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Die Erwartungen der Wirtschaft TTIP – Turbo für das US-Geschäft?

Vor allem Handel und Industrie trommeln für TTIP. Die Idee: Für Unternehmen diesseits und jenseits des Atlantiks soll es billiger und sicherer werden zu exportieren und zu investieren. Doch im Mittelstand sehen das viele anders. Von Katharina Adami und Michael Kubitza

Von: Katharina Adami und Michael Kubitza

Stand: 15.03.2016

Containerhafen | Bild: picture-alliance/dpa

Die Hoffnung der Wirtschaft: Wenn zum Beispiel keine Zölle mehr erhoben und Standards vereinheitlicht werden, können Unternehmen ihre Waren in Übersee künftig billiger anbieten. Dann werden sie mehr Umsatz machen und deshalb ihre Produktion hochfahren, also auch zusätzliche Arbeitskräfte einstellen. Damit hätten mehr Menschen einen gut bezahlten Job. Sie könnten sich mehr leisten. So könnte TTIP für mehr Wachstum und Beschäftigung sorgen, nicht nur in den exportorientierten Branchen, sondern in allen Bereichen. 

Beispiel: Bayerischer Käse für Amerika

Gabriel Felbermayr vom Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung in München nennt als Beispiel die Milchwirtschaft. Heute muss eine Molkerei, die Käse nach USA exportiert, Einfuhrzoll zahlen. Neben solchen "tarifären Handelshemmnissen" stößt sie auch auf "nicht-tarifäre Barrieren".

Bei Milch und Milchprodukten sind die US-Vorschriften in Sachen Hygiene, Produktion und Kennzeichnung strenger als in der EU. Die zusätzlichen Anforderungen verteuern bayerischen Käse in den USA erheblich. Handelsexperte Gabriel Felbermayr hat ausgerechnet, welche Kostenersparnisse durch TTIP für deutsche Milchprodukte möglich wären.

"Dann sind die ganzen Kosten nicht mehr da, diese 15 Prozent Zoll, diese 50, 60 Prozent nicht-tarifäre Barrieren. Dann reden wir von Preisen, die am US-Markt dazu führen könnten, dass man  deutlich mehr exportiert. Unsere Hochrechnungen gehen davon aus, dass sich die Exporte verfünf-, versechs-, sogar verzehnfachen könnten."

Prof. Gabriel Felbermayr, IFO-Institut

Hoffnungen und Befürchtungen in der Landwirtschaft

Pro und Contra in der Wirtschaft

Umfragen ergeben: Große Unternehmen hoffen vor allem, dass Zölle wegfallen. Die sind meist bereits niedrig, aber etwa der Kraftfahrzeugbau könnte davon noch stark profitieren. Weiteres Hauptthema: Die Vereinheitlichung von Zulassungsvorschriften und Standards. Daimler-Chef Dieter Zetsche: "Crash-Tests führen dazu, dass wir Hundertschaften von Autos gegen die Wand fahren und Milliardenbeträge aufwenden."

Anders ist das Stimmungsbild im Mittelstand. Laut einer Studie des Meinungsforschungsinstituts Prognos vom 10. März erwarten 62 Prozent "negative" oder "sehr negative" Effekte auf den deutschen Mittelstand. Auch die Auswirkung auf die Volkswirtschaft insgesamt sieht eine Mehrheit von 56 Prozent kritisch.

Von den 21,2 Millionen kleineren und mittleren Unternehmen in der EU exportieren bisher lediglich 150.000 in die USA. TTIP-Befürworter erhoffen sich neue Chancen im Maschinen- und Anlagebau, in der Metall-, Chemie- und Pharmaindustrie sowie in der Land- und Forstwirtschaft. TTIP-Gegner verweisen darauf, dass vom Freihandel überwiegend transnationale Konzerne profitierten. Viele "Kleine" fürchten um ihr Geschäftsmodell: Für viele bleibt der US-Markt weiterhin unerreichbar; stattdessen könnten weltweite Ausschreibungen lokale Anbieter vom Markt drängen und eine Absenkung der Standards einen Trend zu "Masse statt Klasse" begünstigen.       

Export-Import: die bayrisch-amerikanischen Handelsbeziehungen

TTIP: Ein Konjunkturprogramm?

Wie groß würde der Wachstumsschub sein? Fest steht: die EU ist bereits heute der wichtigste Handelspartner der USA. Zugleich ist die USA seit kurzem Deutschlands bedeutendster Exportmarkt. Zusammen leben im TTIP-Raum 800 Millionen Menschen und stellen fast die Hälfte der Weltproduktion her - ein riesiger Markt. Die Entwicklungsprognosen gehen auseinander. Die EU-Kommission rechnet innerhalb von zehn Jahren mit 0,5 Prozent Wachstum für das gesamte EU-Bruttoinlandsprodukt (BIP). Klingt wenig, wären aber immerhin zusätzliche Waren und Dienstleistungen im Wert von 120 Milliarden Euro. Gabriel Felbermayr rechnet für Deutschland langfristig sogar mit 1,5 bis 2,5 Prozent.

Andere Prognosen kommen zum Ergebnis, dass TTIP der EU gar kein Wachstum beschere. Im Gegenteil: Heute treiben die Firmen Handel vor allem innerhalb des gemeinsamen EU-Markts Handel. Wenn dieser quasi um die USA erweitert würde, könnten manche europäische Betriebe nicht gegen die neue Konkurrenz bestehen, so die Befürchtung. Statt zusätzlicher Arbeitsplätze drohe dann Arbeitsplatzabbau. Erfahrungen mit anderen Freihandelsabkommen sprechen für bescheidene Effekte: die nordamerikanischen Freihandelszone NAFTA etwa hat der Wirtschaft in Kanada und den USA kaum Auftrieb geschafft und Mexiko eher geschadet.

Welche Unternehmen werden von dem Handelsabkommen am Ende tatsächlich profitieren und welche Firmen werden eher unter dem gestiegenen Wettbewerbsdruck leiden? Was bedeutet TTIP wirklich für unsere Wirtschaft? Das lässt sich frühestens dann beurteilen, wenn das ganze Vertragswerk ausgehandelt ist.


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