Wie der illegale Handel den Terror finanziert

Produktpiraterie und Schmuggel Wie der illegale Handel den Terror finanziert

Stand: 24.08.2016

Produktpiraterie - Terror - Finanzierung | Bild: picture-alliance/dpa; Montage: BR

Ob Al Qaida, Hamas oder IS: Sie alle tauchen in Behördenakten weltweit als Produzenten oder Verkäufer von gefälschter und geschmuggelter Markenware auf. Auch der deutsche Zoll hat einen Zigarettenschmuggler verhaftet, der mit einem IS-Gefährder in Deutschland in Kontakt stand. Alles zum tödlichen Netzwerk in unserem Dossier.

Von Sabina Wolf, Wolfgang Kerler, Michael Kubitza (BR24), Christian Sonnberger (Grafik)

Ob an den Stränden in Spanien, Italien oder Frankreich: Deutsche Urlauber erwartet ein schier unerschöpfliches Angebot an gefälschten Markenprodukten - Turnschuhe, Sonnenbrillen, Handtaschen. Was deutsche Behörden öffentlich nicht sagen: Verfolgt man die Spuren der Fälscherware, findet man im kleinkriminellen Milieu Verbindungen zu den jüngsten Anschlägen islamistischer Terroristen in Europa.

So wie das blutige Attentat im Januar 2015 auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" und den koscheren Supermarkt in Paris. Zwei der drei Attentäter sind polizeibekannte Händler gefälschter Markenprodukte und Zigarettenschmuggler. Jean-Charles Brisard vom Terrorismusforschungsinsitit CAT in Paris hat die Finanzierung von Terrororganisationen analysiert. Sein Fazit: Schon seit 20, 30 Jahren verdienen Terroristen mit "illicit trade" Geld:

"Weil das so leicht geht. Und weil das hyper-rentabel ist. Man kann damit sehr leicht Margen erreichen von fünf oder zehn Mal so viel. Und das Ausgangsmaterial steht ja zur Verfügung. Bekleidung, Zigaretten, der Schmuggel. Das alles existiert."

Jean-Charles Brisard, Centre d'Analyse de Terrorisme

Barcelona: Straßenhändler und IS-Kämpfer

Straßenhändler in Barcelona

In Barcelona recherchieren das ARD-Wirtschaftsmagazin Plusminus und BR Recherche im Straßenhändlermilieu. Die Reporter wollen erfahren, wie die kleinkriminelle Szene der Piraterie-Dealer gestrickt ist. Denn aus solchen Milieus in Paris, Brüssel und Nizza stammten die Attentäter der letzten Anschläge.

Pape Diop, selbst ernannter Sprecher der Straßenverkäufer gefälschter Markenware in Barcelona, gibt im Interview unumwunden zu, dass ihm Gesetze völlig egal seien. Auf die Frage, ob auch Extremisten im Geschäft mitmischten, antwortet Pape Diop den Reportern vor laufender Kamera: Er sei gläubiger Muslim und das einzige, was illegal sei, sei nicht an Gott zu glauben.


Abends, wenn die offiziellen Läden geschlossen sind, bieten Diop und seine Kumpanen ihre illegale Ware an. Die Polizei schaut weg. Doch ab und zu finden Razzien statt, zum Beispiel dort, wo die Piraterieware lagert. Im Juli macht die Policía Nacional öffentlich, dass es einen Terrorbezug gibt: Unter zuletzt verhafteten Pirateriehändlern seien Kämpfer, die auf den offiziellen Terrorlisten stehen. Das spanische Innenministerium, bei dem der Fall mittlerweile unter "Terrorermittlung" einsortiert ist, will auf Anfrage keine weiteren Auskünfte geben.

Terrorbezüge auch in Deutschland?

Beschlagnahmte Kartons mit Schmuggelzigaretten

Anfang des Jahres ermittelt der Berliner Zoll in einem Schmuggelfall, bei dem ein Bezug zum sogenannten Islamischen Staat auffällt. Der in Syrien geborene Haupttäter mit deutschem Pass hat Kontakte zu einem IS-Gefährder in Norddeutschland. Am 11. Februar beschlagnahmen in Berlin über 100 Sicherheitskräfte einen Container mit rund sieben Millionen geschmuggelten Zigaretten der Marke Richman auf einem stadtnahen Gewerbegelände.

Plusminus und BR Recherche schauen sich dieses Gelände genauer an. Große Lagerhallen, nicht einsehbar von der Straße, anonymer Publikumsverkehr. Die Reporter bekommen einen Tipp und treffen den Berliner Haupttäter des Schmuggels während seines Hafturlaubes in Berlin-Neukölln.

"Das läuft schon lange"

Der in Syrien geborene Palästinenser mit deutschem Pass sei von einem Freund am Bau gefragt worden, ob er beim Zigarettenschmuggel mitmache. Für wen genau, wisse er nicht. Aber: "Das läuft schon lange, die verdienen damit Millionen."

Auch er hätte "vier Container im Monat machen sollen." Der Schlüsselfrage aber weicht er aus: Was hat er mit Terror zu tun? "Wenn Sie meine Meinung hören möchten zu Terror: Das ist Quatsch, das gibt es nicht. Das was in Frankreich passiert ist, ich denke mal, das ist von der Behörde gemacht."

