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#factfox Warum kleben keine Insekten mehr auf der Windschutzscheibe?

Leitet die Aerodynamik moderner Autos Fliegen ab? Oder liegt es an einem dramatischen Insektensterben? Manche sagen auch: Meine Windschutzscheibe ist so verklebt wie eh und je. Was ist nun Sache?

Von: Gudrun Riedl

Stand: 25.05.2017

Ein toter Maikäfer und Nina Ruges Frage

Wolfgang Heckl und Nina Ruge unterhalten sich über Insekten | Bild: BR

Biophysiker Wolfgang M. Heckl diskutiert mit Buchautorin und Moderatorin Nina Ruge über Maikäfer und andere Insekten

Wie kam die Frage überhaupt auf? Auf Facebook BR24 wurde in den Kommentarspalten über eine Äußerung von Autorin Nina Ruge diskutiert. Sie war am BR Sonntags-Stammtisch, bei dem ganz am Ende der Sendung der Biophysiker Wolfgang M. Heckl ein Verschwinden der Maikäfer betrauerte. Ruge stellt daraufhin die Frage: "Warum gibt es keine Insekten mehr auf der Windschutzscheibe?" Der Stammtisch war zwar flugs bei einem neuen Thema, die BR24 Facebook Nutzer wollten der Sache aber auf den Grund gehen.

Vorweg: Ähnliche Beobachtungen gibt es gerade in jüngster Zeit häufiger. Prominentes Beispiel ist Winfried Kretschmann, gelernter Biolehrer und Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Er vermisst am Kühlergrill seines Dienstwagens tote Insekten, die da früher geklebt hätten.

Gibt es ein massives Insektensterben?


Auf Facebook wird das Thema noch lange nach der Sendung weiter diskutiert. Stanley G. postet, es könne an der Windschlüpfrigkeit der modernen Autos liegen, dass keine Insekten mehr an den Scheiben kleben. Peter H. verweist darauf, dass es um fast 70 Prozent weniger Ungeziefer gebe. Das kommt, so schreibt er, von den Schädlings- und Unkrautvernichtungsmitteln, welche alles abtöten. Würth v. H ergänzt, dass auch die Monokulturen Insekten den Garaus machten. Michaela B. wirft ein: "Dafür sorgen die Flieger die jeden Tag den Dreck sprühen".

Diskussion bis spät in die Nacht auf BR24 Facebook: Insektensterben?

Interessant - die genaue Zahl in der Diskussion: 70 Prozent weniger Insekten? Josef Settele ist renommierter deutscher Agrar-Biologe und Wissenschaftler am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung. Er weiß spontan, woher diese hohe Zahl kommt: vom Entomologischen Verein Krefeld. Diese Insektenforscher beobachten in fast 100-jähriger Tradition die heimische Insektenwelt. Sie machen dabei regelmäßig "Inventur". Zuletzt fiel dabei auf, dass die Menge der 2016 gefangenen Insekten um über 70 Prozent unter der lag, die in den 1980er Jahren gefangen wurde. Ähnlich alarmierende Werte wurden auch bei Regensburg gemessen.

Die Beobachtungen der Forscher sind von Region zu Region verschieden

Laut Settele ergibt sich aber noch kein eindeutiges Bild. Ja, bei vielen, schon seit Jahren seltenen Arten gebe es Rückgänge.

"Bei häufigeren Arten in unserer Landschaft ergibt sich ein gemischtes Bild. In einigen Regionen scheint es große Einbrüche gegeben zu haben, in anderen sind kaum Trends erkennbar, wobei hier sowohl der Zeithorizont, wie auch die betrachtete Artengruppe eine große Rolle spielen."

Josef Settele, Agrar-Biologe

Das erklärt, warum manche Autofahrer die Theorie vom massiven Insektensterben aus eigener Erfahrung nicht bestätigen können. Was bei der Recherche erstaunt: Settele und seine Forscherkollegen haben sogar immer wieder eigene Windschutzscheiben-Tests mit ihren Autos durchgeführt.

