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Spitzelvorwürfe gegen Imame Die fragwürdige Rolle der DITIB in Deutschland

Die DITIB ist mit rund 900 Gemeinden der größte islamische Moschee-Verband in Deutschland. Seit Wochen gibt es Spitzelvorwürfe gegen Imame der DITIB. Was steckt dahinter und wie geht es weiter?

Von: Sebastian Kemnitzer und Ahmet Senyurt / ARD report München

Stand: 15.02.2017

Der Mann hat Angst, möchte sich nur unter bestimmten Bedingungen treffen. Kemal A., so nennen wir ihn, hat bis vor kurzem in verschiedenen DITIB-Gemeinden als Imam gearbeitet; jetzt ist er untergetaucht. Was er erzählt, klingt unglaublich:

"Seit dem Sommer haben die Religionsbeauftragten eine neue politische Agenda. Von den rund 1000 Imamen, die für DITIB in Deutschland arbeiten, übt jeder Zehnte eine Agententätigkeit aus. Als Imam sitzt du zwischen allen Stühlen. Hier der Moscheeverein, dem ich folgen soll. Dort das Konsulat, dem ich folgen muss. Und je nachdem, wer stärker Druck auf mich ausübt, in dessen Richtung drehe ich mich dann."

Kemal A

Mindestens 13 Imame haben laut Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen angebliche Gülen-Anhänger nach Ankara gemeldet. Imame, die in DITIB-Moscheen arbeiten sollen.

Spionage-Berichte von Imamen

Dem ARD-Politmagazin report München liegen mehrere Spionage-Berichte von DITIB-Imamen und von türkischen Konsulaten vor – aus Deutschland und sogar weiteren europäischen Ländern.

Die Berichte haben alle ein ähnliches Schema. Die Konsulate sammeln Informationen über Zitat „den Aufbau der die Religion ausnutzenden Terrororganisation FETÖ“, gemeint ist die Gülen-Bewegung. Mutmaßliche Organisationen und Anhänger werden aufgelistet.

In einem Konsulatsbericht aus München heißt es: „In Deutschland (…) haben große Teile unseres Volkes ihre Unterstützung beendet…“  Über die Deutschen beklagt sich der Verfasser: „Bei den lokalen Behörden konnten wir keine Maßnahmen gegen die Bedrohung beobachten.“ Das Generalskonsulat wollte sich nicht dazu äußern.

Der Islamwissenschaftler Michael Kiefer unterhält seit vielen Jahren Kontakte zu DITIB – er beklagt nun das verloren gegangene Vertrauen:

"Das, was in vielen Dialogzusammenhängen über Jahrzehnte an Vertrauen aufgebaut wurde, ist binnen weniger Wochen in Trümmern gelegt worden."

Michael Kiefer, Islamwissenschaftler

Wer ist DITIB? Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V. ist der größte islamische Moscheeverband in Deutschland mit rund 900 Ortsgemeinden.  Normalerweise kommen ihre Imame, die in DITIB-Gemeinden als Geistliche arbeiten, aus der Türkei. Sie sind Beamte und werden vom Staat bezahlt. So wie Kemal A. Damit hat die Diyanet, die oberste Religionsbehörde, Einfluss bis in die Moscheegemeinde.

Das ARD-Politmagazin report München fragt bei DITIB an, möchte mit einem Verantwortlichen vor der Kamera sprechen. Der Verband antwortet schriftlich: „DITIB ist nicht Dienstherr der Imame. In Gesprächen mit der Diyanet wurde um Aufklärung und Konsequenzen gebeten.“

Doch solche Erklärungen reichen deutschen Politiker jetzt nicht mehr aus. Sie fordern nun weitere Aufklärung.

"Es ist dringend geraten, dass DITIB, wenn sie weiterhin mit uns vertrauensvoll zusammenarbeiten wollen, was wir auf jeden Fall wollen, dass sie sich entsprechend erklären und sie müssen unabhängig sein von Diyanet und vom türkischen Staat."

Rainer Schmeltzer, SPD, Integrationsminister NRW

Doch eine Loslösung der DITIB vom Einfluss der türkischen Regierung  – das erscheint bislang eher unwahrscheinlich.


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