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Neonicotinoide Werden die umstrittenen Insektizide endgültig verboten?

Neonicotinoide sind hochwirksame Insektizide und die am meisten eingesetzten bei der Schädlingsbekämpfung. Doch sie sind auch für Bienen und andere nützliche Insekten gefährlich. Die EU hat ihren Einsatz schon 2013 eingeschränkt. Ob es zu einem Verbot kommt, ist jedoch offen.

Von: Eva Huber und Michael Kraa

Stand: 21.07.2017

Mit Sorge blickt Landwirt Matthias Walser auf die Kartoffelpflanzen auf seinem Acker in Theißing im Landkreis Eichstätt. Der Grund: Kartoffelkäfer.

"Der ist jetzt im ganz jungen Stadium, aber das geht jetzt rasend schnell, wie er an Körpermasse zunimmt und sich vermehrt. Wenn man das nicht behandelt, dann breiten sich die Käfer im Nu aufs ganze Feld aus."

Matthias Walser, Landwirt, Theißing, Lkr. Eichstätt

Landwirte sehen wenig Alternativen

Um den Kartoffelkäfer zu bekämpfen, kann der Landwirt momentan noch Insektizide aus der Gruppe der Neonicotinoide verwenden. Würde die EU diese Wirkstoffe komplett verbieten, weil sie nachweislich Bienen und andere nützliche Insekten schädigen, hätte der Landwirt ein Problem.

"Ich sehe das sehr bedenklich, wenn die Wirkstoffgruppe abgeschafft würde, weil dann bleiben nicht mehr viele übrig. Die Kartoffelkäfer haben teilweise schon Resistenzen und wenn ich Neonicotinoide nicht mehr einsetzen kann, dann kann ich zwischen den Wirkstoffen nicht mehr wechseln und dann würde ich die Resistenz-Problematik noch mehr anfeuern."

Matthias Walser, Landwirt, Theißing, Lkr. Eichstätt

Wunderwaffe der 90er Jahre

So wie Matthias Walser sehen das viele Landwirte. Deshalb gehören die Neonicotinoide – kurz auch "Neonics" genannt – heute zu den meistverkauften Insektiziden weltweit. Anfang der 90er Jahre brachte der Bayer-Konzern das erste Insektizid dieser Gruppe auf den Markt. Die Landwirte waren damals dankbar, endlich ein wirksames Mittel gegen eine ganze Reihe von Schädlingen zu haben. Die Neonics werden eingesetzt gegen den Maiswurzelbohrer, gegen den Rapsglanzkäfer. Im Apfelanbau gegen Läuse. Ebenso beim Hopfen, bei Getreide, im Weinbau oder bei Zuckerrüben.

Die Neonics können nicht nur versprüht, sondern vor allem zur Vorbehandlung des Saatgutes eingesetzt werden, beim sogenannten "Beizen".  Das Saatgut ist quasi mit einer giftigen Schutzhülle ummantelt.

Bienensterben durch gebeizten Mais

Lange waren die Neonics ein Verkaufsschlager, doch 2008 passierte etwas Verheerendes: Im baden-württembergischen Rheintal starben massenhaft Bienen, 11.500 Völker wurden ausgelöscht.

Die Ursache war bald gefunden: Gebeizter Mais. Das Saatgut wurde mit einer sehr hohen Dosis eines Neonikotinoids behandelt. Da nicht sachgerecht gebeizt worden war, entstand beim Ausbringen eine Staubwolke aus Insektengift, die sich überall verteilte.

Eine Studie ergab, dass die Neonics für Bienen 5.000mal giftiger sind als das Supergift DDT. Deutschland zog damals die Zulassung für acht Produkte  zurück.

Katastrophale Auswirkungen auf Bienen

Längst sprechen sich Umweltschützer und einige Wissenschaftler dafür aus, die Neonicotinoide ganz zu verbieten. So auch der Bienenforscher und Neurobiologe Prof. Dr. Randolf Menzel von der Freien Universität Berlin. Er erforscht, wie sich Neonics auf das Gedächtnis der Bienen auswirken.

In einer Testreihe wird die Hälfte seiner  Bienen mit einer Zuckerlösung gefüttert, die eine kleine – nicht tödliche - Dosis des Neonikotinoids Thiacloprid enthält. Die andere Hälfte bekommt Futter ohne Gift. Dann trainiert er das Gedächtnis der Bienen. Sie werden mit einem Duft angeblasen. Und gleichzeitig gefüttert. Im Gehirn der Bienen wird der Duft so mit der Erinnerung an Essen verknüpft. Einen Tag später prüft Randolf Menzel, ob sich die Bienen an den Duft erinnern.

