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Karneval in Venedig Touristenspektakel oder hohe Kunst?

Nach und nach haben die Venezianer ihre jahrhundertealte Karnevalstradition wieder entdeckt und präsentieren sie in den zweieinhalb Wochen vor Aschermittwoch. Die Stadt ist dann voll von Gästen aus aller Welt. Der neue künstlerische Leiter, Modemanager Marco Maccapani, hat für dieses Jahr angekündigt, den Karneval wieder den Venezianern zurückzugeben.

Von: Tilmann Kleinjung

Stand: 04.02.2016

Karneval Venedig | Bild: picture-alliance/dpa/Andrea Merola

Auf dem "Canareggio" Kanal wurde der Auftakt des Karnevals 2016 in Szene gesetzt. Ein Spektakel mit Akrobaten, Tänzern, Feuerschluckern. Mit dieser Show auf dem Wasser hat der neue künstlerische Leiter des Karnevals Marco Maccapani seine Visitenkarte abgegeben.

"Ich komme aus der Welt der Mode, ich habe also eine besondere Vision, was solche Events betrifft. Die Veranstaltungen am Abend müssen elegant sein. Ich will, dass die Leute sich daran erinnern, dass Venedig immer der Salon Europas war und es immer sein wird."

Marco Maccapani, Leiter des Karnevals

Disneyland für Karnevalstouristen

Regatta auf dem Canale Grande

Der Modemanager Maccapani wurde nach Venedig geholt, weil der Karneval seine Seele zu verlieren droht. In einer verhängnisvollen Mischung aus Kommerz und Kulturlosigkeit. Venedig wird zur Kulisse, zum Disneyland für Karnevalstouristen. Und immer weniger Venezianer begeistern sich für diese zweieinhalb Wochen vor Aschermittwoch, klagt Massimo Andreoli.

"Die Hotels und Restaurants müssen voll werden.  Alles wurde durchorganisiert. Als wäre der Karneval ein Produkt. Man kommt nach Venedig, um Kostüme zu sehen, so wie man ein Konzert von Sting besucht.  Aber der Karneval ist nicht zum Gucken! Beim Karneval muss man mitmachen! Und das müssen wir wieder entdecken."

Massimo Andreoli, Karrnevalsteilnehmer

Massimo Andreoli macht mit. Jedes Jahr, in der ersten Reihe. Der Venezianer organisiert den historischen Umzug, der am mittleren Karnevalswochenende einen der Höhepunkte einleitet: den „Flug des Engels“ über den Markusplatz. Eine junge Frau wird vom Glockenturm  von San Marco an einem Seil herabgelassen und unten am Platz vom Dogen und seiner Frau, von Landsknechten und Bürgern, Musikern und  Trommlern in Empfang genommen - alle in historischen Kostümen, so wie vor fünfhundert, sechshundert Jahren.

"Ich trage ein venezianisches Gewand aus dem 16. Jahrhundert, das ein normaler Bürger getragen hätte, zum Beispiel ein Kaufmann, jedenfalls kein Würdenträger. Das trage ich während des Karnevals und kehre so 600 Jahre zurück. Ich bleibe natürlich Massimo Andreoli, bewege mich nur in einem anderen historischen Umfeld."

Massimo Andreoli, Karnevalsteilnehmer

Maskierungen ohne Regeln und Sitte

In der Maskierung liegt der legendäre Ruf dieses Festes begründet. In den Karnevalswochen war Grenzüberschreitung gewünscht und gewollt: Standesgrenzen spielten keine Rolle mehr und die sonst gültigen Regeln der Sitte und Moral waren außer Kraft gesetzt.

"Venedig ist berühmt, nicht nur wegen Casanova. Es gab sicherlich diese Momente der heimlichen Begegnungen, versteckt hinter den Kostümen, die eine ganze Reihe von Liebeswirren erzeugten."

Massimo Andreoli, Karnevalsteilnehmer

Maskenbildnertradition vs. Plastikmaske made in China

Maskenbildnerin Marilisa Dal Cason

An der Geschichte der Masken lässt sich die Geschichte des venezianischen Karnevals erzählen. Auch die Geschichte eines Traditionsabbruchs. Maskenbildner waren im alten Venedig wichtige und geachtete Handwerker. Heute gibt es nur noch wenige Vertreter dieser Zunft. Zum Beispiel Marilisa Dal Cason. Ihre Werkstatt liegt in der Nähe der Rialtobrücke. Eigentlich eine ideale Lage, direkt am Touristenhighway. Doch viele Kunden verirren sich nicht zu Marilisa Dal Cason. Das liegt an den Läden, die in Venedig gerade wie Pilze aus dem Boden schießen. Souvenirshops, die sich auf das Niedrigpreissegment spezialisiert haben: Eine Plastikmaske made in China gibt es schon ab zwei Euro.

"Sie machen die ganze Stadt kaputt, sie schädigen nicht nur das Handwerk. Es entsteht das Bild einer Stadt, die verscherbelt wird. Das ist das, was die Leute sehen."

Marilisa Dal Cason, Maskenbildner

Handwerk hat seinen Preis. Wer bei Marilisa eine Maske kauft, muss mindestens 28 Euro ausgeben, und nach oben gibt es kaum Grenzen. Wenn gerade keine anderen Kunden im Laden sind, kann man dafür der Maskenbildnerin sogar bei der Arbeit zusehen und beobachten, wie eine venezianische Maske entsteht.

"Eine Maske besteht aus zwei Schichten Papier, dazwischen Klebstoff und eine letzte Schicht Mull. Dann werden die Augen ausgeschnitten, und die Maske wird mit Gips verputzt, damit sie glatt ist."

Marilisa Dal Cason, Maskenbildner

Echtes Handwerk eben, das man bei diesem Karneval sogar auf dem Markusplatz erleben kann. Noch so eine Idee des neuen künstlerischen Leiters. Er hat die traditionellen Handwerkskünste Venedigs aus den Werkstätten auf die große Bühne geholt, Maskenbildner und Kostümschneider, aber auch Gondelbauer und Glasbläser zeigen vor dem Karnevals-Publikum aus aller Welt den Reichtum einer Stadt, die mehr sein will als nur Kulisse.


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