nordrhein-Westfalen, Parteichef Christian Lindner jubelt am Wahlabend.

"Wir haben uns unseren Fehlern gestellt. Wir haben uns erneuert, und deshalb: heute, an so einem Abend, darf man mächtig feiern."

Christian Lindner, FDP-Parteichef

Sechs Wochen vor der Bundestagswahl gibt sich Martin Schulz dennoch zuversichtlich.

"Ich rechne damit, dass ich eine gute Chance habe die nächste Bundesregierung anzuführen."

Martin Schulz, SPD-Kanzlerkandidat

September: Absturz der Volksparteien, AfD mit Rückenwind

Ergebnis der Bundestagswahl 2017

Dann ist er da, der Bundestagswahlabend, und das Ergebnis ist ernüchternd, jedenfalls für die Partner der großen Koalition. CDU und CSU verlieren zusammen fast neun Prozent, die SPD landet bei ihrem Allzeittief von gerade mal 20,5 Prozent. Nur die Kanzlerin gibt sich unerschütterlich.

"Ich kann nicht erkennen, was wir jetzt anders machen müssten."

Bundeskanzlerin Merkel am Tag nach der Bundestagswahl 2017

Die AfD ist nun drittstärkste Kraft im Bund und Spitzenkandidat Alexander Gauland kündigt an, die neue Bundesregierung könne sich "warm anziehen". Die AfD werde sie jagen.

Doch da gibt es erstmal nichts zu jagen, denn die Regierungsbildung erweist sich als schwierig.

Oktober: Jamaika nimmt Anlauf

Nachdem die SPD noch am Wahlabend erklärt, für eine Fortsetzung der Großen Koalition nicht zur Verfügung zu stehen, bleibt rechnerisch zunächst nur eine Alternative, um eine stabile parlamentarische Mehrheit zustande zu bringen: Jamaika - ein Bündnis aus schwarz, gelb und grün.

Jamaika nimmt Anlauf - Sondierungsgespräche

Also wird sondiert - mal auf dem Balkon, mal in geschlossenen Räumen; jeder Tag bringt neue Worthülsen hervor, ab und zu auch ein paar spitze Bemerkungen, die das Publikum am möglichen Erfolg der Mission zweifeln lassen. "Es fehlt hier an Grundvertrauen zwischen den Verhandelnden", stellt Wolfgang Kubicki, stellvertretender Bundesvorsitzender FDP, fest. Und Jürgen Trittin von den Grünen sieht in zentralen Fragen keinerlei Einigkeit.

Nur die Bundeskanzlerin verströmt unbeirrt Zuversicht.

"Ich glaube nach wie vor, dass wir die Enden zusammenbinden können, wenn wir uns mühen und anstrengen."

Angela Merkel, CDU-Chefin

November: FDP provoziert Bruchlandung

Lindner erklärt Aus für Jamaika

Tatsächlich passiert Wundersames. Schwarz-grün kommt sich näher. Anton Hofreiter und Alexander Dobrindt sind nach nächtelangen Diskussionen irgendwann mal per Du. Doch die FDP schert aus. Ausgerechnet, als draußen vor der Tür alle auf den großen gemeinsamen Auftritt warten, tritt Christian Lindner mit seinen Getreuen von der FDP allein vor die Kameras und erklärt, dass er nicht mehr mag.

"Den Geist des Sondierungspapiers können und wollen wir nicht verantworten. Viele der diskutierten Maßnahmen halten wir sogar für schädlich. (...) Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren."

Christian Lindner, FDP-Chef

Mit einem Mal wird deutlich, dass die Wähler die einst mächtigste Frau der Welt an die Grenzen ihrer Macht gebracht haben. Immer häufiger werden Neuwahlen ins Spiel gebracht, wohl in der Hoffnung, dass die Wähler Mitleid oder zumindest ein Einsehen mit den Politikern haben und beim nächsten Anlauf für andere Konstellationen sorgen könnten.

Dezember: Kleine Schritte Richtung große Koalition

Aber dann meldet sich der Bundespräsident mit einer deutlichen Mahnung zu Wort.

"Wer sich in Wahlen um politische Verantwortung bewirbt, der darf sich nicht drücken, wenn man sie in den Händen hält."

Frank-Walter Steinmeier, Bundespräsident

Die SPD im Dilemma

Einst war Frank-Walter Steinmeier selbst SPD-Kanzlerkandidat. Jetzt redet er seinem Nachfolger Martin Schulz ins Gewissen. Und der weiß nicht so recht, was er machen soll. Schließlich entscheidet der SPD-Parteitag für Sondierungen mit der Union, und Fraktionschefin Andrea Nahles gibt kämpferisch die Richtung vor: "selbstbewusst und ergebnisoffen" gehe die SPD in die Gespräche. Ob aus der Sondierung echte Koalitionsgespräche werden, auch darüber soll ein Parteitag abstimmen.

Am Ende: Zuversicht der Enttäuschten

Von Koko - sprich Kooperations-Koalition - und von der möglichen Duldung einer Minderheitsregierung ist zwischenzeitlich die Rede. Optionen, von denen die Union allerdings gar nichts hält. Die Kanzlerin will eine "stabile Regierung" und bleibt "generell immer zuversichtlich". Die Sondierung beginnt am 7. Januar 2018.


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