"Keine Erkenntnisse" bei den deutschen Behörden

Obwohl der Mann Kontakt zu einem IS-Gefährder hatte und obwohl klar sein muss, dass ein internationales Netzwerk den Schmuggel eingefädelt und den Container vorfinanziert haben muss, sieht die ermittelnde Staatsanwaltschaft in Berlin in diesem Fall keinen Terrorbezug. Und auch dem Bundesinnenministerium liegen "keine Erkenntnisse vor, wonach terroristische Gruppierungen in größerem Umfang unmittelbar in Produktpiraterie und Schmuggel entsprechender Produkte involviert sind" -, trotz "engem Kontakt mit internationalen Partnern und deren Erkenntnissen."

Der deutsche Zoll jedoch ist alarmiert. Mit der Meldung "Nachts Zigarettenschmuggler - tagsüber Terrorist" lädt er nächste Woche nach Neuss (NRW) ein. Millionen von Schmuggelzigaretten der illegalen Marke "Richman" werden medienwirksam vernichtet. Terrorismusfinanzierung durch Zigarettenschmuggel - für den Zoll gibt es offenbar einen Zusammenhang.

Tatsächlich: Plusminus und BR Recherche stoßen in Polizeidokumenten, Studien und Gerichtsurteilen aus aller Welt auf dutzende belegte Fälle: Terroristen, die mit Zigarettenschmuggel und Produktpiraterie Geld machen. Schon IRA und ETA setzten darauf. Später auch: Hamas, Hisbollah, Al Qaida und IS. Der Anführer eines algerischen Al Qaida Ablegers ist unter dem Namen "Mr. Marlboro" bekannt.

Vom illegalen Warenhandel zum Terrorattentat

Louise Shelley ist US-Terrorexpertin, die vor dem Kongress zum Thema "Illicit Trade" ausgesagt hat. Anders als deutsche Behörden warnt sie vor der Finanzierung des Terrorismus durch scheinbar harmlose Kleinkriminalität wie Schmuggel und Markenpiraterie: "95 Prozent der Täter der jüngsten Terroranschläge in Europa hatten einen kriminellen Hintergrund."

Ein Informant, der die internationale Piraterie- und Zigarettenschmuggler bestens kennt, ist entsetzt, wie wenig die europäischen Behörden gegen die Schwarzmärkte unternähmen. Denn dies sei für Jihadisten eine geradezu ideale Art, sich in lokaler Währung ihren so genannten Heiligen Krieg ganz autonom zu finanzieren. Dass Bürger, "die mal eine billige Packung gefälschter Kippen oder gefälschte Nike-Turnschuhe kaufen, Terroristen damit unterstützen, ist perfide."

Seine Forderung: Insbesondere die deutschen Behörden sollten diesen Zusammenhang endlich öffentlich machen. An alle europäischen Länder richtet er den Appell, jeden Verkäufer von gefälschten Produkten und jeden Zigarettenschmuggler in einer Datenbank zu registrieren, um Terrorbezüge schneller enttarnen zu können.

Gefälschte Sportschuhe liegen am Dienstag (14.11.2006) im Hamburger Hafen auf einem Haufen. In 117 Containern wurden vom Zoll Markenfälschungen im Wert von 383 Millionen Euro entdeckt. Alle Plagiate werden vernichtet. Die geschredderten Turnschuhe sollen zu Bodenplatten für Sportplätze verarbeitet werden. | Bild: picture-alliance/dpa/Ulrich Perrey zum Artikel Terror und Produktpiraterie Ein boomender Milliardenmarkt

Terroristen haben die Produktpiraterie für sich entdeckt: Im Internet ist das illegale Geschäft einfach wie nie, Markenfälschungen aus China lassen sich bequem per Post ordern. Zoll und Industrie gehen gegen die Fakes vor - doch die Händler finden immer neue Tricks. Allein in der EU ist Produktpiraterie ein 85-Milliarden-Business - Jahr für Jahr. Von Sabina Wolf und Wolfgang Kerler [mehr]

Screenshot: Terrorattacke in Paris | Bild: BR zum Artikel Schmuggel und Produktpiraterie weltweit Terroristen verdienen mit

Die Sicherheitsbehörden fangen erst an, das Netzwerk aus Fälschern, Händlern und Terroristen auszuleuchten. Dabei ist es nicht neu. Islamistische Terrororganisationen verdienen weltweit an Produktpiraterie und Zigarettenschmuggel - wie zuvor schon ETA und IRA. Unsere interaktive BR Recherche-Grafik zeigt, wer mit was wieviel verdient. Von Wolfgang Kerler und Sabina Wolf [mehr]

Bankangestellte zählt Dollarnoten | Bild: picture-alliance/dpa/Xie Zhengyi zum Artikel Die Bilanz der Anschläge Blutige Anschläge für kleines Geld

"War on Terror", Wiederaufbau, Wirtschaftskrise: Über drei Billionen Dollar soll der 11. September 2001 die USA bis heute gekostet haben. Doch wie viel Geld brauchen Attentäter, um ihre Anschläge vorzubereiten und umzusetzen? Erschreckend wenig. Finanzströme frühzeitig zu erkennen, stellt die Ermittler vor Herausforderungen. Von Sabina Wolf und Wolfgang Kerler [mehr]