Das Ergebnis: In der Kontrollgruppe – ohne Neonics – erkennen rund 80 Prozent der Bienen den Duft wieder. Von den Bienen, die vorher mit dem Insektengift gefüttert wurden, sind es dagegen nur 20 Prozent.

"Die Biene kann sich nicht mehr gut erinnern. Sie nimmt nicht mehr am sozialen Kontakt teil. Sie kann nicht von anderen Bienen lernen – im Tanz, wo es was Gutes zu holen gibt. Sie kann auch nicht mehr gut navigieren. Sie ist in ihren gesamten kognitiven Fähigkeiten eingeschränkt – so, wie das auch bei Alzheimerpatienten auftritt."

Prof. Dr. Randolf Menzel, Freie Universität Berlin

Ein Bienenvolk kann den Arbeitsausfall von geschädigten Bienen zwar teilweise ausgleichen, sagt der Neurobiologe. Die Königin könne mehr Nachwuchs produzieren. Aber das Volk sei dann geschwächt und gegen einen kalten Winter oder die gefürchtete Varroa-Milbe nicht mehr geschützt.

Rechtsstreit um Teilverbot

2013 handelt die EU und verbietet bis auf weiteres die drei Wirkstoffe  Wirkstoffe Imidacloprid, Clothianidin und Thiamethoxam. Allerdings nur für Raps, Mais, Baumwolle  und Sonnenblumen. Doch die Diskussion geht weiter. Die Hersteller Bayer und Syngenta klagen gegen das Teilverbot vor dem Europäischen Gerichtshof. Umweltschützer und Imker kämpfen dafür, das Verbot auszuweiten.

Eigentlich sollte die EU schon 2015 eine Neubewertung der drei Wirkstoffe vorlegen. Und entscheiden, ob das Teilverbot bestehen bleibt. Doch das Moratorium wurde verlängert. Diese Woche wurde wieder darüber beraten. Die Entscheidung soll im Herbst fallen.

Beachtenswert

Obwohl die Neonics seit fast vier Jahren nur noch stark eingeschränkt verwendet werden dürfen, ist der Gesamtabsatz in Deutschland und Europa nicht zurückgegangen. In Deutschland wurden allein im Jahr 2015 mehr als 200 Tonnen reiner Wirkstoff an Landwirte abgegeben.

In Frankreich hat man eine nationale Lösung angekündigt: Dort sind ab September 2018 alle Neonicotinoide im Freiland verboten. Bis 2020 soll es allerdings Ausnahmeregelungen gegen.


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Imker L. Reif, Samstag, 22.Juli, 14:48 Uhr

5. Spritzmittel = Bienenkiller?

Sehr geehrter Georg Keckl(Kommentar 3),
in einer demokratischen Diskussion ist Ihre Meinung legitim, ich habe aber eine völlig andere Ansicht.
Die Milbe gibt es schon seit Jahrzehnten, mit Behandlung durch den Imker war die Verroa nicht so ein Problem.
In den vergangen Jahren beobachte ich aber immer mehr, die Bienenvölker an sich sind durch die höhe Pestizidbelastung so sehr geschwächt, dass die Verroa ihnen dann massive Probleme macht. Es ist jetzt das gesamte Paket, Pestizid, Verroa und Glyphosat(weiterhin durch die Regierung erlaubt). Sie können mir nicht erzählen, wenn meine Bienen morgens aufs Feld fliegen und es wurde oder wird gespritzt und es kommen fast keine mehr zurück, dass dann die Verroa diese Bienen tötet.

  • Antwort von Georg Keckl, Samstag, 22.Juli, 20:34 Uhr

    Ich habe Bienenforscher zitiert, Fakten statt Meinung. Noch wäre eine Meinung legitim, die vom grünen Mainstream abweicht. Wer glaubt Fakten und Meinung nach Gut&Böse selektieren zu müssen? (Link gelöscht, Anm.d.Red.) Es gibt "Beweise", die haben die Qualität von Beschuldigungen in Hexenprozessen: "Habe es gesehen"- Zahlen, Messungen? Es gibt keine Dauer-Exposition der Bienen mit Neonics, die Versuche hierzu sind so aussagekräftig und vorhersehbar wie das Ergebnis einer Dauerexposition mit Abgasen eines alten Käfers in einer luftdichten Garage. Es gibt sehr viele Studien über die Schadwirkung und "Todesursachen", aber in unsere Medien kommen hauptsächlich die, die alle ein Oberziel vereint: eine andere Landwirtschaft, egal wer die Welt ernährt, was es kostet, an Geld & Leben. Glyphosat und Neonics sind nur Popanze, Mittel zum Oberziel der neuen Weltrettungs-Glaubensgemeinschaft, Zweck heiligt alles. Typisch für Ideologien. GK Dieser Kommentar wurde von der BR-Redaktion entsprechend unseren
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  • Antwort von jetzt wird das Bild klar, Samstag, 22.Juli, 23:50 Uhr