"Ich und einige Kollegen haben in den letzten Wochen bei schönem Wetter das mal versucht intensiver zu beobachten - und in der Tat war bei einigen Autos, die weniger windschlüpfrig waren (Geländewagen, Kastenwagen) durchaus ein beachtlicher 'Insektenbesatz' festzustellen, zumindst bei höheren Geschwindigkeiten von deutlich über 100 km/h. Ich selbst machte vor ca. 25 Jahren auch mal einen Versuch: Ich war mit einem Opel Ascona dieselbe Autobahnstrecke von 2-300 km an zwei aufeinanderfolgenden Tagen unter praktisch identischen Witterungsbedingungen gefahren, einmal mit ca. 100 km/h und einmal mit ca. 130 km/h. Die 'Einschläge' bei der höheren Geschwindigkeit waren mehr als 10mal so hoch wie die bei der niedrigeren."

Josef Settele, Agrar-Biologe

Geschwindigkeit + Schlüpfrigkeit + X = Saubere Scheibe


Er könne sich vorstellen, so Josef Settele, dass die bessere Aerodynamik kombiniert mit der Geschwindigkeit ein wichtiger weiterer Erklärungsfaktor für die Dichte an toten Insekten auf Windschutzscheiben darstellt. Und das können auch Autohersteller bestätigen. "Die Fahrzeuge sind strömungsgünstiger geworden" erklärt beispielsweise Dominic Stoiber von der BMW Group. Wichtig sei dabei aber noch ein weiterer Faktor - das Gewicht:

"Bei Steinschlag zum Beispiel reichen die aerodynamischen Kräfte nicht aus, die Flugbahn der Steine zu beeinflussen, weil diese zu schwer sind. Ebenso verhält es sich mit Vögeln oder schweren Insekten. Bei Fliegen hängt es von der Fahrgeschwindigkeit ab, ob diese an der Scheibe vorbeigeleitet werden. Bei sehr leichten Insekten wie Mücken reichen schon kleinere Geschwindigkeiten aus."

Dominic Stoiber, BMW

Auto im Windkanal

Der #factfox-Faktencheck im Ergebnis: Ja, es gibt Hinweise auf ein massives Insektensterben, auch wenn dies noch nicht in jeder Region zu beobachten ist. Auch haben die Autohersteller die Aerodynamik der Fahrzeuge erheblich verbessert. Wer dazu langsamer fährt und in keinen Schwarm dicker Hummeln kommt, hat lange eine klare Sicht.

BR24 berichtet regelmäßig über Neues vom #factfox: einem digitalen Werkzeug, das unsere Social-Media-Redakteure nutzen, um schneller und faktensicherer auf immer wiederkehrende Fragen zu antworten.

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EMGI, Dienstag, 30.Mai, 11:45 Uhr

11. Bitte

mir die Autobahnstücke melden, wo man noch schnell fahren kann. Dann habe ich auch Insekten auf der Scheibe. Im Dauerstau ist das Insekt nun mal sicher.

Traudl, Montag, 29.Mai, 14:57 Uhr

10. An C. Schmidt(Landwirtschaftsminister):

Herr Schmidt, Glyphosat hat nicht damit zu tun, oder?

websaurier, Montag, 29.Mai, 11:04 Uhr

9. Es geht schnell bergab...


In naher Zukunft werden wir unsere Pflanzen "von Hand" bestäuben müssen !!!
Dann ist es schnell vorbei mit dem Bevölkerungswachstum...

Wir werden uns gegenseitig umbringen, wegen einer Handvoll Getreide.

Nadine, Montag, 29.Mai, 09:35 Uhr

8. nettes Video

Schlau wie ein Fuchs. Cool!

Henning Pfeifer, Montag, 29.Mai, 00:48 Uhr

7. Mückenwolken im Olympiapark

Vor wenigen Tagen war ich am Kleinen Olympiasee. Da waberten riesige Wolken von Mücken. Der ganze See war davon bedeckt und ist es teils immer noch. Das ist sicherlich nur eine Momentaufnahme und sagt nicht mehr aus, als dass es dort gerade sehr viele Mücken gibt. Im selben Park und in der Umgebung hat sich die Gespinstmotte heuer massiv verbreitet. Viele kleinere Bäume sind eingesponnen. Also auch hier eine übergroße Menge an Insekten, die nach dem Schlüpfen rumschwirren.

Dass weniger Insekten auf Windschutzscheiben kleben, könnte evtl. damit zu tun haben, dass unsere Autobahnen immer breiter geworden sind und immer noch breiter werden. Für Insekten eher uninteressante Zonen. Möglicherweise sind auch deshalb weniger davon über den Fahrbahnen unterwegs.