    @ GK: Aha, eine Ideologe der konventionllen oder Gentechik-Landwirtschaft wirft anderen Ideologie vor. Fragen sie mal all die durch Pestizide geschädigten Bauern, die sagen ihnen was ganz anderes.
    Und kommen sie nicht mit Welternährung. Bsp: Sollte die Gentechnik wirklich 12 Mrd. Menschen ernähren können (ohne mal auf die Gefahren einzugehen), dann verhungert eben der 12 Mrd. und erste Mensch usw. Es wird nur das Niveau angehoben, nicht aber die Konsequenz abgeschaft, so bitter das auch ist, so wird es die Natur regeln.
    Davon abgesehen ist die ökologische Landwirtschaft der beste Ansatz, gerade für die vielen Kleinbauern in den Entwicklungsländern - angepasste Sorten u. Arten, je nach Standort. Auch hier könnten sie z. B. die 100.000 Bauern in Indien fragen, die erst Gentech-Saat gekauft haben und dann Pleite gingen und sich umgebracht haben - wenn sie noch leben würden.

  • Antwort von Francesco, Sonntag, 23.Juli, 10:39 Uhr

    @ L.Reif

    Nicht aufregen. Das Recht auf freie Meinungsäußerung in Deutschland, gepaart mit dem Internet bringt leider sehr viele "Pseudo-Wissenschaftler" hervor. Die Zeit, wo praktische Erfahrung / Erleben zählte, ist offensichtlich vorbei. Vermutlich bewegt sich Herr GK mehr im Netz, als in der freien Natur. Ansonsten könnte er sicher besser unterscheiden zwischen "Gutachten der Chemie-Riesen" und Realität.

Links Wähler, Samstag, 22.Juli, 10:32 Uhr

4. Auf keinen Fall!

Die CSU und allen voran C. Schmidt Landwirtschaftsminister unterstützen das Verbot z. B. von Glyphosat nicht sehr stark. Also im Umkehrschluß kommt das einer Unterstützung einer weiteren Erlaubnis gleich.
Wie kann man da noch die CSU weiterhin wählen?
Es ist ja nicht nur dieses Thema, die CSU/CDU ist mit an der Macht und hatte jahrelang Zeit etwas zu ändern. Wolllte man etwa nicht?
Die Themen Nitrat, Buchenwaldabholzung, Flächenversiegelung, Glyphosatverbot, Maismonokulturen u. Lärmschutz der Bevölkerung waren meist zweitrangig. Ich werde diese Parteien und natürlich auch die SPD nicht mehr wählen.

Georg Keckl, Freitag, 21.Juli, 22:47 Uhr

3. Macht der BUND jetzt die Sendung?

Das muß man erst mal journalistisch bringen, den absolten Hauptgrund für eine erhöhte Sterblichkeit der Bienen über den Winter, die mangelnde Bekämpfung der von Imkern eingeschleppten Vorroa-Milbe, nicht zu nennen. Aber da arbeiten die Chemiefirmen dran, die Bienen zu retten und die Milbe zu töten, lohnt sich zwar finanziell nicht, aber dann dürfte auch das absurde Thema weg sein. ZITAT aus der FAZ: Professorin Dorothea Brückner und ist eine der renommiertesten deutschen Bienenforscherinnen. "Denn, sagt Brückner, das bedrohliche, gern auch als mysteriös bezeichnete Bienensterben mit über den Winter massenhaft und in nie dagewesenem Ausmaß kollabierenden Völkern - bekannt aus Presse, Funk und Fernsehen - gibt es in Deutschland gar nicht". Peter Rosenkranz, Varroaforscher an der Universität Hohenheim: „Der wichtigste Faktor ist Varroa, der zweitwichtigste Varroa, dann kommt Varroa, und dann noch ein paar andere Einflüsse wie Viren oder die Imker selbst." Grüße: Georg Keckl

  • Antwort von Vertausch von Ursache und Wirkung, Samstag, 22.Juli, 19:57 Uhr

    Unsinn. Die Varroa-Milbe kann nur so gut wirken, da der Bienenorganismus durch Isektizide geschwächt ist. Das ist wie mit der Fichte: Die Fichte ist durch Stressfaktoren geschwächt und kann den Borkenkäfer dann nicht mehr gut genung abwehren.
    "Das deutsche Bienen-Monitoring" wird zur Hälfte von BASF, Bayer u. Syngenta finanziert - das sagt alles. Und in diesem Monitioring wird die Langzeitwirkung von Insektiziden auf Bienen gar nicht erst untersucht.

  • Antwort von Georg Keckl, Sonntag, 23.Juli, 05:13 Uhr

    Unsinn. Die Sterblichkeit der Bienen duch Varroa ist auch in Gegenden, wo nirgends gespritzt wird (Truppenübungsplätze, Heide), gleich hoch. Umgekehrt haben Siedler in Australien und Neuseeland die europäische Honigbiene eingeführt. Dort werden in intensivst-Ackerbaugegenden, die höchsten Weizenerträge der Welt kommen vom Süden der NZ-Südinsel, die Noenics uneingeschränkt eingesetzt und die Bienen zeigen keine Schäden, weil es dort keine Varroa gibt. Man muß nur an die "Vorschädigung" glauben statt wissen, dann paßt die Welt wieder. Es haben ja auch alle an das Waldsterben mit ab 1987 unabwendbaren großen Waldverlusten geglaubt, wehe man hat es geleugnet, und dass das vom "Saueren Regen" kommt. Die Welt geht unter, wenn wir nicht alle bio werden? Ohne die "grüne Revolution" hätten heute statt knapp 8 Milliarden Menschen weiterhin nur 3 mit mehr Hungernden als heute ernährt werden können. Wer nun rein nichts zu Ernähung der wachsenden Menschheit beigetragen hat, der soll Maßstab sein?

  • Antwort von Georg Keckl, Sonntag, 23.Juli, 05:54 Uhr

    Auch wieder typisch: Wer nicht meiner grünen Meinung ist, ist ein korrupter Wissenschaftler und Beamter, von den bösen Nur-Weltverderben, z.B. BASF, Bayer u. Syngenta finanziert. BMEL: "Seit 2010 fördert das Bundeslandwirtschaftsministerium das Deutsche Bienenmonitoring mit jährlich 400.000 Euro. Das Ministerium trägt damit jeweils 50 Prozent der jährlichen Gesamtkosten (800.000 Euro). Dies entspricht dem Finanzierungsanteil, der in der Vergangenheit vom Industrieverband Agrar e. V. (IVA) dafür jährlich übernommen wurde. Die verbleibenden 400.000 Euro wurden von den beteiligten Bieneninstituten der Länder erbracht." und "Das DeBiMo, das im Jahre 2004 etabliert worden ist, hat zur komplexen Thematik der Bienengesundheit, der Bienenhaltung und Bienenzucht bereits wertvolle Erkenntnisse geliefert." -
    Es ist ein Kooperationsprojekt der Arbeitsgemeinschaft der Bienenforschenden Institute der Länder und basiert auf der Teilnahme von etwa 120 Imkern mit mehr als 1.200 Bienenvölkern.

Matthias Hett, Freitag, 21.Juli, 21:30 Uhr

2. Neonicotinoide

Ich finde es erschreckend, dass bei uns das Thema noch immer verharmlost und in der breiten Öffentlichkeit nicht ehrlich diskutiert wird.
Mit Rücksicht auf die Landwirtschaftslobby und vor allem die chem. Industrie werden der Bevölkerung die bestehenden Umwelt- und Gesundheitsrisiken nach wie vor nicht deutlich gemacht. Aufklärung und Widerstand tuen not! Was nutzt uns ein "Umwelthaftungsgesetz", wenn das in diesem Fall nicht greift?
Ich fordere unser Umweltministerium auf, hier endlich zu handeln und die Öffentlichkeit aufzuklären.

Helmut Keller, Freitag, 21.Juli, 20:12 Uhr

1. Kartoffelkäfer

Zur Bekämpfung des Kartoffelkäfers kann auch Neem oder Novodor (BT) eingesetzt werden. Das Problem ist die einseitige Beratung der Bauern, und die Panikmache durch die Pflanzenschutzfirmen. Ich setze seit mehreren Jahren keine anderen Mittel mehr bei den Kartoffeln ein. Mit der Wirkung bin ich sehr zufrieden. Einfach mal probieren! Der Zeitpunkt der Anwendung ist entscheident.